Thomas von der Osten-Sacken und Florian Markl über die jüngsten Volten der inkonsistenten amerikanischen Iranpolitik.
Im neuen Mena-Watch-Talk analysieren Florian Markl und Thomas von der Osten-Sacken das erneute Aufflammen des Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und dem iranischen Regime. Gründe für Optimismus sind für sie kaum zu erkennen: Während sich die militärischen Auseinandersetzungen ausweiten, fehle den USA nach wie vor eine erkennbare Strategie. Statt klar definierter politischer Ziele dominierten kurzfristige taktische Reaktionen.
Iran weitet den Krieg aus
Nach Einschätzung von Thomas von der Osten-Sacken verfolgt das iranische Regime gegenwärtig zwei militärische Ziele. Einerseits gehen iranische Truppen im kurdischen Nordirak vermehrt gegen iranisch-kurdische Oppositionsgruppen und deren bewaffnete Einheiten vor. Die iranische Führung wolle offenbar verhindern, dass kurdische Kräfte in einem möglichen weiteren Waffengang als Bodenkomponente für einen Regimewechsel dienen könnten. Für die iranischen Kurden bewahrheite sich damit, wovor sie die größte Angst gehabt hatten: dass vor allem sie es sein könnten, die im Falle eines Überlebens des Regimes unter dessen repressiver Gewalt zu leiden hätten.
Andererseits versuche das Regime in der Auseinandersetzung mit den USA gezielt, weitere Staaten der Region in den Konflikt hineinzuziehen. Iranische Angriffe auf Kuwait, Bahrain und andere Staaten sollen den golfarabischen Herrscherhäusern demonstrieren, dass der amerikanische Sicherheitsschirm nicht uneingeschränkt funktioniert.
Auffällig findet Markl, dass die Vereinigten Arabischen Emirate, die die Hauptleidtragenden der iranischen Drohnen- und Raketenangriffe in der heißen Phase des Krieges gewesen sind, gegenwärtig von Attacken verschont bleiben.
Besonders kritisch sieht von der Osten-Sacken gezielte Angriffe auf Entsalzungsanlagen, wie sie in den vergangenen Tagen in Kuwait stattgefunden haben. Da die Golfmonarchien existenziell von diesen Anlagen abhängig sind, könnte bereits deren Zerstörung binnen weniger Tage zu einer schweren Versorgungskrise führen.
Gleichzeitig verlagert sich der Schwerpunkt des Krieges zunehmend in den Süden des Iran. Vor allem die armen Regionen entlang des Persischen Golfs und der heiß umkämpften Straße von Hormus, in denen viele Angehörige der arabischen Minderheit leben, stünden gegenwärtig im Zentrum amerikanischer Angriffe. Diese beschränken sich nicht mehr auf rein militärische Ziele, sondern beinhalten zunehmend auch Infrastruktureinrichtungen und Industrieanlagen.
Kein klares Ziel
Den Kern der Diskussion bildet die Kritik an der amerikanischen Kriegsführung. Von der Osten-Sacken argumentiert, dass die ursprünglichen strategischen Ziele – etwa ein Regimewechsel oder die nachhaltige Ausschaltung der iranischen Raketen- und Atomprogramme – inzwischen faktisch aufgegeben worden seien.
An ihre Stelle sei ein rein taktisches Ziel getreten: die Öffnung und Offenhaltung der Straße von Hormus – ein Problem, das es vor dem Krieg in dieser Form überhaupt nicht gegeben hatte.
Auch hierfür kann von der Osten-Sacken keinen überzeugenden politischen Plan erkennen. Militärische Schläge gegen die iranische Küste könnten zwar einzelne Raketenstellungen ausschalten oder eine spätere Landungsoperation vorbereiten, beantworteten aber nicht die entscheidende Frage: Welches politische Endziel verfolgen die USA eigentlich?
