Die IHRA-Definition: Zwischen Kritik und Klarheit

Im Mena-Talk spricht Jasmin Arémi mit Andreas Stahl, Politikwissenschaftler und Leiter der zentralen Beratungsstelle gegen Antisemitismus an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen, über die IHRA-Arbeitsdefinition, ihre Bedeutung und verbreitete Missverständnisse und Kritik daran.

Andreas Stahl forscht seit vielen Jahren zu den Erscheinungsformen des Antisemitismus, zu israelbezogenem Antisemitismus und aktuellen Debatten um die Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembereance Alliance (IHRA). Er leitet die Zentrale Beratungsstelle gegen Antisemitismus an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen und ist in der politischen Bildung tätig. Stahl ist Mitherausgeber mehrerer Sammelbände sowie Gründungsmitglied der Gesellschaft für kritische Bildung und Mitglied des Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien (CARS) Aachen.

Für den Politologen markiert der 7. Oktober 2023 eine klare Zäsur, vor allem der israelbezogene Antisemitismus habe sich seither deutlich radikalisiert. Es gebe »nicht nur mehr Äußerungen, sondern eine offenere Legitimation von Terror«. Stahl zieht eine klare Linie und macht deutlich, welche fundamentale Trennlinie im Diskurs und in der gesellschaftlichen Praxis verletzt wurde:

»Es besteht ein Unterschied zwischen der theoretischen Zustimmung zu bestimmten antizionistischen Positionen, und der Verherrlichung ihrer gewaltsamen Umsetzung. Jene Befürchtung, von der man lange gehofft hatte, sie werde nicht eintreten, nämlich dass brutale Massaker als politisch legitim gelten könnten, ist leider von erschreckend vielen Menschen bestätigt worden.«

Antisemitismus, so der Politologe, ist kein statisches Phänomen, sondern ein ideologisch wandlungsfähiges Weltdeutungssystem. Seine Wurzeln liegen im religiösen Antijudaismus, christlich wie islamisch geprägt, doch im Verlauf der Moderne hat er sich neu verkleidet: mal nationalistisch, mal antikolonialistisch, mal religiös aufgeladen. Anders als »gewöhnlicher« Rassismus richtet er sich nicht einfach gegen das »Fremde«, sondern konstruiert Juden als allumfassenden Feind, als »Gegenvolk« oder, wie im Nationalsozialismus, als »Gegenrasse«.

In seiner heutigen, israelbezogenen Form zielt Antisemitismus auf den Staat Israel, der als »Gefahr für den Weltfrieden« oder als »zentraler Feind« markiert wird. Antizionismus und Antisemitismus, betont Stahl, seien nach der Shoah untrennbar: »Jeder Antizionismus ist vom Effekt her antisemitisch.« Seine Ausdrucksformen reichen von offenen Feindbildern bis zu subtileren Varianten wie der sogenannten Derealisierung, einer verzerrten Darstellung jüdischer Geschichte und israelischer Realität. Und er richtet sich nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen jene, die als »Juden im Geist« oder als »jüdische Einrichtungen« identifiziert werden. Ein Beweis dafür, dass Antisemitismus eine ideologische Obsession darstellt.

Tabubruch ohne Tabu

Der Wissenschaftler beschreibt im Gespräch einen »Tabubruch ohne Tabu« im Umgang mit Israel in der Gesellschaft.

»Man hört immer wieder die Behauptung, Israel dürfe nicht kritisiert werden. Dieses Narrativ bildet den Kern des Gerüchts über die IHRA, deren Ziel es sei, Kritik an israelischer Politik zu verhindern. Tatsächlich tut sie das keineswegs. Die IHRA stellt ausdrücklich klar, dass Kritik an Israel, die sich im Rahmen eines bestimmten Maßstabes bewegt nicht antisemitisch ist.«

Die Grenze zwischen legitimer Kritik und antisemitischen Projektionen auf Israel verdeutlicht er an einem Beispiel: »Man kann ja zum Beispiel diesen berühmten Fall nehmen, dass Netanjahu oder Regierungsvertreter, oder die IDF als blutrünstige Monster dargestellt werden, die mit Absicht Kinder ermorden.« Diese Dämonisierung knüpft direkt an uralte antisemitische Legenden wie die Ritualmord-Erzählung an. Laut Stahl sei diese Diskursverschiebung vor allem nach dem 7. Oktober 2023 sichtbar geworden.

Die bestehenden Gerüchte gegen die IHRA-Definition und die Schaffung von Alternativkonzepten wie die Jerusalem Declaration (JDA) bewertet er aus wissenschaftlicher Sicht kritisch, insbesondere in der Anwendung:

»Diese Kritik wird bereits als Anlass genommen, die JDA zu veröffentlichen. Und dieses Gerücht besteht im Wesentlichen darin, dass man behauptet, die IHRA verunmögliche eine Kritik nicht nur an Israel, sondern auch an israelischer Politik und Regierung.«

Laut Stahl stelle die IHRA-Definition bewusst klar, dass politische Kritik an Israel erlaubt ist. Denn insbesondere »die IHRA-Definition sieht gerade nicht überall dort Antisemitismus, wo Israel kritisiert wird, sondern macht explizit klar, dass man natürlich israelische Politik und Regierung kritisieren kann«.

Warum es problematisch ist, wenn Antisemitismusdefinitionen zwar offiziell anerkannt werden, in der Praxis aber folgenlos bleiben, begründet er damit, dass dies »einfach mittelfristig nicht helfen wird. Dafür ist der Antisemitismus ein bisschen älter als die moderne Demokratie. Er ist mindestens zwei Jahrtausende alt. Und es gibt Gründe dafür, dass er so hartnäckig ist. Er erfüllt bestimmte psychologische Bedürfnisse. Er liefert Sündenböcke, einfache Erklärungen für das Böse, für das fehlen von Frieden oder Glück für alle. In dieser Funktion einer schiefen Heilslehre hilft er vielen, ungelöste Grundkonflikte zu verdrängen und projektiv auf Judentum, Zionismus und Israel zu wenden.«

https://www.youtube.com/watch?v=MTcxi0M6tIo

Das Gespräch können Sie auch als Audio-Version in unserer Mena-Talk-Podcast-Reihe hören. Für weitere Vorträge und Mena-Talks besuchen Sie unseren Mena-Watch-YouTube-Kanal.

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