Der Hidschab im Iran: Die Islamische Republik und die Verschleierungsflicht (Teil 1)

Was bedeutet es, dass sich das iranische Regime derzeit nicht in der Lage sieht. Die Hidschab-Pflicht rigoros durchzusetzen
Was bedeutet es, dass sich das iranische Regime derzeit nicht in der Lage sieht. Die Hidschab-Pflicht rigoros durchzusetzen (© Imago Images / NurPhoto)

Während sich die offizielle Politik der Islamischen Republik auf die Hidschab-Pflicht nicht geändert hat, ist die Regierung aktuell nicht in der Lage, diese auch durchzusetzen.

Wer heute durch die Straßen iranischer Städte geht, könnte auf eine Szene stoßen, die auf den ersten Blick im Widerspruch zur vier Jahrzehnte währenden offiziellen Politik der Islamischen Republik zu stehen scheint. Auf den Straßen, in Cafés, Geschäften und öffentlichen Räumen sind Frauen ohne Kopftuch zu sehen. Konfrontationen mit unverschleierten Frauen auf der Straße scheinen seltener vorzukommen als in früheren Jahren. Selbst bei offiziellen Veranstaltungen werden mittlerweile Bilder von Frauen gezeigt, die Kleidung tragen, die von der von der Regierung vorgeschriebenen Ordnung abweicht. Dennoch kann diese sichtbare Veränderung nicht einfach als das Ende der Verschleierungspflicht im Iran gewertet werden.

Die Realität ist komplexer: Die Hidschab-Pflicht bleibt Teil der rechtlichen, politischen und ideologischen Struktur der Islamischen Republik – doch die Möglichkeiten der Regierung, sie im öffentlichen Raum durchzusetzen, sind erheblich eingeschränkt worden. Diese Unterscheidung ist entscheidend für das Verständnis der aktuellen Situation.

Von der gesetzlichen Verpflichtung zum gesellschaftlichen Widerstand

Nach der Revolution von 1979 entwickelte sich der Hidschab zu einem der zentralen Symbole der neuen politischen Ordnung. Die Regierung förderte die islamische Kleidung nicht nur als religiösen Wert, sondern machte sie auch zu einem Schauplatz für die Ausübung staatlicher Autorität über Körper und Verhalten der Iranerinnen. In den folgenden Jahren wurden die – als »Förderer der Tugend und Verhinderer des Lasters« bekannte – Sittenpolizei, Gesetze zur Kleiderordnung sowie verschiedene Formen offizieller und inoffizieller Bestrafung zu Instrumenten zur Durchsetzung dieser Politik. In den letzten Jahren hat sich die Kluft zwischen Gesetz und gesellschaftlicher Realität jedoch dramatisch vergrößert.

Die Bewegung »Jin, Jiyan, Azadi« (»Frau, Leben, Freiheit«) markierte einen Wendepunkt in diesem Prozess. Die Proteste, die 2022 nach dem Tod von Jina Mahsa Amini in Gewahrsam der Sittenpolizei begannen, gingen bald über die Frage des Hidschabs hinaus. Sie entwickelten sich zu einer der weitreichendsten Herausforderungen für die Islamische Republik.

Eine der bedeutendsten Folgen der Bewegung zeigte sich im Alltag von Millionen Iranerinnen: Eine große Zahl von Frauen entschied sich dafür, sich in der Öffentlichkeit nicht mehr an die Hijab-Pflicht zu halten. Politisch war diese Aktion von großer Bedeutung. Zum ersten Mal sah sich das Hidschab-Gesetz in einem solchen Ausmaß mit alltäglichem zivilem Ungehorsam konfrontiert. Die Regierung konnte zwar Tausende von Menschen festnehmen, aber sie konnte nicht dauerhaft eine ganze Gesellschaft der ständigen Überwachung und Kontrolle auf der Straße unterwerfen.

