Hoffnung auf Rückkehr – Libanesen im israelischen Exil

Nach Israels Rückzug aus dem Libanon im Jahr 2000 flohen viele SLA-Angehörige mit ihren Familien über die Grenze
Nach Israels Rückzug aus dem Libanon im Jahr 2000 flohen viele SLA-Angehörige mit ihren Familien über die Grenze (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Während für einige der ehemaligen libanesischen Verbündeten Israel längst zur Heimat geworden ist, betrachten andere weiterhin den Zedernstaat als solche. Die Schwächung der Hisbollah verändert nun ihren Blick auf die andere Seite der Grenze.

Mit seiner landschaftlichen Schönheit und seinem kulturellen Reichtum galt der Libanon einst als die Schweiz des Nahen Ostens. Beirut wurde mit Paris verglichen, internationale Besucher strömten in die Hauptstadt, und der Zedernstaat galt wegen seiner jahrtausendealten Geschichte, kulturellen Vielfalt und strategischen Lage als Perle der arabischen Welt.

Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches wurde der Nahe Osten nach dem Ersten Weltkrieg von den Siegermächten Frankreich und Großbritannien auf Grundlage des umstrittenen Sykes-Picot-Abkommens neu geordnet. Der Libanon kam unter französisches Mandat und erlangte 1943 seine Unabhängigkeit. Das politische System wurde dabei stark von den religiösen Gemeinschaften des Landes geprägt – mit den Christen zunächst in einer besonders starken Position.

Sein Bankenwesen, die kosmopolitischen Städte, die Berge und unzähligen Kilometer Mittelmeerküste machten den kleinen Staat zu einem der wirtschaftlich und kulturell interessantesten Länder der Region. Doch das fragile Gleichgewicht zwischen Christen, Sunniten, Schiiten und Drusen zerbrach. 1975 versank der Libanon in einem Bürgerkrieg, der fast fünfzehn Jahre dauern sollte.

Das Abkommen von Taif von 1989 leitete das Ende der Kämpfe ein, doch der Frieden brachte keine dauerhafte politische Stabilität. Stattdessen folgten neue Konflikte, israelische Interventionen, der Aufstieg der Hisbollah und schließlich deren immer stärkere Bindung an den Iran. Aus dem einst wohlhabenden und kosmopolitischen Land des Nahen Ostens wurde ein Staat, der bis heute unter den Folgen seiner inneren Zerreißprobe leidet.

Kaum bekanntes Kapitel

»Der Libanon ist in meinem Herzen«, erzählt der libanesische Christ Elias Makdessy, der ursprünglich aus der südlichen Grenzstadt Rmeish stammt. »Auch wenn ich seit vielen Jahren in Israel lebe, bleibt der Zedernstaat meine Heimat. Aber leider haben die Hisbollah und der Iran das Land zerstört und sich selbst zu einem Staat im Staate gemacht. Vielleicht bekommt es durch diesen Krieg die Chance, seine Souveränität zurückzugewinnen.«

Der 58-jährige Webdesigner lebt heute mit seiner Familie in Naharija in Nordisrael. Kritisch und mit widersprüchlichen Gefühlen verfolgt er die Ereignisse in seinem Geburtsland. Seine Geschichte steht für ein kaum bekanntes Kapitel der israelisch-libanesischen Beziehungen. Nach dem Rückzug der IDF aus dem Südlibanon im Mai 2000 und dem Zusammenbruch ihres Verbündeten, der Südlibanesischen Armee (SLA), verließen viele Menschen aus Angst vor der Rache der Hisbollah das Land. Knapp 7.000 flohen mit ihren Familien nach Israel. Viele von ihnen waren Christen, die auf israelischer Seite gegen palästinensische und später schiitische Milizen gekämpft hatten.

