Die Krise der sexuellen Gesundheit im Iran (Teil 2)

Geschlechterungleichheit und eine Mangel an Aufklärung sind entscheidende Faktoren der Krise der sexuellen Gesundheit im Iran
Geschlechterungleichheit und eine Mangel an Aufklärung sind entscheidende Faktoren der Krise der sexuellen Gesundheit im Iran (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Aufgrund der ideologisch motiverten Leugnung sozialer Realitäten durch das Regime verschärft sich die Krise der sexuellen Gesundheit im Iran immer weiter.

Die rasante Ausbreitung des digitalen Raums hat der Krise im Bereich der sexuellen Gesundheit im Iran neue Dimensionen verliehen. Das Internet, das einst vor allem als Mittel zur Kommunikation und zum Zugang zu Informationen angesehen wurde, ist zu einem der wichtigsten Räume geworden, in denen sexuelle Beziehungen geknüpft und ausgehandelt werden. Dies hat zwar neue Möglichkeiten des Zugangs zu Informationen geschaffen, aber auch erhebliche Risiken mit sich gebracht.

Das Fehlen einer umfassenden und offenen Sexualaufklärung in Familien, Schulen und den Mainstream-Medien hat ein Informationsvakuum geschaffen, das zunehmend von Online-Plattformen gefüllt wird. Mangels zuverlässiger Aufklärungsquellen wenden sich viele iranische Jugendliche und junge Erwachsene an soziale Medien, Messaging-Apps und offiziell lizenzierte Partnervermittlungsplattformen, um Antworten auf Fragen zur Sexualität zu suchen oder potenzielle Partner zu finden.

Neue Risiken

Ein aktueller Bericht über die staatlich lizenzierte Ehevermittlungs-App »Adam va Hava« (»Adam und Eva«) veranschaulicht dieses Phänomen. Diesem zufolge hatten sich mindestens 44 Nutzer unter achtzehn Jahren, darunter einige im Alter von gerade einmal dreizehn Jahren, auf der Plattform registriert. Die meisten gingen noch zur Schule, während andere die Ausbildung bereits abgebrochen hatten. Bemerkenswert ist, dass ein erheblicher Teil dieser Minderjährigen nicht aus ländlichen oder wirtschaftlich benachteiligten Regionen stammte, sondern aus Großstädten wie Teheran, Isfahan und Mashhad. Dies stellt die gängige Annahme in Frage, dass Kinderheirat vor allem auf sozioökonomisch benachteiligte und abgehängte Gebiete beschränkt sei.

Der Bericht hob ferner hervor, dass die App Zugang zu sexuell expliziten Premium-Inhalten bot, die Nutzern – darunter auch Jugendlichen – gegen eine zusätzliche Gebühr zur Verfügung standen.

Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass das Problem über inoffizielle oder illegale Online-Räume hinausgeht. Selbst staatlich lizenzierte Plattformen können Kinder und Jugendliche Beziehungen und Inhalten aussetzen, die für ihr Alter ungeeignet sind. Familienpolitik-Experten haben gewarnt, dass dies auf umfassendere Mängel in der iranischen Ehe- und Bevölkerungspolitik hindeutet. Sie argumentieren, dass sich die politischen Entscheidungsträger auf die quantitative Förderung der Ehe, sprich: die Steigerung der Heiratszahlen, konzentrieren, während sie die notwendige soziale Infrastruktur – darunter Bildung, Beschäftigungsmöglichkeiten und bezahlbarer Wohnraum – vernachlässigen.

Besondere jugendliche Nutzer entwickeln in digitalen Räumen ein falsches Sicherheitsgefühl, das offline so nicht existiert. Dies kann sie dazu verleiten, private Informationen preiszugeben, mit Fremden zu kommunizieren oder sich zu persönlichen Treffen zu verabreden, ohne die damit verbundenen Risiken vollständig zu erkennen. In Verbindung mit dem Fehlen einer formellen Sexualaufklärung schaffen diese Verhaltensweisen Möglichkeiten für sexuelle Ausbeutung, Sextortion und andere Formen des Missbrauchs.

Neben Bedenken hinsichtlich einer unzureichenden Aufsicht über die Dating-, Partner- und Ehevermittlungsplattformen deuten Medienberichte darauf hin, dass sogenannte »Date-Rape-Drogen« mit alarmierender Leichtigkeit über soziale Medien und informelle Online-Kanäle bezogen werden können. Solche Substanzen sind geruchs- und geschmacksneutral und können Opfer für mehrere Stunden bewusstlos oder handlungsunfähig machen. Einige Anbieter akzeptieren Berichten zufolge Zahlungen in Kryptowährung, was es den Strafverfolgungsbehörden erschwert, die beteiligten Netzwerke aufzuspüren.

