Im Mena-Talk mit Jasmin Arémi spricht die freiberufliche geopolitische Analystin Paushali Lass über ihre jüngste Reise nach Israel zum »JNS International Policy Summit« und die Gründung der Initiative »India x Israel Nexus«.
Beim JNS-Gipfeltreffen traf Lass unter anderem den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu, den Staatspräsidenten Jitzchak Herzog sowie zahlreiche Knesset-Abgeordnete. Trotz innenpolitischer Spannungen habe sie eine bemerkenswerte Geschlossenheit in sicherheitspolitischen Fragen wahrgenommen. Die Botschaft der politischen Führung sei eindeutig gewesen: Israels Existenz und Sicherheit stünden nicht zur Disposition. Wer Israels Sicherheit in Gefahr bringt, wird mit den Konsequenzen leben müssen.
Mindestens ebenso prägend wie die Gespräche auf politischer Ebene waren für sie jedoch auch die persönlichen Begegnungen. Diplomaten, Beamte und Wissenschaftler seien ihr mit erheblicher Offenheit begegnet. Diese Erfahrung habe sie in ihrer Überzeugung bestärkt, dass belastbare Beziehungen nicht allein zwischen Regierungen entstehen, sondern vor allem zwischen Menschen.
Genau dort setzt das neue Projekt »India-Israel Nexus« an, das Lass als Co-Founderin gemeinsam mit Ravital Moses und Royston D´Mello gegründet hat. Die Plattform soll wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Kooperationen zwischen den beiden Demokratien fördern und Akteure aus diversen Bereichen miteinander vernetzen. Für die Analystin ist Indien als bevölkerungsreichste Demokratie der Welt ein strategischer Partner Israels. Zugleich verweist sie auf die jahrtausendealte Geschichte jüdischer Gemeinden in Indien als historisches Fundament der Beziehungen.
Komplexe Realität
Eine einschneidende Erfahrung machte Paushali Lass bereits am ersten Tag ihrer Reise. Ein Taxifahrer mit israelischem Kennzeichen entführte sie von Ostjerusalem in die palästinensisch kontrollierte Zone A in der Westbank, die israelische Staatsbürger aus Sicherheitsgründen nicht betreten dürfen. Dort wurde sie ausgeraubt, blieb jedoch unverletzt. Das Erlebnis hat ihre Wahrnehmung der Region nachhaltig verändert. Vor Ort habe sie eine wesentlich komplexere Realität erlebt, als sie aus der internationalen Berichterstattung erwartet hatte. Von den häufig verwendeten Bildern eines hermetisch abgeschotteten »Freiluftgefängnisses« oder gar eines »Konzentrationslagers« habe sie nichts wiedererkannt. Stattdessen schildert sie ein Nebeneinander unterschiedlicher Verwaltungszonen, wirtschaftlicher Aktivitäten und funktionierender Infrastruktur, das sich einfachen politischen Erzählungen entziehe.
Auch Besuche an der Grenze zum Gazastreifen sowie in israelischen Gemeinden und Siedlungen im Westjordanland hätten diesen Eindruck vertieft. Besonders Hebron habe ihr die historische und religiöse Dimension des Konflikts vor Augen geführt. Die Erfahrungen vor Ort hätten sie dazu veranlasst, mediale Darstellungen Israels noch kritischer zu hinterfragen.
Viele internationale Berichte reduzierten den Konflikt auf ein eindimensionales Täter-Opfer-Schema und blendeten Aspekte aus, die nicht in dieses Narrativ passten. Als Beispiel nennt sie die Organisation Save a Child’s Heart, die Kinder aus Krisenregionen medizinisch behandelt und unabhängig von ihrer Herkunft versorgt. Solche Initiativen fänden international kaum Beachtung. Auch die israelischen Streitkräfte beschreibt sie differenzierter, als sie häufig dargestellt werden.
Mit Sorge blickt Lass zugleich auf die Entwicklung in Europa. Seit dem 7. Oktober beobachtet sie einen deutlichen Anstieg antisemitischer Vorfälle, insbesondere in Deutschland. Der Terrorangriff der Hamas habe bestehende Ressentiments nicht hervorgebracht, sondern sichtbar gemacht und verstärkt. Für sie wirft diese Entwicklung grundlegende Fragen nach gesellschaftlichen Grenzen, politischer Verantwortung und dem Umgang mit Antisemitismus auf. Initiativen wie das »India-Israel Nexus« versteht sie deshalb auch als Antwort auf verzerrte Wahrnehmungen. Direkte Begegnungen, persönliche Netzwerke und langfristiger Austausch sollen dazu beitragen, festgefahrene Narrative aufzubrechen und ein differenzierteres Bild Israels zu vermitteln.