Ein Vierteljahrhundert später ist aus den einstigen Flüchtlingen eine kleine, weitgehend unsichtbare Gemeinschaft geworden. Einige haben den jüdischen Staat wieder verlassen. Rund 3.500 leben bis heute dort und haben die Staatsbürgerschaft angenommen. Ihre Kinder sind in Israel aufgewachsen. Doch die Verbindung zum Libanon ist geblieben, durch Sprache, Familie, Religion und Erinnerungen. Nun beobachten sie erneut, wie sich ihre alte Heimat in ein Schlachtfeld verwandelt. Seit März 2026 stehen Israel und die Hisbollah wieder in einem offenen Krieg. Im Süden des Zedernstaats kämpft die IDF gegen die Schiitenmiliz, die trotz schwerer Verluste weiterhin über Waffen, Tunnel und politischen Einfluss verfügt. Gleichzeitig wird über ihre Entwaffnung und eine Rückkehr der staatlichen Kontrolle in dieser Region verhandelt.

Für die Menschen, die den Libanon einst verlassen mussten, ist dieser Waffengang mehr als ein weiterer Konflikt im Nahen Osten. Er führt sie zurück an den Ausgangspunkt ihres eigenen Lebens. Es ist eine Heimat, die für viele von ihnen nur wenige Kilometer entfernt liegt und dennoch unerreichbar scheint. »Der Libanon ist ein Mosaik verschiedener Gruppen«, sagt Makdessy. »Diese Vielfalt ist gleichzeitig seine Stärke und Schwäche. Jetzt aber, da die Hisbollah unter erheblichem militärischem Druck steht, besteht die Möglichkeit, dass sich die politische Ordnung im Land grundlegend verändern könnte. Vielleicht hat es die einmalige Gelegenheit, eine Koalition mit Israel zu bilden, um seine Souveränität wiederherzustellen und einen dauerhaften Frieden zu erreichen.«

Während viele Libanesen im Ausland auf einen politischen Wandel und die Möglichkeit einer Rückkehr in ihre Heimat hoffen, wächst auch innerhalb des Landes die Kritik an der Hisbollah. Für immer mehr Libanesen ist sie nicht mehr die nationale Widerstandsbewegung, als die sie sich einst präsentierte, sondern eine vom Iran abhängige Miliz, deren Kämpfer für Teherans regionale Interessen in Syrien, Irak und Jemen kämpften und starben.

Besonders tief sitzt bei vielen Libanesen die Erinnerung an die Explosion im Hafen von Beirut im August 2020. Fast 3.000 Tonnen unsachgemäß gelagertes Ammoniumnitrat explodierten, mehr als zweihundert Menschen kamen ums Leben, Tausende wurden verletzt und große Teile der Hauptstadt zerstört. Der Verdacht, dass das explosive Material über Jahre unter den Augen staatlicher Stellen und mit Verbindungen zur Hisbollah im Hafen gelagert worden war, machte die Katastrophe für viele zum Symbol für den politischen Zerfall des Landes. Sechs Jahre später ist die Aufarbeitung wieder in Gang gekommen. Ein zuständiger Ermittlungsrat legte im März 2026 einen Bericht vor, in dem siebzig Personen mit verschiedenen Vorwürfen in Verbindung gebracht werden.

Wendepunkt?

»Die IDF führen Krieg gegen die Hisbollah und nicht gegen den Libanon«, erklärt Maryam Younnes aus einem Dorf in Nordisrael. »Dass dabei ihre Führungsspitze zerschlagen wurde, hätte ich nicht gedacht. Das libanesische Volk hat mittlerweile verstanden, dass sie eine ausländische Organisation ist, die die Interessen Irans vertritt.«

Die 31-jährige Kommunikationsstudentin der Bar-Ilan-Universität kam im Alter von fünf Jahren nach Israel, nachdem ihr Vater, ein ehemaliger SLA-Offizier, mit seiner Familie aus dem Libanon geflohen war. Younnes ist Mitglied von Sharaka, einer nach dem Abraham-Abkommen 2020 gegründeten NGO. Mit ihren englischsprachigen Videos über das Leben und die Kultur in Israel sowie über die Hisbollah erreicht sie ein internationales Publikum. Ihre Beiträge wurden Hunderttausende Male aufgerufen – darunter auch von Zuschauern aus der arabischen und muslimischen Welt.

