»Antisemitismus und Sexismus – Ideologische Konstellationen vor und nach dem 7. Oktober«

Im Mena-Talk mit Jasmin Arémi spricht die Soziologin und Antisemitismusforscherin Karin Stögner über die Verschränkung von Antisemitismus, Sexismus und Intersektionalität, die Reaktionen auf den 7. Oktober sowie ihr neues Buch »Antisemitism and Sexism. Ideological Constellations before and after 7 October«.

Jamin Arémi (JA): Frau Stögner, wie sind Sie zur Antisemitismusforschung gekommen?

Karin Stögner (KS): Schon während meines Studiums fiel mir auf, dass Antisemitismus in der kritischen Theorie bei Horkheimer und Adorno eine zentrale Rolle für ihre gesamte Gesellschaftstheorie spielt. In der Analyse des Antisemitismus verdichten sich Herrschaftsverhältnisse geradezu prismatisch. Wer sich mit Antisemitismus beschäftigt, setzt sich deshalb zugleich mit autoritären Strukturen, verdrängten Wünschen und den Widersprüchen der Moderne auseinander. Antisemitismuskritik ist daher immer auch Gesellschaftskritik.

Gleichzeitig wurde mir deutlich, dass Antisemitismus und Sexismus bereits in der Dialektik der Aufklärung gemeinsam gedacht werden. Horkheimer und Adorno zeigen, dass beide Ideologien strukturell ähnliche Merkmale aufweisen. Mich hat deshalb immer die Frage beschäftigt, wodurch Antisemitismus zu einer so wirkungsmächtigen Ideologie wird. Meine Antwort lautet: Er gewinnt seine Wirksamkeit gerade dadurch, dass er Elemente anderer Ideologien – insbesondere Geschlechterideologien – in sich aufnimmt und dadurch eine scheinbar schlüssige, tatsächlich aber falsche Welterklärung anbietet.

Frage der Intersektionalität

JA: Worauf Sie sich ebenfalls spezialisiert haben, sind Intersektionalität und Feminismus.

KS: Das ergab sich ebenfalls aus meiner Beschäftigung mit der Kritischen Theorie. Mich interessierte die Vorstellung, Herrschaft nicht auf einen einzigen Widerspruch zu reduzieren, also weder auf Klasse noch auf Geschlecht oder Rassismus. Gerade aus feministischer Perspektive war für mich von Bedeutung, dass Diskriminierung nie nur über eine einzige Kategorie funktioniert.

JA: Welche Ressourcen bietet die Kritische Theorie, wenn es um Antisemitismus und Intersektionalität geht? Warum kommt es gerade in diesen Bewegungen zu antisemitischen Positionen?

KS: Die ältere kritische Theorie bietet eine differenzierte Analyse des Antisemitismus. Sie betrachtet ihn im Zusammenhang mit der Bildung von Nationalstaaten, Klassengesellschaft und den Widersprüchen der Moderne. Antisemitismus erscheint dabei als Reaktion auf eine Moderne, die nie vollständig eingelöst wurde.

Juden werden dabei als Träger gesellschaftlicher Veränderungen dargestellt. Ihnen wird unterstellt, sie stünden für Frauenemanzipation und die Auflösung traditioneller Geschlechterordnungen und wollten dadurch bestehende Gemeinschaften zerstören. Dieses Motiv findet sich nicht nur im europäischen Antisemitismus, sondern ebenso im islamischen, in dem Juden für den Zerfall traditioneller Gesellschaftsstrukturen verantwortlich gemacht werden.

An diese Analysen müssen wir heute anknüpfen und sie erweitern. Die ältere kritische Theorie konnte weder israelbezogenen noch islamischen Antisemitismus systematisch untersuchen. Heute gehören jedoch gerade diese beiden Erscheinungsformen zu den zentralen Herausforderungen der Antisemitismusforschung.

JA: Gab es eine Debatte, in der Ihnen klar wurde, dass der gängige intersektionale Ansatz ein Problem mit Antisemitismus hat?

KS: Der 7. Oktober hat mich tief erschüttert. Besonders sprachlos machte mich die Geschwindigkeit, mit der unmittelbar nach diesem antisemitischen und misogynen Massaker eine Täter-Opfer-Umkehr einsetzte und Israel des Genozids beschuldigt wurde.

Überrascht hat mich diese Entwicklung allerdings nicht. Schon lange zuvor hatte sich die Intersektionalität in eine problematische Richtung entwickelt. Ein wichtiger Ausgangspunkt liegt in den frühen Debatten um »Race, Class und Gender«, wie sie etwa Angela Davis geprägt hat. Nach dem 11. September 2001 verschob sich der Schwerpunkt zunehmend auf einen einzigen Gegensatz, auf den Konflikt zwischen dem Westen und dem globalen Süden.