Besonders kritisch sehen die Gesprächspartner die wechselhafte Politik Donald Trumps. Innerhalb weniger Monate habe sich dessen Haltung gegenüber dem iranischen Regime mehrfach grundlegend geändert: Er habe von einem Regime gesprochen, das beseitigt gehöre, um dann zu bestreiten, dass Regime Change ein Ziel seiner militärischen Intervention sei. Er habe sie als „verrückte Bastarde“ bezeichnet, um kurz danach zu erklären, die jetzige Führung sei viel vernünftiger und würde um einen Deal mit den USA betteln. Aktuell scheint Trump wieder beim Modus „Wir bomben die Bastarde zurück in die Steinzeit“ angekommen zu sein, doch das könne praktisch stündlich wieder ins Gegenteil kippen.
Diese Widersprüchlichkeit erschwere nicht nur die militärische Planung, sondern untergrabe auch die Glaubwürdigkeit amerikanischer Politik. Ein Krieg ohne konsistente Strategie, so die Einschätzung, sei kaum zu gewinnen. Gleichzeitig verbrauchten die USA enorme Mengen teurer Präzisionswaffen, die auch essentiell für mögliche Konflikte auf anderen Schauplätzen weltweit wären, während iranische Billigdrohnen und Raketen vergleichsweise kostengünstig eingesetzt würden.
Innenpolitische Spannungen in den USA
Parallel zum Krieg verschärfen sich auch die politischen Konflikte innerhalb der Vereinigten Staaten. Der eher isolationistische MAGA-Flügel um Vizepräsident J. D. Vance distanziere sich zunehmend von der traditionellen pro-israelischen Linie der Republikaner. Vance mache sogar israelische Kreise für das Scheitern seiner naiven Verhandlungen mit dem Iran verantwortlich.
Nach Ansicht von Thomas von der Osten-Sacken zeigt sich hier eine tiefgreifende Verschiebung der amerikanischen Innenpolitik: Sowohl auf der politischen Linken als auch auf der Rechten verliere eine klassische pro-israelische Position zunehmend an Rückhalt. Diese Entwicklung könnte langfristig erhebliche Auswirkungen auf das amerikanisch-israelische Verhältnis haben.
Erdoğan als geopolitischer Gewinner
Während viele Akteure in den vergangenen Monaten verloren hätten, sieht von der Osten-Sacken einen klaren Gewinner: den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Die Türkei habe sich aus den direkten Kampfhandlungen herausgehalten, gleichzeitig aber gute Beziehungen sowohl zu Washington als auch zu Teheran und Europa bewahrt und ihre eigene regionale Position gestärkt. Ferner sei es ihr gelungen, die mögliche Entstehung einer starken kurdischen Region im Iran nach irakischem Vorbild erst einmal zu verhindern.
Wie Markl betont, ist Erdoğan der einzige Politiker, der bislang nicht zum Gegenstand Trumpscher Schimpftiraden geworden ist. Das enge und (männer-)freundschaftliche Verhältnis zwischen dem amerikanischen und dem türkischen Präsidenten scheint als einziges ungebrochen zu sein.
Positive Entwicklungen im Irak und Libanon
Trotz der düsteren Gesamtlage verweist von der Osten-Sacken auch auf hoffnungsvolle Entwicklungen. Sowohl die irakische Regierung als auch die neue Führung im Libanon würden ernsthafte Anstrengungen unternehmen, um den Einfluss der vom Iran unterstützten Milizen (Irak) beziehungsweise der Hisbollah (Libanon) zurückzudrängen. Ob diese Bemühungen erfolgreich bleiben, dürfte auch davon abhängen, wie es im amerikanisch-iranischen Krieg weitergeht.
Hier habe sich im entscheidenden Punkt aller turbulenten Vorgänge zum Trotz nichts geändert: Der Knackpunkt für die weitere Entwicklung der Region bleibe der Sturz des iranischen Regimes.
Auch dieser Mena-Watch-Talk endet mit von der Osten-Sackens ceterum censeo: Wenn ihn seine langjährigen Erfahrungen im Nahen Osten etwas gelehrt haben, dann, dass sich Veränderungen hier oft unerwartet, dann aber mit enormer Geschwindigkeit abspielen können.
