Das iranische Regime kann sich die Subventionierung des Benzinpreises nicht mehr leisten, hat jedoch Bedenken, dass eine Erhöhung Unruhen hervorrufen könnte.
Im Iran haben die steigenden Preise mittlerweile jeden Aspekt des Alltagslebens erfasst. Die Preise vieler lebensnotwendiger Güter steigen geradezu von Stunde zu Stunde. Dadurch sind Waren wie Fleisch, Hähnchen und Reis zu Luxusgütern geworden, die sich vor allem die mittleren und unteren Einkommensschichten nicht mehr leisten können. Mittlerweile ist im krisengeschüttelten Iran das Günstigste, das (noch) zu haben ist, nicht mehr Wasser, Strom, Lebensmittel oder Wohnraum: Es ist Benzin.
Der Treibstoff, der bislang eines der wenigen subventionierten und damit erschwinglichen Güter ist, ist zwischenzeitlich allerdings zu einem der heikelsten wirtschaftlichen und politischen Themen des Landes geworden. Täglich geben Regierungsvertreter alarmierende Erklärungen zu möglichen Benzinpreiserhöhungen ab, während die Menschen ebenso täglich auf Nachrichten über eine solche Erhöhung warten. Sie wissen, dass jeder Anstieg der Benzinpreise eine Kettenreaktion von Preissteigerungen bei einer Vielzahl von Waren und Dienstleistungen auslösen wird, auf die sie zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse angewiesen sind.
Dies gilt umso mehr, als die Auswirkungen der Benzinkrise bereits in der gesamten Gesellschaft sichtbar sind. Lange Schlangen an Tankstellen, die Schließung von Abgabestellen aufgrund von Engpässen und der Verkauf von minderwertigem Benzin haben die Krise verschärft und die Debatte über eine Preiserhöhung von einer rein wirtschaftlichen Entscheidung zu einem umfassenden gesellschaftlichen Thema gemacht.
Internationale Standards?
Offizielle Statistiken und internationale Schätzungen zeichnen ein beispielloses Bild des wirtschaftlichen Drucks, unter dem die iranischen Haushalte stehen. Die Inflationsrate im Juli 2026 lag im Vergleich zum Vorjahr bei rund 87,9 Prozent: Ein Warenkorb, der ein Jahr zuvor 100 Rial gekostet hatte, war damit im Durchschnitt auf fast 188 Rial gestiegen. Zudem warnte die Weltbank, dass die sinkenden Realeinkommen und die hohe Inflation in Verbindung mit den durch den Krieg verursachten Schäden und Handelsbeeinträchtigungen den Armutsdruck weiter verstärken werden.
Das Argument der Befürworter höherer Benzinpreise ist klar: Der Iran hat einen der höchsten Benzinverbräuche weltweit, die heimische Produktion hinkt der Nachfrage hinterher, und die Regierung ist gezwungen, auf Importe oder kostspielige Methoden zur Sicherung von Kraftstoff zurückzugreifen, um die Lücke zu schließen.
Berichten zufolge lag der tägliche Benzinverbrauch im Juli 2026 bei etwa 135 Millionen Litern, während die gesamte inländische Produktion und Versorgung unter diesem Niveau blieb. Eine Schätzung für Juli beziffert das tägliche Defizit auf rund vierzehn Millionen Liter, die auf dem Weltmarkt zugekauft werden müssen. In diesem Zusammenhang erklärte der iranische Präsident Masoud Peseschkian: »Wer hat gesagt, dass die Regierung Benzin, das 1,3 Millionen Rial kostet, für 15.000 Rial verkaufen soll?« Er argumentierte, dass die Regierung selbst Benzin zu einem viel höheren Preis einkaufe, aber gezwungen sei, es der Bevölkerung zu dem im Iran gültigen Preis zu verkaufen, was die Staatsfinanzen stark belaste.