Dadurch traten andere Herrschaftsverhältnisse in den Hintergrund, allen voran Geschlechterverhältnisse und Antisemitismus. Juden wurden nicht länger als historisch verfolgte Minderheit verstanden, sondern zunehmend als Repräsentanten eines vermeintlich imperialistischen Westens. Bereits lange vor dem 7. Oktober zeigte sich diese Entwicklung in antiisraelischen Kampagnen innerhalb von intersektionalen Bewegungen.

Blinde Flecken

JA: Können Sie einige blinde Flecken dieser Theorie benennen?

KS: Ich sehe sowohl politische als auch theoretische Probleme. Zum einen wurde Intersektionalität zunehmend für einen projektiven Antizionismus instrumentalisiert. Zum anderen weist das gängige Konzept selbst Leerstellen auf.

Vor allem orientiert sich der verwendete Rassismusbegriff stark an der sogenannten »Colour Line«, also am Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß. Antisemitismus funktioniert jedoch anders. Juden werden nicht wegen ihrer Hautfarbe verfolgt, sondern weil ihnen unterstellt wird, sie kontrollierten Kapitalismus, Politik oder Weltgeschehen. Im Zentrum des Antisemitismus steht die Verschwörungsvorstellung einer verborgenen jüdischen Macht. Mit dem klassischen »Race-Class-Gender-Modell« lässt sich diese Struktur deshalb nur unzureichend erfassen.

JA: Geht es bei diesem Unverständnis eher um Desinteresse oder steckt eine systematische Struktur dahinter?

KS: Ich glaube nicht, dass die meisten Akteurinnen und Akteure Antisemitismus bewusst ausblenden. Sie nehmen allerdings nur eine sehr eingeschränkte Form davon wahr, andere Erscheinungsformen, insbesondere der israelbezogene Antisemitismus, bleiben weitgehend unberücksichtigt.

Seit dem 7. Oktober wird immer wieder gefordert, den »Kontext« mitzudenken. Gemeint ist damit jedoch fast ausschließlich die Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts. Die Gewalt der Hamas erscheint in diesem Deutungsrahmen nicht mehr als antisemitischer Terror, sondern als verständliche Reaktion eines unterdrückten Volkes. Dadurch wird letztlich auch die Infragestellung des Existenzrechts Israels legitimiert. Vielen ist dabei gar nicht bewusst, dass sie Argumentationsmuster übernehmen, die denen rechtsextremer Ideologien erstaunlich ähnlich sind.

JA: In Ihrer Arbeit sprechen Sie häufig von der problematischen Täter-Opfer-Umkehr. Welche Folgen hat das für jüdische Erfahrungen?

KS: Besonders deutlich wird das etwa in Nancy Frasers Text »Gaza as World Event«. Dort wird die These vertreten, Gaza habe Auschwitz als Symbol der größten Verbrechen der Menschheit abgelöst. Darin liegt eine massive Täter-Opfer-Umkehr und zugleich eine historische Verzerrung. Das Kriegsgeschehen in Gaza wird nicht nur als Genozid beschrieben, sondern als das zentrale Menschheitsverbrechen unserer Zeit.

Damit wird die Shoah als historischer Bezugspunkt verdrängt. Gleichzeitig entsteht die Vorstellung, Israel habe seine moralische Legitimation verloren und seine Gründung müsse rückgängig gemacht werden. Solche Narrative haben unmittelbare Auswirkungen auf jüdisches Leben.

JA: Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Verhältnis von Antisemitismus, Sexismus und Rassismus. Welche theoretische Einsicht ist dabei besonders zentral?

KS: Die Brutalität des 7. Oktober lässt sich nur verstehen, wenn Antisemitismus und Misogynie gemeinsam analysiert werden. Die sexualisierte Gewalt war kein Nebenaspekt, sondern Ausdruck einer Ideologie, in der Frauenfeindlichkeit und Judenhass eng miteinander verwoben sind. Wer nur den Antisemitismus oder nur den Sexismus betrachtet, verfehlt die ideologische Struktur dieser Gewalt. Deshalb plädiere ich dafür, beide Dimensionen stets gemeinsam zu analysieren.

JA: Sie fragen in Ihrem Text »Der neue Unwille zu trauern«, wie es dazu kommen konnte, dass selbst kritische Theoretikerinnen den Islamismus als Alternative zur westlichen Moderne betrachten.

