Der Anstieg der Social-Media-Nutzung im Irak geht mit einer Steigerung der sexuellen Belästigung und geschlechtsspezifischen Erpressung im Internet einher.
In den ersten neun Monaten dieses Jahres wurden mehr als 800 Fälle von Erpressung im Internet und den sozialen Medien bearbeitet, wobei die absolute Mehrheit der Betroffenen Frauen waren. Dies gab das irakische Innenministerium im Rahmen seiner Bemühungen bekannt, Online-Belästigung und Erpressung im Land im Rahmen der bislang bestehenden Gesetze einzudämmen. »Die Spezialeinheiten haben 864 Fälle elektronischer Erpressung erfolgreich aufgearbeitet und im Einklang mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen und Präventionsmaßnahmen behandelt«, erklärte Ministeriumssprecher Miqdad Miri. Er präzisierte, dass 763 – und damit 88 Prozent – der Fälle Frauen betrafen, während sich 101 Fälle auf Männer bezogen.
Anfang Juni behandelte das irakische Parlament in erster Lesung einen lange aufgeschobenen Gesetzesentwurf zur Cyberkriminalität. Dieser zielt darauf ab, das veraltete Strafgesetzbuch des Landes aus dem Jahr 1969 zu aktualisieren, um moderne Straftaten bekämpfen zu können, darunter die zunehmende Bedrohung durch Online-Erpressung und -Belästigung. Der Entwurf sieht strenge Strafen – darunter lebenslange Haft und Geldstrafen von über 35 Millionen irakischen Dinar (23.000 Euro) – für schwere Straftaten wie sexuelle Ausbeutung, Finanzkriminalität und den Handel mit illegalen Materialien vor.
Während Menschenrechtsorganisationen den Gesetzentwurf wegen vage definierter Begriffe, die die Meinungsfreiheit einschränken könnten, kritisieren, verteidigen irakische Abgeordnete die Maßnahme. Sie sei ein unverzichtbares Instrument zur Bekämpfung digitalen Missbrauchs, der »in das Privatleben von Personen eingreift«, und zur »Schaffung eines strengen Strafsystems für Täter«, die Technologie ausnutzen, um schutzbedürftige Opfer ins Visier zu nehmen. »Die Gemeindepolizei setzt ihre intensiven Bemühungen fort, die Bürger zu schützen und den Opfern psychologische und rechtliche Unterstützung zu bieten«, erklärte Miri und fügte hinzu, dass das Innenministerium »absolute Vertraulichkeit für diejenigen gewährleistet, die Anzeige erstatten«.
Anstieg der Social-Media-Nutzung
Die alarmierende Häufigkeit von Online-Erpressung fällt mit dem massiven Anstieg der Social-Media-Nutzung im Irak zusammen. Nach Angaben des in Bagdad ansässigen Digital Media Centers (DMC) stieg die Zahl der registrierten Social-Media-Konten von 34,3 Millionen im Jahr 2025 auf über 40,1 Millionen im ersten Halbjahr des laufenden Jahres. Sie überstieg damit die tatsächliche Zahl der Internetnutzer des Landes, was auf die Verbreitung von gefälschten und doppelten Konten zurückzuführen ist.
Der digitale Boom hat direkt zu einem Anstieg ebenso technologiegestützter wie sexueller Belästigung und geschlechtsspezifischer Erpressung beigetragen. Die Präsidentin von SEED, einer lokalen NGO, die Frauen und schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen unterstützt, erklärte gegenüber der Nachrichtenplattform Rudaw, dass ihre Organisation »viele, viele Anfragen« von Frauen und Mädchen erhalte. Diese, so Sherri Kraham Talabany, bitten um Hilfe dabei, schädliche Inhalte zu entfernen oder die Erpressung und Belästigung zu beenden.
Bis zur Verabschiedung des vorgeschlagenen Gesetzesentwurfs zur Cyberkriminalität müssen sich irakische Gerichte weiterhin auf ältere Gesetze stützen, die digitale Verleumdung und Beleidigungen mit bis zu zwei Jahren Haft ahnden. In der autonomen Region Irakisch-Kurdistan kommt hingegen jetzt schon ein Gesetz gegen den Missbrauch der Telekommunikation zur Anwendung, das digitale Drohungen und Verleumdung mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft.