Unabhängig vom tatsächlichen Ausmaß dieser Schwarzmärkte unterstreichen die Berichte – die vom illegalen Verkauf handlungsunfähig machender Drogen bis hin zur Registrierung von Minderjährigen auf offiziell lizenzierten Partnervermittlungsplattformen reichen – ein tiefergehendes Problem: Die Prävention sexueller Übergriffe kann sich nicht ausschließlich auf strafrechtliche Maßnahmen stützen. Öffentliche Aufklärung, ein stärkeres Wissen um sexuelle Selbstbestimmung, eine wirksame Regulierung von Online-Plattformen und digitalen Marktplätzen sowie zugängliche Meldemöglichkeiten und Unterstützungsmechanismen sind ebenso unerlässlich wie polizeiliche und justizielle Maßnahmen.

Die Kosten des Schweigens steigen

Es gibt unterschiedliche Interpretationen dieser Entwicklungen. Regierungsvertreter und konservative Gruppen argumentieren, dass sich wandelnde Lebensweisen, der Ausbau des Internetzugangs und die Abkehr von traditionellen Werten die Hauptursachen für diese Trends seien. Aus dieser Perspektive besteht die angemessene Reaktion darin, die kulturelle Kontrolle zu verstärken und der Bevölkerung strengere gesellschaftliche Beschränkungen aufzuerlegen.

Im Gegensatz dazu vertreten viele Experten aus den Bereichen der öffentlichen Gesundheit, der Wirtschaft und den Sozialwissenschaften die Ansicht, dass der Anstieg sexuell übertragbarer Infektionen, die Migration zum Zweck der Sexarbeit und die Ausweitung von Schwarzmärkten nicht verstanden werden können, ohne umfassendere strukturelle Faktoren zu berücksichtigen. Dazu gehören wirtschaftliche Not, Arbeitslosigkeit, Inflation, Geschlechterungleichheit, unzureichende Bildung und eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen.

Auch die – in Teil 1 – genannten Berichte über iranische Frauen, die in Nachbarländern Sexarbeit verrichten, verweisen ebenfalls auf wirtschaftliche Not und nicht auf eine freiwillige Entscheidung oder gar einen Wandel persönlicher Werte. Ebenso haben HIV-Spezialisten immer wieder betont, wie entscheidend es ist, die Aufklärung über sexuelle Gesundheit auszuweiten. Es gelte, die soziale Stigmatisierung abzubauen, den Zugang zu Diagnosetests zu verbessern und die Verfügbarkeit von Behandlungsangeboten zu erhöhen, statt sich vorwiegend auf strafrechtliche Maßnahmen zu verlassen.

All die hier geschilderten Phänomene sind keine isolierten Probleme, sondern miteinander verknüpfte Elemente einer umfassenderen Krise im Bereich der öffentlichen Gesundheit wie der Gesellschaft im Allgemeinen. Was diese Krise verschärft, ist das anhaltende Schweigen und die Untätigkeit staatlicher Institutionen bei deren Bewältigung. Diese Untätigkeit beruht zu einem Teil auf einer ideologisch motiviertenen Leugnung sozialer Realitäten – zu einem anderen aber auch auf der Unfähigkeit, begrenzte Ressourcen angesichts der vielfältigen wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen richtig zu priorisieren.

Das Fehlen eines nationalen HPV-Impfprogramms, der Mangel an umfassender Sexualaufklärung in Schulen, die Einschränkungen oder das Verbot von Forschung zu Themen wie Prostitution und Sexarbeit sowie das Versäumnis, sinnvoll auf die Warnungen von Ärzten und Experten des öffentlichen Gesundheitswesens zu reagieren: All dies deutet darauf hin, dass die Regierung die evidenzbasierte Prävention weitgehend zugunsten von Schweigen und Leugnung beiseitegeschoben hat; sei es durch bewusste Politik oder durch institutionelle Vernachlässigung.

Die zentrale Frage ist also nicht mehr, ob diese Probleme existieren. Warnungen von Medizinern, Statistiken und Berichte aus der Praxis deuten allesamt auf beunruhigende und sich ausweitende Trends hin. Vielmehr lautet die dringlichere Frage, wie lange die Behörden eine Realität noch ignorieren können, die sich immer schwerer leugnen lässt.

Teil 1 des Artikels finden Sie hier.

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