Türkei und Ägypten verbieten Schwulen die Einreise – auf Londoner Pride-Marsch werden Juden beschimpft

Bei der London Pride wurden jüdische Teilnehmer antisemitische beschimpft

Die Repression gegen Homosexuelle in aller Welt wäre ein Thema für Demonstrationen und Pride-Paraden im Westen. Leider sind oft stattdessen Israelis und Juden das Feindbild.

Atlantis Events ist der wohl bekannteste Anbieter von Kreuzfahrten, die sich speziell an homosexuelle Männer richten. Die Reisen sind besonders für große Partys, internationale DJs, Shows und ein lebhaftes Nachtleben bekannt. Ein Passagierschiff der Reederei Virgin Voyages – die Scarlet Lady – war diesen Monat für Atlantis Events im Mittelmeer unterwegs. Ein Highlight: der Auftritt der Broadway-Sängerin Patti LuPone an Bord.

Die Scarlet Lady stach am 5. Juli in See und beendete ihre Reise am 15. Juli in Italien. In einem Instagram-Post von Atlantis vom Mai wurde die Kreuzfahrt als »eine epische Reise exklusiv für schwule Männer von Athen über Venedig zu den bekanntesten Reisezielen des Mittelmeers: Mykonos, Santorini, Istanbul, Dubrovnik und mehr« beschrieben.

Getrübt wurde die Unternehmung durch eine Änderung der Reiseroute, die für den Veranstalter überraschend kam: Die Türkei untersagte dem Kapitän der Scarlet Lady, im Hafen vor Anker zu gehen. Die Regierung der türkischen Provinz Aydın erklärte in einem Beitrag auf X:

»Die geplante Kreuzfahrt eines von Gruppen gecharterten Schiffes, deren Verhalten mit den Strukturen und moralischen Werten unserer Gesellschaft unvereinbar ist, mit Ankunft im Hafen von Aydın Kuşadası am 7. Juli 2026 wurde abgesagt. Diese Veranstaltung, die in verschiedenen Teilen unserer Gesellschaft große Besorgnis ausgelöst hat, findet nicht statt. Es ist absolut ausgeschlossen, dass diese Gruppe mit einer solchen Organisation in unsere Stadt kommen wird.«

Rich Campbell, Präsident und CEO von Atlantis Events, sagte gegenüber dem Sender CNN: »Wir hatten eine vollständige Genehmigung.« Die Sängerin Patti LuPone schrieb auf Instagram: »Ich bin schockiert. Die Atlantis-Kreuzfahrt, auf der ich nächste Woche auftrete, darf nicht in die Türkei einlaufen. Ein Schiff – ein großartiges Schiff – voller schwuler Männer. Und ich. Uns wurde die Einreise in die Türkei verweigert, nur wegen derer, die an Bord sind.«

Ägypten zieht nach

Es kam noch schlimmer. Nachdem dem Schiff die Anlegeerlaubnis in der Türkei verweigert worden war, wurde kurzfristig ein Stopp in Ägypten geplant. Doch auch daraus wurde nichts. Die ägyptischen Behörden ließen das Schiff ebenfalls nicht anlegen. Gründe dafür nannten sie nicht. Erst in den frühen Morgenstunden des Tages, an dem der Stopp in Alexandria geplant war, hatte der Reiseveranstalter von der Entscheidung erfahren. »Ich weiß, wie viel Ihnen dieser Besuch bedeutet hat. Wir haben im letzten Jahr eine ähnliche Route problemlos befahren. Daher waren wir von dieser bedauerlichen Entscheidung überrascht«, äußerte Campbell in einer Mitteilung an die Reisenden.

Der Blogger Randy Slovacek, einer der Reisenden, schrieb auf seinem Blog The Randy Report, viele Passagiere hätten in Ägypten geführte Touren gebucht und vorab bezahlt, etwa zu den Pyramiden von Gizeh: »Auch wenn es ein langer Tag werden würde – drei Stunden Fahrt hin, mehrere Stunden Besichtigung, drei Stunden zurück zum Schiff –, wer wollte sich die Pyramiden schon entgehen lassen?«

Die meisten seien also früh schlafen gegangen, um am nächsten Morgen pünktlich um 7 Uhr fit für die Abfahrt zu sein. »Doch als mein Mann und ich unsere Kabine verließen, fanden wir einen Zettel, der unter der Tür hindurchgeschoben worden war: Der Ägypten-Ausflug war gestrichen worden.« In der 36-jährigen Geschichte des Unternehmens sei Atlantis noch nie die Einfahrt in einen Hafen verweigert worden, so der Blogger. »Und jetzt ist es innerhalb einer Woche in zwei Ländern passiert.«

