100-Dollar-Gehälter für Pflegekräfte: Die tiefe Krise im iranischen Gesundheitssystem

Pflegekräfte im Iran sind notorisch unterbezahlt und überbelastet

Der Iran steht vor einer beispiellosen Krise im Pflegebereich, die sich in niedrigen Löhnen, Kündigungswellen, gravierendem Personalmangel und psychischer Erschöpfung der Beschäftigten im Gesundheitswesen widerspiegelt.

Berichte und Aussagen von Gewerkschaftsvertretern zeigen, dass iranische Pflegekräfte zum Teil für umgerechnet etwa 100 bis 150 Dollar im Monat arbeiten. Damit erhalten sie nur einen Bruchteil dessen, was Pflegekräfte in anderen Ländern beziehen. So verweist der Generalsekretär des »Nurses’ House«, Mohammad Sharifi-Moghaddam, darauf, dass eine Pflegekraft im Iran etwa 200 US-Dollar im Monat erhalte, während dieselbe Person in anderen Ländern ein Vielfaches davon verdienen könnte.

Sharifi-Moghaddam spricht angesichts dieser Differenz von »Lohndiskriminierung«, in der sich die »strukturellen Probleme im Gesundheitssystem« widerspiegeln. Der Mangel an Pflegekräften, die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte, Proteste in Dutzenden von Städten und sogar Berichte über Selbstmorde unter Mitarbeitern zeigen, dass das Problem über Löhne und Gehälter hinausgeht und zu einer sozialen und gesellschaftlichen Herausforderung geworden ist.

Personalmangel und Abwanderung

Die Abwertung der iranischen Währung und damit verbundene Probleme sind nur ein Grund für die Misere. Neben niedrigen Einkommen sind iranische Pflegekräfte auch mit steigender Inflation, sinkender Kaufkraft sowie hohen Wohn- und Lebenshaltungskosten konfrontiert.

Der Slogan »Die Inflation in Dollar, unsere Gehälter in Rial«, der bei Protestkundgebungen der Pflegekräfte zu hören war, spiegelt genau diese Realität wider: Die Preissteigerungen folgen dem Wechselkurs gegenüber dem Dollar, der von Tag zu Tag teurer wird, während die Einkommen weiterhin an den Rial gebunden sind, dessen Wert stetig sinkt, was den Arbeitnehmern eine stark eingeschränkte Kaufkraft beschert.

Darüber hinaus haben die Pflegekräfte wiederholt von Diskriminierung im Vergütungssystem zwischen verschiedenen Gruppen des medizinischen Personals gesprochen. Zwar ist es nichts Außergewöhnliches, dass Ärzte Gehälter erhalten, die über denen des übrigen medizinischen Personals liegen. Doch sind die Pflegekräfte der Ansicht, dass ihr Anteil an den finanziellen Ressourcen des Gesundheitssystems in keinem Verhältnis zum Umfang ihrer Verantwortlichkeiten und Belastung steht.

Einer der zentralen Aspekte der Pflegekrise im Iran ist der gravierende Personalmangel. Vertreter der iranischen Pflegeorganisation haben gewarnt, dass das Problem des Pflegekräftemangels ein gefährliches Ausmaß erreicht hat. Statistiken zeigen, dass das Verhältnis von Pflegekräften zu Krankenhausbetten im Iran weit unter den globalen Standards liegt. Während der weltweite Durchschnitt bei vier Pflegekräften pro 24 Stunden liegt, beträgt dieser Wert im Iran etwa 0,8 und in einigen unterversorgten Provinzen sogar nur 0,5.

Dieser Mangel bedeutet eine enorme Arbeitsbelastung für die noch im Dienst Verbleibenden. Neben den extrem niedrigen Löhnen sind die Pflegekräfte gezwungen, obligatorische Überstunden, lange Schichten und einen Mangel an Ressourcen in Kauf zu nehmen. Dies alles sind Faktoren, die ihre körperliche und psychische Erschöpfung noch verstärken. Zugleich verschärft die Abwanderung diesen Kreislauf weiter. Berichten zufolge verlassen jedes Jahr Tausende von Pflegekräften den Iran, wobei Deutschland, Kanada, Australien und die Staaten am Persischen Golf zu den Hauptzielen der Emigration zählen.

