Tod von Ayatollah Ali Khamenei: Die Entzauberung der Macht

Khameneis Tod war ein schwerer symbolischer Schlag für das iranische Regime

Die Nachricht vom Tod des obersten Führers Ali Khamenei  traf nicht bloß eine Person, sondern ein zentrales Symbol des Systems der Islamischen Republik Iran.

Am vergangenen Samstag, dem 28. Februar, erfolgten massive US-israelische Luftangriffe auf iranisches Territorium, auf hohe Führungspersönlichkeiten, Ziele der Revolutionsgarde, Raketenbasen und Repressionsstrukturen. Nicht das ferne Grollen vereinzelter Einschläge war zu hören, sondern das anhaltende Dröhnen eines militärischen Angriffs, der sich gegen die militärische Infrastruktur und die Einrichtungen des Sicherheitsapparats richtete – gezielt gegen das Rückgrat des Terrorregimes. Der Iran ist nach dem Beginn der israelisch-amerikanischen Angriffe offiziell in den Krieg eingetreten und entfesselte daraufhin eine Angriffswelle aus Raketen und Drohnen gegen Ziele im gesamten Nahen Osten.

Vor diesem Hintergrund verbreitete sich Stunden später die Botschaft vom Tod des Obersten Führers Ali Khamenei; eine Nachricht, auf die viele Iraner jahrzehntelang gewartet hatten. Was auf den Bildschirmen der Smartphones und in den Timelines der sozialen Netzwerke auftauchte, waren Videos, die zeigten, was diese Nachricht im Inneren des Landes auslöste: Menschen jubelten auf offener Straße, Autokorsos schoben sich durch die Nacht, Hupkonzerte übertönten für Augenblicke die sonst so dichte Stille der Einschüchterung. Für einen Moment wirkte es, als sei das Monopol der Angst gebrochen. Zugleich signalisierte das Regime über Trauerveranstaltungen in den Staatsmedien weiterhin die Kontrolle.

Das iranische Regime hatte sich über Jahrzehnte als gottgewollte Ordnung inszeniert, als sakralisierte Macht, deren Führer nicht nur politischer Akteur, sondern spirituelle Instanz war. Die Nachricht vom Tod des Revolutionsführers traf daher nicht bloß eine Person, sondern ein zentrales Symbol des Systems. Oppositionelle Kreise und Exil-Iraner begrüßten dies als Chance für Veränderung; breite Proteste hatte es bereits seit 2022 und zuletzt zu Beginn dieses Jahres gegeben. Die Bilder der vergangenen Tage markieren, wenn nicht bereits den Sturz, so doch die Entzauberung einer Herrschaft, die ihre Unantastbarkeit aus religiöser Überhöhung bezog. Der Glaube an die Ewigkeit der Macht ist in seinen Grundfesten erschüttert.

Ein mögliches Ende, ein unsicherer Anfang

US-Präsident Donald Trump erklärte nach den Angriffen, diese würden »bis zur vollständigen Erreichung unserer Ziele andauern«, nannte den Iran eine »drohende Gefahr« und betonte, die Operationen zielten auf die Zerstörung von Nuklear- und Raketenprogrammen sowie auf die Schwächung der Revolutionsgarde. Trump schloss weitere Eskalationen nicht aus, sollte das Regime nicht kapitulieren, und signalisierte Unterstützung für die inneriranische Opposition. Alles wirkt vage, wenig ist klar.

Parallel dazu versuchten Beobachter, die militärische Lage einzuordnen. Der Nahostexperte Michael Spaney, Direktor des Mideast Freedom Forum Berlin, beschrieb in einem Interview mit der Jüdischen Allgemeine die Angriffe Israels und der USA als mehr als eine bloße Schwächung von Raketenstellungen oder Drohnenbasen. Ziel seien insbesondere Teile des Repressionsapparats. Es gehe um jene Institutionen, die das Regime im Inneren stabilisieren. Experten sehen ein mögliches Zeitfenster für inneriranische Entwicklungen, da der Sicherheitsapparat geschwächt ist.

In dieser Lesart richtete sich der Angriff nicht allein gegen die sogenannte »Achse des Widerstands«, sondern zielte auf die Schaffung eines Zeitfensters, eines Momentums, in dem ein inneriranischer Umbruch möglich wird, weil der Sicherheitsapparat geschwächt ist. Spaney spricht von einer historisch fragilen Mullah-Herrschaft, deren Rückhalt in der Bevölkerung sich längst auf eine Minderheit beschränkt. Die große Mehrheit der Iraner lehne das Regime ab, nach Jahren von Protesten, blutigen Einsätzen, Masseninhaftierungen und Hinrichtungen.

Ein Sturz des Regimes im Iran wäre zunächst nur eine Verschiebung der Machtachsen. Aber er könnte ein Fenster öffnen, einen politischen Raum, der sich neu sortiert, ohne dass westliche Truppen ihn definieren. Die Alternative ist das bekannte Szenario des Zerfalls, ein Machtvakuum, das Milizen füllen, konkurrierende Fraktionen. Man kennt das aus Syrien. Doch es gibt auch das andere, weniger beachtete Szenario. Die Möglichkeit, dass Teile der bestehenden Elite oder der Opposition eine stabilisierende Funktion übernehmen, einen Übergang organisieren, vielleicht sogar freie Wahlen.

Eine vorsichtige Neuausrichtung der Außenpolitik wäre denkbar, eine Abkehr von der permanenten Konfrontation, womöglich eine Annäherung an regionale Bündnisse wie die Abraham-Abkommen. Derzeit jedoch regelt ein Führungsrat die Nachfolgefrage im Inneren, während die Revolutionsgarde versucht, ihre Machtposition zu sichern.

Zwischen diesen Polen – Demokratisierung oder Desintegration – liegt ein Raum der Ungewissheit, in dem politische Theorie und militärische Praxis einander misstrauisch beobachten. So bleibt »Regime Change« ein Begriff, der Hoffnung und Hybris zugleich enthält. Ob sich der Moment des Bruchs als Anfang oder als Illusion erweist, wird sich zeigen. Doch allein die Tatsache, dass er denkbar geworden ist, dass Menschen jubelnd das Ende der Angst feiern und wieder aufatmen können, markiert eine politische Realität, die das Regime nie wieder vollständig kontrollieren können wird.

Das ist ein Auszug aus dem jüngsten Mena-Watch-Newsletter vom 4. März. Wenn Sie unseren Newsletter künftig immer schon am Mittwochnachmittag erhalten wollen, melden Sie sich hier an.

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