Als Reaktion antworten viele Iraner mit einer Reihe von Gegenfragen: Wenn die Benzinpreise die globalen Preise widerspiegeln sollen, müssten dann nicht auch die Löhne den weltweiten Gehältern entsprechen? Warum sollte ein Regierungsangestellter, ein Arbeiter oder eine Krankenschwester umgerechnet nur 100 Dollar im Monat verdienen, während den Menschen erklärt wird, dass Benzin nach internationalen Standards bepreist werden muss? Warum kostet ein Smartphone, das international etwa 150 Millionen Rial kostet, im Iran 400 Millionen Rial? Warum werden unsichere Autos, deren Herstellung oder Anschaffung 500 Millionen Rial kostet, von einheimischen Autoherstellern für mehr als eine Milliarde Rial verkauft?
Während Benzin im Iran billig ist, sind es die Autos nicht. Der Kraftstoffverbrauch ist hoch, und ein erheblicher Teil des Fahrzeugbestands des Landes leidet unter veralteter Technik und schlechter Qualität. Und wenn die Benzinpreise mit den internationalen Preisen verglichen werden sollen, warum sollten dann nicht auch die Fahrzeugpreise, die Löhne, die Qualität des öffentlichen Nahverkehrs und die Kaufkraft der Menschen mit dem Rest der Welt verglichen werden? Man könne nicht, lautet der Einwand der Iraner, eine Komponente des Wirtschaftssystems global gestalten, während alle anderen Komponenten auf dem Niveau einer Krisenwirtschaft bleiben.
Berichten zufolge liegt der offizielle Mindestlohn in diesem Jahr bei etwa 166 Millionen Rial pro Monat, während Schätzungen der Mindestlebenshaltungskosten für einen Haushalt bei rund 450 Millionen Rial liegen – also rund dem Dreifachen. Unter solchen Umständen würde eine Anhebung der Kraftstoffpreise ohne Reform der gesamtwirtschaftlichen Struktur weit mehr bedeuten als nur die Verteuerung eines Liters Benzin. Sie würde eine Kettenreaktion aus höheren Transportkosten auslösen, gefolgt von Preissteigerungen bei Waren und Dienstleistungen – eine Welle, die letztendlich wieder in die Inflation zurückfließen und die Kaufkraft der Menschen weiter untergraben würde.
Selbst innerhalb der Regierung verweisen Befürworter höherer Benzinpreise in der Regel auf den zu hohen Kraftstoffverbrauch. Doch ist dieser weniger auf das Verhalten der Autofahrer zurückzuführen als vielmehr auf die Ineffizienz der erhältlichen Modelle. Beschränkungen beim Import ausländischer Fahrzeuge mit höherer Kraftstoffeffizienz bei gleichzeitiger Schutzpolitik für einheimische Autohersteller, deren Produkte nie mit denen ausländischer Konkurrenten mithalten konnten, verunmöglichen eine Drosselung des Benzinverbrauchs. Die veraltete Flotte des öffentlichen Nahverkehrs hat das Problem noch verschärft. Die Kosten dieser Ineffizienz werden nun an die Verbraucher weitergegeben.
Die iranischen Machthaber haben sich zu diesen Themen nicht nur weitgehend ausgeschwiegen, sondern auch kaum Anstrengungen unternommen, um grundlegende Veränderungen herbeizuführen. Stattdessen geben sie dem Verbrauchsverhalten der Bevölkerung die Schuld am Mangel an einheimischem Benzin. Dabei vermeiden wir eine ernsthafte Diskussion über die Angebotsseite, die Fahrzeugqualität, die Existenz von Monopolen und die Industriepolitik insgesamt.
Eine Zukunft, über die selbst die Machthaber im Unklaren sind
In den letzten Wochen sind die Diskussionen über den Verkauf von Benzin zu Preisen, die weit über dem subventionierten Satz von 15.000 Rial liegen, zum Symbol für die sich verschärfende Krise geworden. Zwar wurde berichtet, dass die diskutierten Szenarien noch nicht als endgültige Politik genehmigt worden seien. Doch allein die Tatsache, dass offen ein Preis von 872.000 Rial pro Liter diskutiert wird, deutet darauf hin, dass die Regierung einen Punkt erreicht hat, an dem sie den Ausgleich des Defizits beim Benzinverbrauch nicht mehr auf unbestimmte Zeit hinausschieben kann. Eine Erhöhung des Benzinpreises dürfte eher früher als später erfolgen.
