Sderot steht seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 wie kaum eine andere israelische Stadt für Terror und Trauma. Warum sie zugleich zu einem internationalen Vorbild für Resilienz werden könnte, erläuterten zwei in der Kleinstadt aktive Israelis bei einem Abend in Berlin.
»Sderot ist eine Stadt von Helden, die sich entschieden haben, über eine Tragödie hinauszuwachsen. Die Resilienz unserer Gemeinschaft ist ein Vorbild für die Welt«, sagt Sderots Bürgermeister Alon Davidi in einem Imagefilm. Während er zwischen den hellgrauen Stelen des Mahnmals für die am 7. Oktober zerstörte Polizeistation der Stadt geht, stellt er das neue Zentrum »Resilience and Innovation Health Hub« vor. Anschließend zeigt die Kamera das moderne Gebäude des Zentrums, bevor sie in einer Totale über die Dächer des freundlich und lebendig wirkenden Grenzorts zum Gazastreifen schwenkt.
Der Film ist Teil der Präsentation des Hub-Mitgründers Eran Segel. An einem Juli-Abend erläutert er gemeinsam mit der deutsch-israelischen Unternehmerin Viktoria Kanar vor einem kleinen Publikum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, wie die in Sderot entwickelten Ansätze zur Stärkung gesellschaftlicher Resilienz auch für Deutschland von Bedeutung sein könnten.
Unter realen Bedingungen einer Stadt, die seit Jahrzehnten unter Raketenbeschuss aus Gaza lebt, entstand in Sderot nach dem 7. Oktober ein sogenanntes »Living Lab«. Dort werden innovative Technologien und Programme entwickelt, unter verschiedenen Bevölkerungsgruppen getestet und weiterentwickelt. Grundlage dafür ist die enge Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung, Wohlfahrtsorganisationen, Start-ups sowie Expertinnen und Experten aus den Bereichen mentale Gesundheit, Notfallmanagement, Zivil- und Katastrophenschutz und Krisenprävention.
Entscheidung für Resilienz
Während ihres Berlin-Besuchs haben Segel und Kanar zahlreiche Gespräche geführt, unter anderem im Bundestag, auf der Berlin Defense Tech Week, in einem Innovationszentrum der Charité und mit verschiedenen Nichtregierungsorganisationen, die sich mit Resilienz und mentaler Gesundheit beschäftigen.
Den Ursprung der Resilienz Sderots erläutert Segel anhand einer Zeitleiste. Bereits 2001 schlugen die ersten Raketen aus dem Gazastreifen ein. Seit 2005 lebt die Bevölkerung mit dem Wissen, dass das Alarmsystem »Red Color« ihnen bei Raketenangriffen lediglich fünfzehn Sekunden Zeit lässt, um einen Schutzraum zu erreichen. Diese permanente Bedrohung hat das Lebensgefühl der Stadt geprägt – allerdings nicht im Sinne einer Opfermentalität, sondern als bewusste Entscheidung für Resilienz.
»Wir wollen nicht zum Stand vom 6. Oktober zurück«, erklärt Segel, der bislang für das israelische Verteidigungsministerium tätig war. »Wir wollen besser werden, die Krise anpacken und daraus etwas Neues schaffen.« Ziel sei es, eine Lebensqualität wie in Tel Aviv zu entwickeln und nicht mehr als die »Armen« an der Peripherie des Landes wahrgenommen zu werden, sondern als Innovationsstandort. Auch deswegen lernten Jugendliche in Workshops den Sinn von Entrepreneurship für die Gemeinschaft. Als Beleg für den Erfolg von Sderot verweist Segel darauf, dass sich in den vergangenen drei Jahren rund sechzig neue Start-ups mit der Stadt verbunden hätten.
Eine der großen Herausforderungen Israels sei die Traumatisierung zahlreicher Soldaten infolge des Kriegs sowie der Mangel an Therapeutinnen und Therapeuten. Auch Sderot sei durch die Flut von Menschen und Kindern überfordert gewesen, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) gelitten hätten. Als Antwort darauf entwickelte das Zentrum an der Schnittstelle von Medizin und Technologie die KI-gestützte Plattform NEAO. Sie ermöglicht anonyme Gruppentherapien, bei denen die Teilnehmenden über Avatare miteinander und mit einem Therapeuten kommunizieren können, der sich nicht am selben Ort befinden muss.
