Während die iranische Regierung aktuell nicht in der Lage ist, die Verschleierungspflicht rigoros durchzusetzen, ist der Hidschab doch die letzte Bastion der Identität der Islamischen Republik.
Für die Islamische Republik ist die Verschleierungspflicht mehr als nur eine Kleiderordnung. Der Hidschab ist vielmehr untrennbar mit der politischen Identität des Systems verflochten. Eine Regierung, die sich auf der Grundlage des politischen Islam definiert, kann letztlich nicht akzeptieren, dass eines der sichtbarsten Symbole dieser Ideologie aus dem Straßenbild verschwindet. Wenn der Staat den ihm unterworfenen Frauen nicht die von ihm vorgeschriebene Kleiderordnung aufzwingen kann, stellt sich die Frage, welche Macht er noch hat. Aus diesem Grund kann das Thema selbst nicht aus der Politik verschwinden, auch wenn sich die Intensität seiner Durchsetzung ändern mag.
Religiöse Würdenträger warnen davor, staatlich kontrollierte Medien debattieren über das die Gefahr des »Entschleierns«, und immer wieder finden Kundgebungen zur Unterstützung der Hidschab-Pflicht statt. Da aktuell der Schul- und Universitätsbeginn nach den Sommerferien näher rückt, wurden an den Bildungseinrichtungen Anweisungen erlassen, die die Einhaltung der Hidschab-Pflicht vorschreiben. Diese wiederkehrenden Debatten können als Versuche gesehen werden, die Autorität des Regimes zu bekräftigen, auch wenn es in der Praxis möglicherweise gerade nicht möglich ist, den früheren Zustand wiederherzustellen.
Prioritäten des Regimes
Ein weiterer Faktor, der nicht übersehen werden darf, ist die Vielzahl von Krisen, mit denen die Islamische Republik konfrontiert ist. Wirtschaftskrise, Inflation, der kontinuierliche Rückgang der Kaufkraft, steigende Lebenshaltungskosten, die Energiekrise sowie wirtschaftliche und finanzielle Defizite und politische sowie sicherheitspolitische Spannungen beanspruchen einen erheblichen Teil der Kapazitäten und Energien der Regierung. Jedes dieser Problemfelder könnte für sich genommen bereits eine ernsthafte Herausforderung für das politische System darstellen. Doch durch ihr gleichzeitiges Auftreten sieht sich die Regierung gezwungen, zwischen einer Vielzahl konkurrierender Anforderungen Prioritäten zu setzen und zugleich zu versuchen, ein Bild von Stabilität und Kontrolle zu vermitteln. Und hier kommen die offiziellen Debatten über den Hidschab ins Spiel.
In krisenhaften Verhältnissen können kulturelle, soziale und ideologische Felder als Mittel genutzt werden, um die öffentliche Agenda zu verlagern. Die Konzentration auf Themen wie den Hidschab, den Lebensstil, kulturelle Normen und soziales Verhalten ermöglicht es der Regierung einerseits, Bereiche hervorzuheben, die für Teile ihrer traditionellen Unterstützerbasis Bedeutung haben. Andererseits kann so die öffentliche Aufmerksamkeit – zumindest vorübergehend – von anderweitigen wirtschaftlichen und existenziellen Sorgen abgelenkt werden.
Eine Fokussierung auf den Hidschab kann zudem dazu beitragen, einen Teil der Basis des Regimes zu mobilisieren. Die Hervorhebung der Frage der Verschleierung bietet der Regierung die Gelegenheit, ihre Verbindung zu jenem Teil der Gesellschaft zu stärken, der die Bewahrung traditioneller und religiöser Werte als eines der Hauptmerkmale seiner Identität betrachtet. Auf diese Weise kann sich das Regime weiterhin als Beschützer der Werte darstellen, die für seine traditionellen Anhänger von zentraler Bedeutung sind. Aus dieser Perspektive erfüllt die Betonung kultureller Themen einen Zweck, der über die Umsetzung einer bestimmten Sozialpolitik hinausgeht. Vielmehr stellt sie einen Teil der umfassenderen Bemühungen dar, den politischen Zusammenhalt unter den Regimeanhängern aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen.
Dies gewinnt besonders an Bedeutung, wenn die Regierung ein gesteigertes Maß an sozialem Zusammenhalt vermitteln muss. Bilder von massenhafter Teilnahme an offiziellen Zeremonien, religiösen Veranstaltungen oder politischen Kundgebungen können gerade in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Unzufriedenheit essenziell sein, um gesellschaftliche Unterstützung zu demonstrieren und ein Bild von Solidarität und sozialer Einheit zu vermitteln.
Allerdings können solche Darstellungen kein umfassendes Bild einer Gesellschaft vermitteln, die von tiefen politischen, wirtschaftlichen, generationsbedingten und kulturellen Spaltungen geprägt ist. Es muss unterschieden werden zwischen der Zurschaustellung von Zusammenhalt und dem Vorhandensein realer gesellschaftlicher Einheit. So offenbart die übermäßige Betonung kultureller Themen wie der Hidschab in einer Zeit wirtschaftlicher Probleme und finanzieller Existenzsorgen eher die Kluft zwischen der Regierung und der Bevölkerung, als dass sie diese schließt. Sie spiegelt das Versagen der Regierung wider, sich mit den alltäglichen und zentralen Sorgen der Iraner auseinanderzusetzen – und versucht, diese mit ideologischen Inszenierungen zu übertünchen.
Illusion wiederhergestellter Autorität
Was heute im Iran geschieht, lässt sich weder als Ende der Verschleierungspflicht noch als Rückkehr zur Durchsetzung dieser Pflicht beschreiben, sondern vielmehr als anhaltender Kampf um die Fähigkeit der Regierung, Autorität und Kontrolle über den Alltag der Bevölkerung auszuüben. Das Regime verfügt nach wie vor über die notwendigen rechtlichen und sicherheitspolitischen Instrumente, um die Hidschab-Vorschriften durchzusetzen. Zugleich hat die Gesellschaft eine neue Perspektive gewonnen: die Erfahrung des Alltagslebens außerhalb des von der Regierung auferlegten Rahmens. Diese Erfahrung lässt sich nicht so leicht auslöschen. Aus diesem Grund bleibt das grundlegende Problem bestehen, auch wenn sich die Taktik der Regierung von der repressiven Durchsetzung auf der Straße hin zu Medienkampagnen verändert haben mag – mit der Option, von der vorübergehenden stillschweigenden Duldung wieder zu verschärfter Repression überzugehen.
Die Islamische Republik mag allerdings zwar in der Lage sein, die Intensität der Durchsetzung der Hidschab-Pflicht wieder zu erhöhen, doch ist es nicht mehr ohne weiteres möglich, die Gesellschaft in den Zustand zurückzuversetzen, der vor der »Frau, Leben, Freiheit«-Bewegung herrschte. Letztendlich wird die Zukunft des Hidschabs im Iran nicht durch Regierungsanordnungen oder Freitagspredigten bestimmt werden, sondern durch das alltägliche Verhalten von Millionen von Iranerinnen.
Und vielleicht ist dies die bedeutendste Veränderung von allen: Der Hidschab hat sich von einem verpflichteten Staatssymbol zu einem Thema entwickelt, zu dem ein großer Teil der Gesellschaft seine eigene Entscheidung treffen will und bereits getroffen hat – auch wenn die Regierung nach wie vor nicht bereit ist, diese Realität anzuerkennen. Da sie aufgrund ihrer ideologischen Verfassung dazu auch nie in der Lage sein wird, ist es einzig ein Regimewechsel, der das Problem endgültig lösen kann.