Fast alle der in Israel lebenden Flüchtlinge von 2000 haben noch Verwandte im Libanon. Viele schweigen über ihre politischen Ansichten – aus Angst vor möglichen Repressalien gegen Familienangehörige. Auch die Medienexpertin weiß, dass ihre öffentlichen Äußerungen im Libanon nicht ohne Folgen bleiben könnten. Sie hat bereits früher berichtet, dass Angehörige dort ihre Rückkehr fürchteten und sie wegen ihrer Kritik an der Hisbollah möglicherweise auf einer schwarzen Liste stehe. »Die Maroniten gehören zu den Ureinwohnern des Libanon«, erzählt Younnes. »Wir sind Nachkommen der antiken Phönizier. Diese lebten schon 1.000 Jahre vor dem arabischen Imperialismus dort.«

Heute ist die religiöse Zusammensetzung des Landes zwischen Christen, Sunniten und Schiiten aufgeteilt. Hinzu kommen Drusen und Angehörige weiterer Konfessionen. Während des libanesischen Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 kämpfte fast jeder gegen jeden. Die Konfliktlinien verliefen nicht nur zwischen Muslimen und Christen, sondern auch innerhalb der einzelnen religiösen und politischen Lager. »Ab 1984 stand die Hisbollah palästinensischen Organisationen feindlich gegenüber«, erklärt Younnes. »Welch Ironie, dass eine Schiitenmiliz jetzt im Konflikt mit Israel radikal-sunnitischen Terroristen beisteht.«

Für die gebürtige Libanesin hat der Krieg von 2026 deshalb eine Bedeutung, die über die militärische Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hisbollah hinausgeht. Er könnte zum Wendepunkt für ein Land werden, dessen politische Ordnung seit Jahrzehnten von bewaffneten Milizen und nationalen Anführern geprägt ist.

Ein solcher Wandel wäre zugleich eine Chance für Menschen wie sie und Zehntausende andere Libanesen, die das Land als Kinder verlassen haben oder im Ausland geboren wurden. Ihre ursprüngliche Heimat bislang nur aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern kennen. Ein dauerhafter Frieden könnte ihnen erstmals ermöglichen, das Land ihrer Vorfahren selbst zu besuchen und kennenzulernen. »Vielleicht erleben wir gerade den Beginn eines neuen Libanon«, sagt Younnes. »Eines Libanon, in dem unsere Herkunft nicht länger mit Krieg, Flucht und Verlust verbunden ist, sondern wieder mit einer Zukunft, auf die wir stolz sein können.«

Tatsächlich haben viele Libanesen kein grundsätzliches Problem mit Israel. Doch während sich unter den Christen die Hoffnung hält, dass die Hisbollah militärisch geschwächt und eine neue Annäherung an den jüdischen Staat möglich werden könnte, ist die Realität komplizierter. Auch unter den ehemaligen Verbündeten Israels wächst die Ernüchterung. Zu tief sitzt die Erinnerung daran, wie der Rückzug der IDF im Jahr 2000 zum Zusammenbruch der Südlibanesischen Armee und zur Flucht Tausender ihrer Angehörigen führte.

»Die Liaison zwischen Israel und den Maroniten gibt es so nicht mehr«, erzählt Yair Ravid, ehemaliger Verbindungsoffizier des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad in Beirut. «Nach dem Rückzug im Jahr 2000 hatte man seine Verbündeten im Stich gelassen, und die Flüchtlinge lebten in Armut, bis sie die israelische Staatsangehörigkeit erhielten. Natürlich hoffen sie auf eine Zerschlagung der Hisbollah und eine Rückkehr in ihre Heimat. Aber es ist noch ein weiter Weg.»

Am Scheideweg

Der politische Druck auf die Hisbollah ist größer als noch vor wenigen Jahren. Die libanesische Regierung hat ihre militärischen und sicherheitspolitischen Aktivitäten inzwischen für illegal erklärt und die Armee mit der Umsetzung eines Plans zur Begrenzung der Waffen auf staatliche Institutionen beauftragt. Gleichzeitig versucht Washington, Israel und den Libanon auf einen Rahmen zu verpflichten, der die Entwaffnung der Hisbollah mit einem schrittweisen israelischen Rückzug verbindet. Doch gerade diese Verbindung macht die Umsetzung schwierig: Die Hisbollah fordert zunächst einen vollständigen israelischen Rückzug, während Israel seinen Abzug an eine nachprüfbare Entwaffnung der Miliz knüpft.

