Im Mena-Talk mit Jasmin Arémi sprechen Shoxan Ahmad, Direktorin der Women Legal Assistance Organisation (WOLA), und Bakhan Jamal, Koordinatorin der lokalen Organisation ADWI in Kurdistan, über sogenannte Ehrenmorde, geschlechtsspezifische Gewalt und die Strukturen, die dies ermöglichen.
Der Begriff »Ehrenmord« ist umstritten. Für Bakhan beschreibt er jedoch in vielen Fällen sehr genau, was vor Ort geschieht: Frauen werden getötet, weil die Ehre ihrer Familie, eines Mannes oder einer Gemeinschaft verletzt wurde. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass solche Taten immer auch Teil geschlechtsspezifischer Gewalt sind. Die Vorstellung, ein Mann müsse über die Sexualität, die Beziehungen oder das Verhalten einer Frau bestimmen, bildet dabei den ideologischen Hintergrund.
Ein Ehrenmord ist selten eine isolierte Tat. Häufig geht ihm ein Prozess voraus, in dem Frauen schrittweise aus ihrem sozialen Umfeld gedrängt werden. Sie werden kontrolliert, bedroht, beschimpft oder von ihrer Familie und ihren Freundinnen und Freunden isoliert. Nachbarschaft und Gemeinschaft können diesen Druck verstärken, indem sie die betroffene Frau als »schlecht«, »gefährlich« oder beschämend markieren. Diese psychische Gewalt kann so weit gehen, dass Frauen jede Hoffnung verlieren. Manche werden getötet, andere in den Suizid getrieben. Deshalb kann laut den beiden Frauen, auch wenn eine Frau sich selbst das Leben nimmt, die gesellschaftliche und familiäre Gewalt, die dazu geführt hat, als Teil des Verbrechens betrachtet werden.
Es sind nicht ausschließlich Frauen betroffen, jedoch überwiegend. In einzelnen Fällen werden auch Männer unter dem Vorwand der Familienehre bestraft. Etwa wenn sie eine Beziehung führen, die ihre Familie nicht akzeptiert. Sie können zu einer Heirat gezwungen, ins Ausland geschickt oder selbst Opfer von Gewalt werden. Die Konsequenzen treffen Frauen jedoch deutlich häufiger und meist härter.
Was gilt als »Ehrverletzung«?
Die Gründe, aus denen Frauen angegriffen oder getötet werden, können äußerst geringfügig sein. Eine Liebesbeziehung, eine selbst gewählte Ehe, eine Nachricht oder ein Foto in den sozialen Medien. Manchmal bleibt der tatsächliche Anlass sogar unklar. Die Gewalt wird als Unfall, Hausbrand oder Suizid dargestellt, um den familiären Zusammenhang zu verschleiern.
Und auch soziale Medien haben diese Dynamik verschärft. Selbst ein Kommentar kann Gerüchte auslösen und eine Frau öffentlich zur vermeintlichen Schuldigen machen. Inhalte werden aus dem Zusammenhang gerissen, weiterverbreitet und kommentiert – wodurch die betroffene Person im realen Leben gefährdet wird. So gibt es Fälle, in denen Frauen nach einer öffentlichen Kampagne in sozialen Medien getötet wurden. Viele andere Fälle bleiben unsichtbar. Die sozialen Medien seien nicht immer der direkte Grund für einen Mord, könnten aber den Anfang einer Eskalation bilden.
Die Verantwortung liegt nach Einschätzung der Gesprächspartnerinnen nicht allein bei einzelnen Tätern. Auch Nachbarn, religiöse Autoritäten, Stammesführer und andere Mitglieder der Gemeinschaft können zur Gewalt beitragen, etwa durch Drohungen, Gerüchte oder die Aufforderung, die »Ehre« der Familie wiederherzustellen. Sie berichten von Fällen, in denen Nachbarn Männer dazu aufforderten, ihre Schwestern zu töten. Auch ältere Männer oder Mullahs könnten solche Vorstellungen legitimieren.
Zugleich seien es nicht nur Männer, die das System stützen. Auch Frauen innerhalb der Familie können Druck ausüben und die Bestrafung einer anderen Frau verlangen. So entsteht ein gesellschaftliches Geflecht, in dem die Familie die vermeintliche Ehre schützen soll, während die Gemeinschaft vorgibt, was als moralisch akzeptabel gilt. Die eigentliche Grundlage dieser Ordnung ist jedoch Kontrolle. Letztendlich geht es um die Kontrolle über den Körper, die Bewegungsfreiheit und die Entscheidungen von Frauen.
Unvollständige Zahlen, unsichtbare Fälle
Organisationen wie WOLA und ADWI unterstützen Frauen in gefährlichen Situationen, bieten rechtliche Beratung an, begleiten sie zu Behörden und vermitteln Kontakte zu Polizei, Gerichten oder Schutzorganisationen. In manchen Fällen werden Frauen vorübergehend in Schutzunterkünften untergebracht. Auch eine Hotline und digitale Beratungsangebote können eine erste Anlaufstelle sein. Doch der Zugang zu Hilfe bleibt schwierig.
Viele Frauen wissen nicht, an wen sie sich wenden können oder wie sie ihre Gefährdung einschätzen sollen. Manche werden bei der Polizei nicht ernst genommen. Andere werden aufgefordert, in ihre Familie zurückzukehren, also genau an den Ort, von dem die Gefahr ausgeht. Die Frauen schildern, wie schwer es für sie sein kann, staatlichen Stellen zu vertrauen. Eine Polizeistation wird nicht automatisch als sicherer Ort wahrgenommen, besonders dann nicht, wenn dort überwiegend Männer arbeiten oder die Betroffene mit Schuldzuweisungen rechnen muss. Wenn Schutzanordnungen nicht umgesetzt werden, kann der Gang zu einer Behörde die Gefahr sogar erhöhen.
Wie viele Frauen in Kurdistan und im Irak tatsächlich Opfer sogenannter Ehrenmorde werden, lässt sich nur schwer feststellen. Die offiziellen Zahlen erfassen nicht alle Fälle. Manche Taten werden als Selbstmord oder Unfall registriert, andere bleiben innerhalb der Familie verborgen. Im Gespräch werden für ein Jahr Polizeizahlen genannt, darunter Fälle von Tötungen, Verbrennungen, Selbstverletzungen und Suizidversuchen. Doch auch diese Zahlen bilden nach Einschätzung von Ahmad und Jamal nur einen Teil der Realität ab. Gerade bei Gewalt innerhalb der Familie ist es schwierig, Beweise zu sichern und Täter zur Verantwortung zu ziehen. Denn häufig sind die Angehörigen zugleich diejenigen, die den Zugang zu Informationen kontrollieren.
In der Region werden Tötungen von Frauen inzwischen stärker als Morde behandelt. Gleichzeitig bestehen weiterhin Lücken bei der Umsetzung von Gesetzen und Schutzmaßnahmen. Rechtliche Reformen können nur dann Wirkung entfalten, wenn Polizei, Justiz und Behörden entsprechend handeln – und wenn Frauen Zugang zu diesen Institutionen haben. Für die beiden Interviewpartnerinnen ist gesellschaftliche Aufklärung deshalb ebenso wichtig wie die Gesetzgebung. Es brauche ein Bewusstsein dafür, dass die Ehre einer Familie nicht über dem Leben einer Frau stehen darf.