Im November 2019 löste der plötzliche Anstieg der Benzinpreise weitreichende Proteste in zahlreichen iranischen Städten aus. Die Demonstrationen gingen schnell über die Frage der Kraftstoffpreise hinaus und entwickelten sich zu einer umfassenderen politischen Krise. Diese Erfahrung zeigte, dass die Benzinpreise im Iran als Auslöser wirken können, der auf einem Reservoir aus wirtschaftlichen Missständen, politischer Unzufriedenheit und dem Gefühl von Ungerechtigkeit aufbaut.
Heute ist die Lage noch komplexer. Die iranische Wirtschaft steht unter dem Druck von Sanktionen, dem Wertverfall der Landeswährung, einer Investitionskrise und den durch den Krieg verursachten wirtschaftlichen Schäden. Die Weltbank hat davor gewarnt, dass die iranische Wirtschaft im Haushaltsjahr 2025/26 voraussichtlich schrumpfen wird, während sich der Inflationsdruck und die Armut weiter verschärfen.
Gleichzeitig belasten Krieg und wirtschaftlicher Verfall sowohl die Öleinnahmen als auch die Steuerbasis der Regierung, was die offiziellen Bedenken hinsichtlich der sozialen Folgen einer weiteren wirtschaftlichen Verschlechterung verstärkt. In diesem Zusammenhang ist auch die Distanzierung von Regierungsvertretern zu sehen, die den Eindruck erwecken wollen, dass die Diskussion über die geplanten Benzinpreiserhöhungen noch nicht abgeschlossen sei und die kolportierte Summe von 872.000 Rial keinesfalls eine endgültige Entscheidung darstelle.
Das iranische Regime steht angesichts all dessen vor einer geradezu unmöglichen Entscheidung. Die künstliche Niedrighaltung der Benzinpreise trägt zu Ungleichgewichten bei der Kraftstoffversorgung, zu Schmuggel und zu Belastungen der öffentlichen Finanzen bei. Ein starker Preisanstieg hingegen könnte den sozialen Druck auf ein neues Niveau treiben und neue Unruhen auslösen.
Vielleicht erscheint die Benzinpolitik deshalb oft weniger wie eine kohärente langfristige Strategie, sondern eher wie eine Abfolge von Experimenten, Gerüchten, Pilotprojekten und periodischen Rückziehern. Die politischen Entscheidungsträger sind sich bewusst, dass es immer schwieriger wird, die extrem billigen Benzinpreise dauerhaft aufrechtzuerhalten, während ihnen gleichzeitig ebenso klar ist, dass eine deutliche Verteuerung ernsthafte wirtschaftliche und politische Risiken mit sich bringt.
Die Zukunft bleibt ungewiss. Die Benzinpreise könnten steigen. Die Kraftstoffrationierung könnte ausgeweitet werden. Die Regierung könnte vorübergehend von ihren Reformbemühungen Abstand nehmen oder neue Wege finden, um die Kraftstoffversorgung zu sichern und Engpässe zu bewältigen. Doch eines ist klarer denn je: Auch das Benzin ist mittlerweile zu einem Maßstab für die Distanz zwischen Regime und Gesellschaft geworden. In einem Land, dessen Wirtschaft durch Krieg, Inflation und tiefes Misstrauen der Bevölkerung belastet ist, wissen vielleicht selbst diejenigen, die Entscheidungen über die Zukunft treffen, nicht mit Sicherheit, was der morgige Tag bringen wird. Möglicherweise ist Benzin nicht das Einzige, dessen Preis künstlich niedrig gehalten wird. Vielleicht ist die letzte billige Ware die Illusion der Stabilität selbst.