Der Libanon-Experte Raid hält deshalb nicht allein die militärische Schwächung der Hisbollah für entscheidend. Die eigentliche Frage sei, ob innerhalb der schiitischen Gemeinschaft selbst eine politische Kraft entstehen könne, die der Miliz ihre bisherige Vormachtstellung streitig macht. Christen, Sunniten und Drusen könnten die Hisbollah zwar politisch unter Druck setzen, verfügten aber nicht über die gesellschaftliche Verankerung innerhalb der schiitischen Bevölkerung, die für einen dauerhaften Machtwechsel notwendig wäre.

»Wenn die Hisbollah ihre Waffen verliert, bedeutet das noch nicht automatisch, dass ihr Einfluss verschwindet«, sagt Raid. »Entscheidend ist, ob es den Libanesen gelingt, innerhalb der schiitischen Gemeinschaft eine Alternative aufzubauen. Nur dann kann aus der militärischen Niederlage der Hisbollah auch eine politische Veränderung werden.« Für ihn liegt darin die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre. Die Hisbollah müsse nicht nur militärisch zurückgedrängt werden; ihre politische und gesellschaftliche Dominanz müsse durch eine libanesische Alternative ersetzt werden. Erst wenn die Schiiten selbst eine Zukunft ohne die Miliz für möglich halten, könnte der Staat seine Autorität dauerhaft zurückgewinnen.

Wie Ravid glauben auch viele ehemalige Exil-Libanesen nicht daran, dass ein weiterer Waffenstillstand oder die westliche Beschwichtigungspolitik allein die Probleme des Landes lösen wird. Zu oft konnte sich die Hisbollah nach früheren Konflikten neuformieren und ihre militärische Stellung wieder ausbauen. Nach den schweren Verlusten der vergangenen Monate sehen sie deshalb eine Gelegenheit, die politische und militärische Vormachtstellung der Schiitenmiliz dauerhaft zu brechen. Gleichzeitig wächst bei vielen die Hoffnung, dass Beirut und Jerusalem nach Jahren der Feindschaft irgendwann einen neuen Umgang miteinander finden könnten.

»Diese Terrororganisation erlebt ihre schwierigste Phase«, sagt Elias Makdessy. »Der Libanon steht an einem Scheideweg und hat die historische Chance, sich von der iranischen Hegemonie zu befreien. Viele Menschen im Zedernstaat haben genug von der Hisbollah. Jetzt kommt es darauf an, dass der libanesische Staat diese Gelegenheit nutzt.«

Doch der im Norden Israels lebende Maronit kennt die Mentalität seiner Heimat. Er weiß, dass ein politischer Wandel allein nicht ausreichen wird. Der Libanon müsse verhindern, dass sich nach dem Ende der Hisbollah lediglich die alten Machtkämpfe unter neuen Vorzeichen fortsetzen. »Im Nahen Osten geht es hauptsächlich um Machtinteressen«, erzählt Makdessy. »Auch der Libanon darf nach einer Schwächung der Hisbollah nicht in alte Muster zurückfallen. Es braucht einen starken Staat, der für alle seine Bürger da ist.«

Trotz aller Zweifel glaubt er, dass sich für sein Heimatland gerade ein seltenes Zeitfenster öffnen könnte. Ein politischer Neuanfang, ein pro-westlicher Demokratisierungsprozess und eine schrittweise Annäherung an Israel könnten dem Zedernstaat langfristig wieder jene Offenheit und Stabilität geben, die ihn einst zum kosmopolitischen Zentrum der Region machten. »Vielleicht bekommt der Libanon jetzt die Chance, langfristig wieder das zu werden, was er einmal war: das Land, das als Schweiz des Nahen Ostens bezeichnet wird.«

Zeitgeschichte: Die Tragik des Libanon

Betrachtet man die frühe Geschichte und Politik des Libanon, hätte sich das Land zu einem Leuchtturm im Nahen Osten entwickeln können. Warum kam es anders?

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