Natürlich sei eine solche Behandlung nur der Anfang eines langwierigen Prozesses, um eine PTBS zu überwinden. Als »First Kit« ermögliche sie jedoch vielen Menschen, die sonst Berührungsängste mit einer Therapie hätten, den Einstieg. Dazu zählten Soldaten, die nicht daran gewöhnt seien, Schwäche zu zeigen. Auch für Kinder und Jugendliche ebne die App den Weg zur Therapie. Bei der Berliner Veranstaltung wird Vein ideo von NEAO gezeigt, in dem KI-generierte Avatare echter Menschen in einer virtuellen Gesprächsrunde miteinander interagieren. Pilotprojekte mit Studierenden in Gruppen von sechs bis sieben Personen seien bereits erfolgreich gelaufen, berichtet Segel. Ursprünglich seien zwölf Sitzungen vorgesehen gewesen; viele Teilnehmenden hätten sich anschließend eine Fortsetzung gewünscht.
Eine weitere innovative App aus Sderot trägt den Namen »Mind Reset«. Auch sie verbindet künstliche Intelligenz mit psychischer Gesundheitsversorgung. Die Anwendung analysiert Augenbewegungen und soll auf dieser Grundlage psychische Belastungen erkennen und behandeln. Derzeit läuft ein Pilotprojekt der »Eye-Tracking Mental Health App« im Sportbereich, so Segel. Für eine Ausweitung werden Partner in Deutschland gesucht.
Ein weiteres Start-up entwickelte einen Simulator, der verhindern soll, dass Menschen in Krisensituationen in eine Schockstarre verfallen. Durch gezielte Reize für die Sinne – insbesondere Sehen, Hören und Riechen – soll das Gehirn trainiert werden, auch unter Stress handlungsfähig zu bleiben. Der Simulator für Such- und Rettungseinsätze ermöglicht Ingenieuren, medizinischen Teams und Einsatzleitern, gemeinsam die Ortung von Opfern, die Einschätzung struktureller Risiken, koordinierte Bergungen sowie Entscheidungen in Echtzeit zu trainieren.
Das Beispiel zeige, so Segel, dass es beim Resilienzkonzept Sderots nicht um klassische Sicherheitstechnologien gehe, sondern um neue Verbindungen zwischen Gesundheitsdaten, Psychologie und moderner Technologie.
Auf Deutschland übertragbar?
Dass auch Deutschland mit vielfältigen Krisen konfrontiert sei, verdeutlicht Segel bereits zu Beginn seiner Präsentation. Nach einem Scherz über das Scheitern der deutschen Fußballnationalmannschaft führt er ernstere Beispiele an: den Stromausfall für rund 45.000 Haushalte nach einem Angriff auf die Infrastruktur im Januar 2026 in Berlin, russische Drohnen über militärischen Einrichtungen, die Zunahme terroristischer Bedrohungen, die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 sowie den neuen Hitzerekord von 41,7 Grad im vergangenen Juni.
Kanar ergänzt, Gewalt und Mobbing an Schulen seien gesellschaftliche Krisen mit langfristigen psychischen Folgen, wenn ihnen nicht frühzeitig begegnet werde. Ein Ziel ihres Berlin-Besuchs sei es gewesen, das Bewusstsein für bestehende Bedrohungen zu schärfen, sagte Kanar. Deshalb sei ihr die Rekrutierungskampagne der Bundeswehr aufgefallen, die sie dort beobachten konnte. Während ihrer Kindheit in Deutschland wäre eine derart sichtbare Präsenz des Militärs kaum vorstellbar gewesen.
Dass sich viele Deutsche dieser Bedrohungen nicht wirklich bewusst – oder schon mit viel kleineren Krisen im privaten Bereich überfordert seien –, betonten zwei Menschen aus dem Publikum. So gut das Sderot-Modell auch sei, sie bezweifelten, ob es auf Deutschland zu übertragen sei.
Segel widersprach. Die in Sderot entwickelten Technologien seien keineswegs ausschließlich für Kriegs- oder Terrorlagen geeignet. So könne »Mind Reset« beispielsweise auch bei Burnout-Erkrankungen eingesetzt werden. Mehrere öffentliche und private Einrichtungen in Deutschland hätten bereits Interesse signalisiert. Wie konkret dieses Interesse ist, zeigt sich am Ende der Veranstaltung, als eine Teilnehmerin nach Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit einer Berliner Hochschule fragt.
Seit Jahrzehnten gilt die überparteiliche israelische Nichtregierungsorganisation NATAL als führendes Traumazentrum des Landes. Die in Sderot entwickelten KI-gestützten Ansätze könnten diese Arbeit künftig ergänzen und neue Wege eröffnen, um die psychischen Folgen jahrelanger Kriegs- und Terrorerfahrungen zu bewältigen.