Der Rückzug sollte aber nicht als Änderung der Position der Regierung interpretiert werden. In vielen Fällen hat die Islamische Republik als Reaktion auf gesellschaftlichen Druck einen schwankenden Ansatz verfolgt: Phasen nachlassender Durchsetzung, gefolgt von Phasen verstärkter Durchsetzung. Wenn die Regierung der Ansicht ist, dass die Durchsetzung einer Politik mit hohen gesellschaftlichen Kosten verbunden ist, kann sie die Intensität verringern, ohne notwendigerweise das Gesetz oder dessen zugrunde liegendes Ziel aufzugeben.

Der Hidschab ist ein deutliches Beispiel für dieses Muster. Einerseits sind in vielen Städten Frauen ohne Hidschab anzutreffen, und direkte Repression gegen sie ist nicht mehr so weit verbreitet wie früher. Andererseits deuten die Äußerungen von politischen und religiösen Amtsträgern, die Freitagspredigten, religiöse Versammlungen und Medienkommentare darauf hin, dass sich die offizielle Politik nicht geändert hat. Mit anderen Worten: Was zurückgenommen wurde, ist nicht unbedingt die Politik selbst, sondern der unmittelbare Versuch der Regierung, diese Politik auch mit Gewalt durchzusetzen.

Der Preis einer Rückkehr in die Vergangenheit

Das wichtigste Hindernis für eine Rückkehr zum früheren Modell ist die Erfahrung der »Frau, Leben, Freiheit«-Bewegung. Die Regierung weiß inzwischen, dass ein hartes Vorgehen gegen unverschleierte Frauen zu einer Krise führen kann. Die gewaltsame Durchsetzung der Hidschab-Pflicht kann Millionen Iraner in Konflikt mit der Regierung bringen. Diese Gefahr gewinnt für das Regime noch mehr an Bedeutung, wenn sich wie aktuell die wirtschaftlichen Missstände häufen. Unter solchen Umständen kann eine einfache Konfrontation auf der Straße eine Bedeutung haben, die weit über den unmittelbaren Vorfall hinausgeht. Es geht nicht mehr nur um das Kopftuch: Es geht um das Verhältnis zwischen dem Staat und seinen Bürgern, um die individuelle Entscheidungsfreiheit und um die Grenzen staatlicher Eingriffe in das Privatleben. Aus diesem Grund könnte die Wiederdurchsetzung der Hidschab-Pflicht für die Regierung kostspielig werden.

Einer der weniger sichtbaren Faktoren in diesem Zusammenhang ist der Wandel im Verhältnis zwischen der traditionell-religiösen Gesellschaft und der Regierung. In den Anfangsjahren der Islamischen Republik betrachtete ein Teil der traditionell orientierten Bevölkerung die Regierung als den geradezu natürlichen Vertreter der religiösen Werte. Im Laufe der Zeit hat sich diese Überschneidung jedoch verkleinert. Heute kann es in Familien, die nach wie vor religiös und traditionell sind, durchaus die Konstellation geben, dass die Mutter oder Großmutter den islamischen Hidschab trägt, während die Tochter oder Enkelin selbst entscheidet, ob sie ihn tragen möchte oder nicht – ohne dass dieser Unterschied zwangsläufig zu einem Familienkonflikt führt. Religiöse Familienmitglieder können sich sogar gegen die Behandlung junger Frauen aus ihrer Familie durch die Regierung aussprechen.

Dieses Phänomen ist von großer Bedeutung, da es zeigt, dass die Kluft zwischen Regierung und Gesellschaft nicht einfach durch die Spaltung in religiös und nicht-religiös erklärt werden kann. Eine Person kann ihrer Religion und ihren traditionellen Werten verbunden sein und sich gleichzeitig gegen die Hidschab-Pflicht und die staatliche Einmischung in die Kleidung von Frauen aussprechen. Infolgedessen kann die Regierung nicht mehr ohne Weiteres behaupten, dass der Widerstand gegen die Verschleierung lediglich die Forderung einer kleinen, säkularen Gruppe sei.

Teil 2 erscheint morgen hier.

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