Saudi-Arabien: Atomprogramm ohne Frieden mit Israel?

Der Energieminister von Saudi-Arabien auf einer Konferenz der UN-Atomenergiebehörde in Wien
Der Energieminister von Saudi-Arabien auf einer Konferenz der UN-Atomenergiebehörde in Wien (© Imago Images / Anadolu Agency)

In den letzten Wochen hat Saudi-Arabien etwas erreicht, worum es seit Jahren bei aufeinanderfolgenden US-Regierungen geworben hatte: eine Vereinbarung über ein gemeinsames ziviles Atomprogramm.

Nachdem die meisten Nachbarländer Saudi-Arabiens bereits zivile Nuklearkapazitäten aufgebaut haben oder gerade dabei sind, dies zu tun, ist auch Saudi-Arabien bestrebt, in das Atomzeitalter einzutreten. Die Türkei wird voraussichtlich noch in diesem Jahr ihren ersten Kernreaktor in Betrieb nehmen; Ägypten dürfte in naher Zukunft mit dem Betrieb seines ersten Reaktors beginnen; und die Vereinigten Arabischen Emirate erzeugen bereits rund 25 Prozent ihres Stroms mit ihrem Kernkraftwerk. »Hier geht es nicht nur um Kernenergie. Es geht auch um Prestige«, erklärte ein israelischer Beamter gegenüber Mena-Watch.

Doch während sich die Nachbarn des Golfkönigreichs für ihre Atomprojekte an China und Russland gewandt haben, wollte Riad ein Abkommen mit Washington schließen. Jahrelang machte die Biden-Regierung jedoch deutlich, dass ein von den USA unterstütztes ziviles Atomprogramm Saudi-Arabiens einen Preis habe: die Normalisierung der Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und Israel.

Die Gesandten von Präsident Biden, Amos Hochstein und Brett McGurk, sowie der verstorbene Senator Lindsey Graham verbrachten unzählige Stunden damit, zwischen Riad und Jerusalem hin- und herzureisen, um ein Normalisierungsabkommen zwischen den beiden Ländern auszuarbeiten. Gleichzeitig wurden Gespräche über die Einzelheiten eines möglichen zivilen Atomprogramms für Saudi-Arabien geführt.

Hindernis Urananreicherung

Die Existenz eines zivilen Atomprogramms an sich war dabei nicht das Haupthindernis. Der heikelste Punkt in den Verhandlungen war die Frage, ob es Saudi-Arabien gestattet werden würde, auf eigenem Boden Kapazitäten zur Urananreicherung aufzubauen. Die Sorge war klar: Wie im Fall des Iran könnte ein Land, sobald es über das Wissen, die Infrastruktur und die technologischen Fähigkeiten zur Urananreicherung verfügt, diese Ressourcen nutzen, um Uran auf waffenfähiges Niveau anzureichern und eine Atomwaffe anzustreben.

Aus diesem Grund erörterten hochrangige US-Beamte einen Vorschlag, der so etwas wie eine »Versicherung« gegen den Fall darstellen sollte, dass Saudi-Arabien eine eigene Anreicherungsanlage zur Herstellung von waffenfähigem Uran nutzt.

So schlug das Weiße Haus vor, Saudi-Arabien die Errichtung einer Anreicherungsanlage auf seinem Staatsgebiet zu gestatten, wobei die Anlage jedoch von den Vereinigten Staaten oder einem anderen vertrauenswürdigen Land betrieben werden sollte. Es wurden mehrere Varianten des Vorschlags geprüft, um die fortgesetzte amerikanische Kontrolle über die Anlage sicherzustellen.

Eine Option sah Berichten zufolge die Fernsteuerung der Anlage vor. Dadurch hätte Washington praktisch einen »Abschaltknopf« erhalten, der genutzt werden könnte, falls Riad versuchen sollte, über den vereinbarten zivilen Rahmen hinauszugehen. Zudem sollten US-Streitkräfte für die Sicherheit der Anlage sorgen und sie vor jeglichem Versuch schützen, den Standort zu besetzen oder die Kontrolle darüber zu übernehmen.

Der Vorschlag soll diejenigen beruhigen, die befürchten, Saudi-Arabien könnte die Anlage letztendlich für Zwecke nutzen, die über die zivile Kernenergie hinausgehen. Indem der Betrieb und die Sicherheit der Anlage unter ausländische – potenziell amerikanische – Kontrolle gestellt würden, behielte Washington erheblichen Einfluss darauf, wie das Programm abläuft.

Kritiker des Vorschlags argumentieren jedoch, dass kein Mechanismus zu hundert Prozent gewährleisten könne, dass Saudi-Arabien niemals das für die Herstellung einer Atomwaffe erforderliche Anreicherungsniveau erreichen würde. Sie warnen zudem davor, dass das Abkommen Folgen weit über Saudi-Arabien hinaus haben würde. Es könnte, argumentieren sie, ein regionales atomares Wettrüsten auslösen, da andere Länder im Nahen Osten als Reaktion darauf ähnliche Fähigkeiten anstreben würden.

Ziel erreicht

Auf jeden Fall war die amerikanische Bedingung stets klar gewesen: »Erlaubt die Normalisierung der Beziehungen zu Israel, und ihr bekommt ein Atomabkommen.«

Saudi-Arabien und Israel standen denn auch kurz vor dem Abschluss einer Vereinbarung, als die Hamas am 7. Oktober 2023 ihren Krieg gegen Israel begann und 1.200 Israelis massakrierte. »Sie wollten die Gespräche zwischen Jerusalem und Riad zunichte machen«, sagte an jenem Tag ein hochrangiger US-Beamter gegenüber dem Autor.

Nun erhalten die Saudis jedoch, was sie seit Jahren wollten – und das ohne die Normalisierung ihrer Beziehungen zu Israel: ein dreißigjähriges ziviles Atomabkommen mit den Vereinigten Staaten. Trump hat zwar öffentlich erklärt, das Atomabkommen hänge vom Frieden mit Israel ab. Doch zwei saudische Quellen und eine mit der Angelegenheit vertraute US-Quelle brachten es auf den Punkt: »Das ist Unsinn. Das steht nicht im Abkommen. Trump versucht lediglich, dem Abkommen ein gutes Image zu verschaffen und den Kongress davon zu überzeugen, es zu billigen.«

Haben sie recht – oder wird Trump alle überraschen? Das wird die Welt zeitnah erfahren.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten. Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung.
Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte
oder direkt über Ihren PayPal Account.