KS: Diese Entwicklung hat sich über mehr als zwei Jahrzehnte vollzogen. Vor allem im dekolonialen Feminismus wurde die Kritik an der Moderne zunehmend radikalisiert. Ursprünglich ging es darum, die uneingelösten Versprechen von Freiheit und Gleichheit kritisch zu hinterfragen, eine Form der Selbstkritik, die wir aus der Kritischen Theorie kennen und die bedeutsam bleibt.

Problematisch wird es dort, wo nicht mehr einzelne Herrschaftsformen kritisiert werden, sondern die Moderne insgesamt verworfen wird. Dann richtet sich der Blick auf vermeintliche Verbündete außerhalb des Westens. Der Islamismus erscheint plötzlich als Partner im Kampf gegen den Westen, obwohl er selbst antisemitisch, antifeministisch und antidemokratisch ist.

Gemeinsam ist beiden Seiten vor allem das antiwestliche Ressentiment. Die emanzipatorischen Errungenschaften der Moderne geraten dabei ebenso aus dem Blick wie der Antisemitismus und die Frauenfeindlichkeit islamistischer Ideologien. Nach dem 7. Oktober zeigte sich diese Entwicklung besonders deutlich: Um die Hamas als legitimen Widerstand darstellen zu können, mussten sowohl ihr Antisemitismus als auch ihre misogynen Verbrechen relativiert oder geleugnet werden.

Komplexität zurückgewinnen

JA: In Ihren Vorträgen haben Sie die Frage aufgeworfen: Ist eine intersektionale Antisemitismuskritik überhaupt möglich?

KS: Auf den ersten Blick könnte man den Eindruck gewinnen, Intersektionalität sei als theoretischer Ansatz kaum noch zu retten, weil die Theorie häufig dazu dient, Israel zum zentralen Verantwortlichen für globale Ungleichheiten zu erklären.  Trotzdem halte ich an dem Konzept fest. Ich möchte es gewissermaßen zurückgewinnen, weil sein ursprünglicher Anspruch durchaus sinnvoll ist: unterschiedliche Herrschaftsverhältnisse gemeinsam zu analysieren. Was wir heute erleben, ist aus meiner Sicht eher eine Anti-Intersektionalität. Unterschiedliche Widersprüche werden auf einen einzigen reduziert – den Gegensatz zwischen Westen und globalem Süden –, während Geschlechterverhältnisse, Klassenverhältnisse oder Antisemitismus aus dem Blick geraten.

Intersektionalität kann jedoch dann produktiv sein, wenn sie ihre ursprüngliche Komplexität zurückgewinnt. Gerade weil der Begriff heute so präsent ist, sollte man ihn nicht denjenigen überlassen, die ihn zur Legitimierung antisemitischer Positionen instrumentalisieren.

JA: Sehen Sie eine Möglichkeit, diese Perspektive auch im universitären Kontext wieder stärker zu etablieren?

KS: In meinen Lehrveranstaltungen und Vorträgen erlebe ich, dass eine differenzierte Lesart von Intersektionalität auf Interesse stößt. Viele merken, dass sich das Konzept auch anders denken lässt, als es derzeit häufig verwendet wird. Dasselbe gilt übrigens für die postkoloniale Theorie. Auch sie muss nicht zwangsläufig antisemitisch sein. Es gibt durchaus Ansätze, die Israel selbst als postkolonialen Staat verstehen und daraus ganz andere Schlussfolgerungen ziehen.

Gerade deshalb halte ich es für essenziell, theoretische Konzepte nicht vorschnell aufzugeben, sondern sie kritisch weiterzuentwickeln.

JA: Sie haben kürzlich ein neues Buch veröffentlicht: »Antisemitism and Sexism. Ideological Constellations before and after 7 October«. Worum geht es darin?

KS: Das Buch knüpft an meine früheren Arbeiten zum Verhältnis von Antisemitismus und Sexismus an, entwickelt diese Überlegungen aber vor dem Hintergrund des 7. Oktober weiter. Dieser Tag hat noch einmal besonders deutlich gemacht, wie eng beide Ideologien miteinander verflochten sind. Mein Ziel war es nicht, die Ereignisse lediglich zu dokumentieren, sondern sie ideologiekritisch zu analysieren. Dabei interessieren mich vor allem zwei Formen des Antisemitismus, die in der klassischen Kritischen Theorie noch nicht systematisch behandelt wurden: der israelbezogene und der islamische Antisemitismus.

Im Kern geht es darum, den Zusammenhang von Antisemitismus und Sexismus unter den Bedingungen nach dem 7. Oktober neu zu denken und mit den Instrumenten der Kritischen Theorie analytisch zu erschließen.

Eine englischsprachige Version des Interviews finden Sie hier.

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