Im Schatten der Wahl in Marokko haben Rabat und Jerusalem vereinbart, ihre Beziehungen weiter aufzuwerten.
Marokko und Israel werden ihre bisherigen Verbindungsbüros zu vollwertigen Botschaften aufwerten. Diese Ankündigung – die von Beobachtern als »historisch« gewertet wird – erfolgte am 16. September in einer gemeinsamen Erklärung, die im Anschluss an ein Treffen zwischen dem israelischen Außenminister Gideon Saar und seinem marokkanischen Amtskollegen Nasser Bourita veröffentlicht wurde. Die beiden Politiker waren auf Vermittlung des US-Botschafters bei der UNO am Sitz der Vereinten Nationen in New York zusammengekommen. Außerdem wurden weitere hochrangige Besuche angekündigt, die zu weiteren Kooperationen führen sollen.
Im Rahmen der Abraham-Abkommen normalisierten Marokko und Israel 2020 ihre Beziehungen. Bilaterale Abkommen wurden unterzeichnet, etwa über Kooperation in der Landwirtschaft, im Energiesektor oder beim Militär, inklusive gemeinsamer Manöver.
Vergangenen Monat gab es erstmals seit fast drei Jahren wieder Direktflüge zwischen den beiden Ländern. Montags und mittwochs fliegt Arkia Israel Airlines zwischen dem Flughafen Ben Gurion und Marrakesch. Es ist die erste Nonstop-Verbindung, seit israelische Fluggesellschaften ihre Flüge dorthin nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 eingestellt hatten. Schätzungen des marokkanischen Tourismusministeriums zufolge besuchten im Jahr vor dem Angriff bis zu 200.000 Israelis das Land.
Interessantes Timing
Der Zeitpunkt der gemeinsamen Erklärung ist interessant. Am Mittwoch, den 23. September, fanden in Marokko die Parlamentswahlen statt. Die Erklärung fiel also mitten in den Wahlkampf. Das war innenpolitisch heikel. Laut einer Umfrage des Arab Center Washington D.C. von 2025 lehnen 89 Prozent der befragten Marokkaner die Anerkennung Israels ab. Wohl auch deshalb erfolgte laut Le Monde keine offizielle Kommunikation in Marokko. Schon bevor überhaupt eine neue Regierung gewählt wurde, wurden die Parteien vor vollendete Tatsachen gestellt.
Das Timing kann deshalb als Hinweis auf die institutionelle Stellung der Außenpolitik gelesen werden. Die Regierung bzw. die Parteien gingen mit Themen wie Beschäftigung, Kaufkraft, Sozialstaat, Gesundheit und Bildung in eine Wahl, bei der auch das Vertrauen in die Institutionen eine zentrale Rolle spielte. Gleichzeitig wurde diese außenpolitische Entscheidung unmittelbar vor der Wahl vorangetrieben. Das spricht dafür, dass das Königshaus die Beziehungen zu Israel als strategische Staatsangelegenheit behandelt, die nicht vom Wahlausgang abhängig gemacht wird.
Die einzige Partei, die öffentlich gegen den Schritt protestierte, war die islamistische PJD. Sie bekräftigte ihre »feste und unerschütterliche« Haltung gegen jegliche Form der Normalisierung oder Abkommen mit Israel. Zugleich riet die Partei jedoch ihren Mitgliedern, »Debatten zu diesem Thema zu vermeiden« und sich stattdessen »auf den Wahlkampf sowie die Hervorhebung der parteieigenen Erfolge und des Programms zu konzentrieren«.
Ein wichtiges Datum für Marokko: Am 31. Oktober soll der UN-Sicherheitsrat über die Zukunft der MINURSO-Mission in der Westsahara entscheiden. Die Analystin Intissar Fakir vom Middle East Institute deutete gegenüber Le Monde die israelisch-marokkanische Annäherung ausdrücklich auch in diesem Zusammenhang: Israel wolle zeigen, dass es in der arabischen Welt nicht isoliert sei; Marokko könne seinerseits versuchen, mit amerikanischer Unterstützung Einfluss auf die bevorstehende UN-Entscheidung zu nehmen.
Wachstum und Armut
Marokko ist aufgrund seiner strategischen Lage zwischen Europa, Afrika und Amerika, seiner vergleichsweise gut entwickelten Infrastruktur sowie einer jungen und zunehmend qualifizierten Bevölkerung in vielen Bereichen gut positioniert, hat aber weiterhin erhebliche soziale Probleme, wie die Jugendproteste des letzten Jahres zeigten. Etwa ein Fünftel der Erwerbsbevölkerung gilt als unterbeschäftigt – in Jobs, die nicht ihren Qualifikationen entsprechen.