Psychischer Druck

Regierungsvertreter sprechen zwar von Zehntausenden arbeitslosen Pflegekräften, doch stoßen offizielle Stellenausschreibungen staatlicher Gesundheitszentren auf wenig Interesse. Dieser Widerspruch zeigt, dass das Problem nicht in einem Mangel an Beschäftigungsmöglichkeiten liegt, sondern dass schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen die Motivation mindern, diesen Beruf zu ergreifen oder darin zu verbleiben. Infolgedessen geben Pflegekräfte entweder den Berufseinstieg ganz auf oder greifen – wie Lehrer und andere einkommensschwache Gruppen in der iranischen Gesellschaft – auf Nebenjobs und Mehrfachbeschäftigung zurück, um über die Runden zu kommen.

In den letzten Jahren, insbesondere im Jahr 2024, haben Pflegekräfte in mehr als vierzig Städten und fünfzig Krankenhäusern und Gesundheitszentren Protestkundgebungen abgehalten. Dabei protestierten sie gegen ausstehende Löhne, obligatorische Überstunden und Lohndiskriminierung.

Slogans wie »Pflegekraft, erhebe deine Stimme, kämpfe für deine Rechte« und »Genug der Versprechen und Zusagen, unser Esstisch ist leer« zeigen, dass es bei diesen Protesten nicht nur um die Forderung nach höherer Bezahlung geht, sondern auch um das Gefühl der Ungerechtigkeit und der strukturellen Vernachlässigung, unter dem ein Großteil der Lohnempfänger im Iran leidet. Längst hat der Begriff der »Working Poor« Einzug gehalten, um eine Situation zu beschreiben, in der die Löhne die Lebenshaltungskosten der Arbeitnehmer nicht decken und letztere unterhalb der Armutsgrenze leben.

Einer der gravierendsten Aspekte dieser Krise ist der psychische Druck. Obwohl im Iran keine offiziellen Selbstmordstatistiken erhoben werden, deuten die wenigen Zahlen, die in Zeitungen und auf Nachrichten-Websites veröffentlicht werden, auf eine steigende Selbstmordneigung und -rate unter Pflegekräften hin. Dieser Trend verstärkt die Sorge um die generelle psychische Gesundheit des medizinischen Personals und weist auf die vielfältigen Belastungen hin, denen dieser Berufsstand ausgesetzt ist.

Leere Versprechungen

Die Lohnkrise, mit der Pflegekräfte konfrontiert sind, ist ein Symbol für ein tiefer liegendes Problem innerhalb des iranischen Lohnsystems und der sozialen Bedingungen der Lohnempfänger. Diese Krise hat die gesamte iranische Mittelschicht erfasst, während die Regierung bislang nur mit unbestimmten Versprechungen auf Verbesserungen reagiert. So auch im Gesundheitsbereich: Trotz zahlreicher Versprechen, neues Personal einzustellen und ausstehende Löhne zu zahlen, wurden von Seiten der Regierungsvertreter bislang keine wirksamen, strukturierten Maßnahmen ergriffen, um die Probleme an der Wurzel zu lösen.

Viele Pflegekräfte sind deshalb überzeugt, dass die derzeitige Politik nur ein Verwalten der Misere darstellt und keine grundlegende Reform in Sicht ist. Leere Versprechungen, hohle Rechtfertigungen und das Abwälzen der Verantwortung auf andere, um eine Krise zu durchtauchen, sind ein bekanntes Muster in der Islamischen Republik.

Sollte die iranische Gesundheitsverwaltung das Problem der Löhne, Arbeitsbedingungen und des Fachkräftemangels nicht ernsthaft angehen, wird dies nicht nur zu weiterer Abwanderung und Personalschwund unter den Pflegekräften führen, sondern könnte auch eine gravierende Bedrohung für die Zukunft des gesamten Gesundheitssystems des Landes darstellen.

Die Pflegekräfte, die in Krisen wie der COVID-19-Pandemie eine entscheidende Rolle gespielt haben, bräuchten heute mehr denn je echte Unterstützung und nicht nur folgenlos wiederholte Versprechungen. Angesichts der Verfasstheit der Islamischen Republik dürfte dieses Thema jedoch weit von den Prioritäten des Regimes entfernt sein, das sein Geld lieber in Repression und Terror steckt.

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