Slovacek gab sich unerschüttert: »Glaubt mir, meinen Mitreisenden und mir wird es gut gehen: Wenn sie unseren Tourismus nicht wollen, werden wir uns eben woanders vergnügen. Wie mein Blogger-Kollege Joe Jervis einmal schrieb: ›Sie wünschen sich, wir wären unsichtbar. Sind wir aber nicht. Lasst uns tanzen!‹«

Kyle Olsen, Inhaber von Hermes Holidays, einem weiteren Reiseveranstalter für LGBT-Reisen, sagte der britischen Zeitung The Guardian, er glaube, dass Ägypten das Einreiseverbot nicht verhängt hätte, wenn die Türkei dem Schiff nicht zuvor die Einfahrt verweigert hätte. »Ich befürchte, dass sich andere Länder dadurch ermutigt fühlen, ebenfalls Kreuzfahrten für Schwule und Lesben aus ihren Häfen zu verbannen.« Er werde seinen Kunden die Türkei und Ägypten nicht mehr empfehlen – man müsse aber zwischen den Regierungen und der Bevölkerung unterscheiden: »Wir waren in der Vergangenheit schon oft in der Türkei und in Ägypten und haben die Menschen als sehr herzlich, freundlich und aufgeschlossen erlebt.«

Völlig überraschend kam dieser Affront freilich nicht. Das deutsche Auswärtige Amt warnt ausdrücklich vor Ägyptens »weit gefassten Straftatbeständen zum Schutz der Moral oder Religion«, nach denen auch Homosexualität geahndet werden könne – »vor allem wenn sie offen gezeigt wird«. Das ägyptische Strafgesetzbuch stelle »Unzucht« unter Strafe. »Strafverfolgungsbehörden und Gerichte berufen sich u. a. auf den entsprechenden Artikel und ein Gesetz zur Bekämpfung der Prostitution von 1961. Es sind in diesem Zusammenhang sowohl Geld- als auch Gefängnisstrafen vorgesehen.«

Zwar sei bisher kein Fall bekannt geworden, in dem ein ausländischer Tourist tatsächlich aufgrund dieser allgemeinen Bestimmungen strafrechtlich verfolgt worden sei. »Verhaftungen und anschließende Abschiebungen von Ausländern sind dagegen bereits vorgekommen.« Menschenrechtsorganisationen berichteten, dass ägyptische Behörden »auch Dating-Apps einsetzen, um LGBTIQ ausfindig zu machen«. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass auch ausländische Touristen Opfer dieses Vorgehens werden könnten, heißt es in den Reise- und Sicherheitshinweisen zu Ägypten.

In der Türkei seien homosexuelle Handlungen zwar nicht strafbar, so das Auswärtige Amt. Die »Pride Parade« werde von den türkischen Behörden jedoch regelmäßig untersagt; Teilnehmenden drohe strafrechtliche Verfolgung. Auch 2025 sei es am Rande nicht genehmigter Pride-Veranstaltungen in der Türkei zu zahlreichen Festnahmen gekommen, »auch ausländische Staatsangehörige waren betroffen«.

Erinnerung an die Queen Boat

Die bekannteste Verfolgungswelle gegen homosexuelle Männer in Ägypten in jüngerer Zeit hatte übrigens ebenfalls etwas mit einem Schiff zu tun. In der Nacht vom 11. Mai 2001 stürmte die Polizei das auf dem Nil in Kairo liegende Hotelschiff Queen Boat. Es war ein beliebter Nachtclub und Treffpunkt, auch für schwule Männer. Mehr als fünfzig Männer wurden festgenommen. Sie wurden unter anderem der »gewohnheitsmäßigen Unzucht« bzw. »Ausschweifung« beschuldigt, teilweise auch der »Missachtung der Religion«.

Der Fall erregte große Aufmerksamkeit, weil die Männer in einem Massenprozess vor einem Sondergericht angeklagt wurden, staatlich beeinflusste Medien ihre Namen und Fotos veröffentlichten und zahlreiche Betroffene von Misshandlungen, Folter und sogenannten »Analuntersuchungen« berichteten. Im ersten Verfahren wurden 23 Männer zu Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren verurteilt. Einige Urteile wurden später aufgehoben und neu verhandelt, doch der Fall markierte den Beginn einer Phase verstärkter Repression gegen tatsächliche oder vermeintliche homosexuelle Männer in Ägypten.

Menschenrechtsorganisationen dokumentierten in den folgenden Jahren weitere Festnahmen, teils auch durch Überwachung von Internetplattformen und Lockangebote der Polizei. Es war eine öffentlich inszenierte Kampagne, um Homosexualität als gesellschaftliche Bedrohung darzustellen. 2017 wurden Zuschauer eines Konzerts der libanesischen Band Mashrou’ Leila in Kairo festgenommen, weil sie eine Regenbogenflagge gezeigt hatten.

