Die irakische Frauenrechtsaktivistin Yanar Mohammed, die sich gegen sexuelle Gewalt und Frauenhandel einsetzte und ein Frauenhaus in Bagdad leitete, wurde Opfer eines Anschlags.
KirkukNow
Nur einen Tag vor ihrer Ermordung forderte die Frauenrechtsaktivistin Yanar Mohammed die irakischen Behörden auf, der Kultur der Straflosigkeit ein Ende zu setzen, insbesondere für diejenigen, die für die Verfolgung von und den Handel mit Frauen verantwortlich sind. Nach ihrem Tod wiederholten Aktivisten im ganzen Land dieses Anliegen mit der zusätzlichen Forderung, dass die Verantwortlichen für Mohammeds Ermordung zur Rechenschaft gezogen werden.
Yanar Mohammed, die Präsidentin der Organisation für die Freiheit der Frauen im Irak (OWFI), wurde am vergangenen Montag erschossen. Der Angriff ereignete sich vor ihrer Wohnung im Stadtteil Shaab im Bagdader Bezirk Rusafa, wo zwei Motorradfahrer das Feuer auf sie eröffneten. Sie erlitt schwere Verletzungen und wurde ins Krankenhaus gebracht, doch laut einer Erklärung der OWFI starb sie trotz der Bemühungen der Ärzte, sie zu retten.
Die Nachricht von dem Attentat löste schnell große Empörung im Internet und unter Menschenrechts- und Frauenrechtsgruppen aus. Aktivisten verurteilten den Angriff und forderten erneut ein Ende der Straflosigkeit, die oft die Täter von Gewalt schützt, ein Thema, über das Mohammed selbst nur wenige Stunden vor ihrem Tod gesprochen hatte.
Die 66-Jährige hatte sich jahrzehntelang für Frauen eingesetzt, die Gewalt, Missbrauch und Menschenhandel erlebt hatten. Einen Tag vor ihrer Ermordung, nahm sie an der 20. Konferenz des Netzwerks gegen Frauenhandel in Bagdad teil. Im Mittelpunkt der Konferenz stand die Frage, ob die Frauenrechte im Irak und in Syrien verschwinden. Während einer Podiumsdiskussion betonte Mohammed die dringende Notwendigkeit, diejenigen strafrechtlich zu verfolgen, die an Frauenhandel beteiligt sind, insbesondere in Fällen sexueller Ausbeutung. »Hier bleiben Frauenhändler ungestraft«, warnte sie.
Basma Haji, eine jesidische Aktivistin und Mitglied der deutsch-irakischen Organisation Wadi, die ebenfalls an der Konferenz teilgenommen hatte, erklärte gegenüber KirkukNow, dass »Yanar Mohammed jesidische Frauen, die Vergewaltigungen, Versklavung und andere Gräueltaten durch Daesh (den Islamischen Staat) erlitten hatten, nachdrücklich unterstützte«. Laut Haji »forderte sie wiederholt, dass IS-Mitglieder, die für solche Verbrechen verantwortlich sind, vor Gericht gestellt werden und drängte auf die Einrichtung eines Sondergerichts, das sich mit diesen Fällen befasst«. Trotz bestehender Gesetze sind Aktivisten weiterhin besorgt, dass die Verordnungen gegen Menschenhandel im Irak nur selten durchgesetzt werden. Basma Haji erklärte, es existierten zwar rechtliche Rahmenbedingungen, »die schwache Umsetzung hat jedoch dazu geführt, dass sich das Verbrechen im ganzen Land weiter ausbreitet«.

Kämpferin für Frauenrechte
Die Frauenrechtsaktivistin Yanar Mohammed war auch Mitbegründerin und Leiterin eines Frauenhauses in Bagdad, das Hunderten von Frauen Schutz geboten hat, die vor Drohungen, Gewalt oder drohenden Ehrenmorden geflohen sind. Mohammeds Einsatz für die Rechte der Frauen erstreckt sich über mehr als zwanzig Jahre. Nach dem Sturz des Baath-Regimes von Saddam Hussein im Jahr 2003 gründete sie die OWFI und widmete ihr Leben der Verteidigung von Frauen, die Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt waren.
Auf der Konferenz in Bagdad zur Bekämpfung des Menschenhandels betonte Yanar auch, dass IS-Kämpfer, die nach dem Konflikt in Syrien in den Irak zurückgekehrt sind, unverzüglich strafrechtlich verfolgt werden sollten. Angesichts der schweren Verbrechen, die sie gegen Frauen begangen hatten, sei es inakzeptabel, ihre Fälle zu ignorieren.
In einer Erklärung nach versammelten sich Vertreterinnen Dutzender Organisationen Tod beschrieb die OWFI sie als »furchtlose und prinzipientreue feministische Stimme, die sich gegen jede Form von Gewalt und Diskriminierung einsetzte« und betonte, dass sie trotz Drohungen und Verleumdungskampagnen ihren Aktivismus fortsetzte. Im Jahr 2016 fand ihre Arbeit internationale Anerkennung, als ihr der Rafto-Preis für Menschenrechte verliehen wurde. Der mit 20.000 Dollar dotierte Preis wird jährlich in Bergen, Norwegen, an Personen verliehen, die sich in außergewöhnlicher Weise für die Verteidigung der Menschenrechte einsetzen.
Nach dem Attentat am 2. März kündigte der irakische Innenminister Abdul-Amir al-Shammari die Bildung eines speziellen Untersuchungsausschusses an. Die Untersuchung werde sich auf das Sammeln von Beweisen, die Ermittlung der Motive für den Angriff und die Sicherstellung der Strafverfolgung der Täter konzentrieren.
Die OWFI verurteilte die Tat scharf und bezeichnete sie als »direkten Angriff auf den feministischen Kampf und auf die Prinzipien der Freiheit und Gleichheit«. Die Organisation forderte die Behörden auf, die Verantwortlichen unverzüglich zu identifizieren und das Klima der Straflosigkeit zu beenden, das Menschenrechtsverteidiger bedroht.
Der Mord hat bei irakischen Frauen und Aktivistinnen starke Reaktionen ausgelöst. Die Forderungen nach einer schnellen und transparenten Untersuchung sind lauter geworden; im ganzen Land kam es zu Protesten. In Sulaimaniyah versammelten sich Vertreterinnen Dutzender Organisationen und Mitglieder des March 8 Network im Azadi-Park, um zu demonstrieren und Rechenschaft zu fordern.
Während der Konferenz in Bagdad hatte Mohammed auch davor gewarnt, dass Gewalt und Übergriffe gegen Frauen weiter zunehmen, darunter auch verstärkt Belästigungen und Angriffe in den sozialen Medien. Basma Haji betonte, dass umfassendere Anstrengungen und ein größeres Bewusstsein erforderlich seien, um diesen Problemen zu begegnen.
Der Nachruf auf Yanar Mohammed erschien zuerst bei KirkukNow. (Übersetzung von Alexander Gruber.)