Marokko verfolgt einen ehrgeizigen Entwicklungsplan. Die Fußball-WM 2030 – die das Land gemeinsam mit Spanien und Portugal ausrichten wird – ist dabei der kurzfristige, die geplante Nigeria-Marokko-Gaspipeline (ein geplantes Mega-Projekt zum Transport von Erdgas von Nigeria durch Westafrika bis nach Marokko und weiter nach Europa) der langfristige Anker.
Die WM beschleunigt Milliardeninvestitionen in Bahn, Flughäfen, Straßen, Tourismus und Städte; die Pipeline soll das Königreich zum Energiekorridor zwischen Westafrika und Europa machen. Dazu kommen Tanger Med (der an der Straße von Gibraltar gelegene größte und modernste Seehafen Marokkos sowie ganz Afrikas), die Automobilindustrie, Phosphate und Dünger sowie der Aufbau einer Batterie- und Wasserstoffwirtschaft. Je stärker Marokko in europäische und afrikanische Wertschöpfungs- und Versorgungsnetze eingebunden ist, desto größer werden seine strategische Bedeutung und seine Fähigkeit, internationales Kapital zu mobilisieren.
Blaubeeren und Avocados
Israelische Unternehmer und Technologie sind seit langem dabei. Dafür stehen Blaubeeren und Avocados aus Marokko, die man auch in deutschen Supermärkten immer häufiger findet. Die Blaubeersaison in Marokko beginnt bereits im Herbst. Je nach Anbaugebiet und Sorte können marokkanische Blaubeeren ab Oktober geerntet werden und anschließend über mehrere Monate auf den europäischen Markt gelangen. Dadurch ist Marokko eine wichtige Ergänzung zur europäischen Blaubeerproduktion.
Einer der Pioniere der marokkanischen Blaubeerindustrie war der Israeli Avi Weizman. 2007 gründeten die australische Costa Group, Weizman, der marokkanische Unternehmer Abdelatif Bennani sowie das britisch-irische Fruchthandelsunternehmen Total Produce gemeinsam African Blue. Schon 2008 begannen die ersten kommerziellen Pflanzungen. Was zunächst nach einem landwirtschaftlichen Experiment aussah, entwickelte sich zu einem Großbetrieb.
Ein weiteres marokkanisch-israelisches Gemeinschaftsprojekt ist eine Avocadoplantage des israelischen Agrarkonzerns Mehadrin. Gemeinsam mit einem marokkanischen Partner investiert das Unternehmen in den großflächigen Anbau für den europäischen Markt. Nur wenige Monate, nachdem Marokko und Israel Ende 2020 ihre Beziehungen normalisiert hatten, vereinbarte Mehadrin 2021 den Einstieg in die marokkanische Landwirtschaft. Dafür gründete das Unternehmen gemeinsam mit einem lokalen Partner eine Gesellschaft zum Anbau von Avocados. Der israelische Konzern hält nach veröffentlichten Angaben 51 Prozent, die marokkanische Seite 49 Prozent. Vorgesehen war eine Anbaufläche von rund fünfhundert Hektar.
Für Mehadrin war das ein ungewöhnlicher Schritt. Das Unternehmen exportierte zwar schon lange israelische Agrarprodukte auf internationale Märkte, doch Marokko sollte sein erstes eigenes Anbauprojekt außerhalb Israels werden. Die anfänglich geplanten Investitionen wurden mit rund achtzig Millionen marokkanischen Dirham angegeben, damals etwa acht Millionen Euro. Anfang 2024 begann die Bepflanzung. Bei voller Produktion soll die Plantage bis zu 10.000 Tonnen Avocados im Jahr liefern können.
Wie in Israel ist auch in Marokko Wasser ein knappes Gut. Israel ist weltweit führend in der Präzisionslandwirtschaft und setzt moderne Technologien ein, um die Ernteerträge zu maximieren und der starken Wasserknappheit zu begegnen. Der jüdische Staat gilt zudem als internationaler Vorreiter beim Wasserrecycling. Ein großer Teil des anfallenden Abwassers wird gereinigt und anschließend wiederverwendet, vor allem zur Bewässerung in der Landwirtschaft. Dadurch kann Israel seine begrenzten natürlichen Wasserressourcen schonen und die Wasserversorgung trotz des trockenen Klimas sichern. Ergänzt wird das Recycling durch moderne Entsalzungsanlagen und effizientes Wassermanagement.
Der bedeutendste Absatzmarkt für marokkanische Avocados liegt auf der anderen Seite des Mittelmeers. Rund 85 Prozent der Ernte sollen nach Europa gehen. Die antiisraelische Boykottkampagne BDS macht in den sozialen Medien bereits eifrig Reklame dafür: »Beachten Sie, dass Mehadrin – Israels größter Erzeuger und Exporteur von Obst und Gemüse – in Marokko angebaute Avocados exportiert. Achten Sie auf das Etikett!«