Der Fall der Scarlet Lady ist somit nicht nur ein Affront gegen die Reisenden, sondern ein schlechtes Omen für Homosexuelle in Ägypten. Der Passagier Greg Morley sagte gegenüber CNN: »Ich dachte sofort an die LGBTQ+-Gemeinschaften in Ägypten und der Türkei, wo LGBTQ+-Menschen nicht einfach so wegsegeln können.«

San Francisco und London: Angriffe auf Juden

Diese Repression gegen Homosexuelle in aller Welt wäre ein Thema für Demonstrationen und Pride-Paraden im Westen. Leider sind oft stattdessen Israelis und Juden das Feindbild. Scott Wiener, ein jüdischer Abgeordneter der Demokraten, der für San Francisco im US-Repräsentantenhaus sitzt, teilte am 27. Juni in den sozialen Medien mit, dass er den Trans-Marsch in San Francisco habe verlassen müssen, da er verbal und körperlich aggressiv angegangen worden sei. »Gestern Abend nahm ich am Trans-Marsch teil, wie ich es seit dem ersten Marsch im Jahr 2004 jedes Jahr getan habe. Ich bin jedes Jahr dabei, um mich solidarisch mit unseren Trans-Geschwistern zu zeigen, die durch Rechtsextreme – einschließlich dem Präsidenten – existenziellen Bedrohungen ausgesetzt sind.«

Es sei ihm »eine große Ehre, seit vielen Jahren mit Trans-Menschen zusammenzuarbeiten, um Gesetzesinitiativen und Haushaltsanträge zur Unterstützung der Community voranzubringen«. Als er durch den Dolores Park ging, um an einem »Pride-Schabbat-Gottesdienst im Rahmen des Trans-Marsches teilzunehmen«, habe eine Gruppe von Menschen begonnen, ihn anzuschreien:

»Sie liefen auf mich zu, umringten mich und begannen, mich sowohl verbal als auch körperlich zu bedrängen, wobei es auch zu physischen Berührungen kam. Sie äußerten sich über meine ›israelischen Drahtzieher‹ – neben vielen anderen unzutreffenden, extremen und abscheulichen Behauptungen. Sie verhielten sich derart aggressiv – sowohl körperlich als auch verbal –, dass es mir unmöglich war, mich weiterhin sicher im Park aufzuhalten. Infolgedessen verließ ich den Park und nahm zum allerersten Mal nicht am Trans-Marsch teil.«

Jemand, der offensichtlich zu denen gehörte, die Wiener aggressiv bedrängten, filmte diesen anschließend über mehrere Minuten, wie er niedergeschlagen den Schauplatz verließ. Der Autor stellte das Video wie einen digitalen Pranger auf X und kommentierte hämisch:

»Scott Wiener tauchte beim Trans-Marsch auf, und zum ersten Mal haben wir ihn rausgeschmissen. Es ist traurig, denn obwohl er einige gute Gesetze für Queers auf den Weg gebracht hat, ist er letztlich nur ein Handlanger der politischen Mitte-rechts-Strömung, der Völkermord unterstützt. Triggerwarnung: ein gebrochener Mann, der geschlagen von dannen zieht.«

Ein Einzelfall? Keineswegs. Die Londoner Metropolitan Police (MPS) untersucht Berichte, wonach Teilnehmer der Pride-Parade jüdische Besucher, die sie als »Zionisten« identifizierten, verbal attackierten. Auf mehreren Videos ist zu sehen, wie Teilnehmer der Parade jüdische Teilnehmer des Pride-Marschs beschimpften. Etwa: »Fuck you, Juden!« Oder: »Free Palestine!« Oder: »Ihr tötet arabische Kinder. Ihr tötet schwule Kinder.« Oder: »Was ihr tun müsst, ist, zurück in Euer zionistisches Heimatland zu gehen, denn es wird nicht mehr lange existieren.« Oder: »Wie viele Babys habt ihr getötet?« Oder: »Ihr seid das am meisten gehasste Volk der Welt.«

Ein Sprecher der in Großbritannien ansässigen Organisation Campaign Against Antisemitism (CAA) sagte: »Der Übergang von ›Free Palestine‹ zu ›Fuck the Jews‹ vollzieht sich meist lautlos. Dieser Vorfall macht ihn laut und unmissverständlich sichtbar.«

Schon in den vergangenen zehn Jahren hatten Organisatoren von einigen Homosexuellen-Umzügen in den USA, wie etwa dem Dyke-Marsch in New York, »Zionisten« aus ihren Reihen ausgeschlossen und das Zeigen des Davidsterns verboten – auch Regenbogenflaggen mit Davidstern –, weil dieser »anstößig« sei und Menschen ein »Gefühl der Unsicherheit« gebe. Ein Motto, das auf der Pride-Parade in London gezeigt wurde, lautete ironischerweise: »We stand together« (»Wir stehen zusammen«).

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