Im Sommer schloss das International Falcon Movement auf Betreiben einer palästinensischen Jugendorganisation in Kärnten zwei jüdische/israelische Gruppen aus.
»Wer hat uns verraten? – Sozialdemokraten!« So lautete Anfang des 20. Jahrhunderts eine Parole, mit der radikale Linke Kritik an den Sozialdemokraten formulierten, weil diese die Kriegspolitik der deutschen Regierung unterstützt hatten. Später wurde der Vorwurf des Verrats von der politischen Rechten gegen den SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert erhoben, der die Januarstreiks von 1918 unterstützt hatte. Danach wurde der Slogan sowohl von Nationalsozialisten als auch von Kommunisten und der Neuen Linken gegen die Sozialdemokratie in Stellung gebracht.
Ein in den Medien weitgehend ignorierter Vorfall der jüngeren Zeit rief mir diese Parole wieder in Erinnerung. Denn in diesem Sommer wurden zwei linke jüdische/israelische Jugendorganisationen, die linkssozialistische Haschomer Hazair und die Jugendorganisation der Arbeiterpartei Israels (HaNoar HaOved VeHalomed, NOAL) vom sozialdemokratischen International Falcon Movement (IFM-SEI) in der Tat verraten und aus dem Verband ausgeschlossen. Dies erfolgte auf einer Tagung im österreichischen Döbriach am Millstätter See auf Betreiben einer palästinensischen Jugendorganisation, die zu einer Abspaltung der terroristischen Demokratischen Volksfront für die Befreiung Palästinas (DFLP), der Palestinian Democratic Union, gehört. Der Beschluss zum Ausschluss von NOAL wurde einstimmig, jener von Haschomer Hazair mit einer Mehrheit von neunzig Prozent gefasst.
(Nebenbei. Das Sommerlager der Roten Falken in Döbriach findet alljährlich auf einem Gelände statt, das nach der Restitution von Shoah-Überlebenden günstig langfristig verpachtet wurde.)
In Chamberlains Fußstapfen
Die deutschen Falken, die sich der Abstimmung entzogen und damit am Votum nicht teilgenommen hatten (dem Vernehmen nach haben sich die österreichischen Roten Falken wie ihr deutsches Pendant verhalten), veröffentlichten daraufhin eine Erklärung, in der sie ihre Entscheidung rechtfertigten. Darin heißt es, man sei »enttäuscht und wütend« über den Ausschluss der beiden jüdischen Gruppierungen. Offen dagegen habe man aber nicht stimmen wollen, um die palästinensischen Organisationen nicht zu verärgern, die mit einem Abbruch der Beziehungen zu den deutschen Roten Falken gedroht hätten, sollten diese gegen den Ausschluss votieren. Eine Stimme gegen den Rauswurf wäre nicht mehr gewesen als eine »symbolische Gegenstimme«, so die Rechtfertigung der deutschen Falken.
Die deutschen Genossen entschieden sich also für das »Fortbestehen der Partnerschaft mit unserer palästinensischen Organisation« und gegen »den endgültigen Bruch einer jahrzehntelang aufgebauten Friedensarbeit«. Anders gesagt, gaben sie der Erpressung durch die Palästinenser nach und nahmen die Ausgrenzung der jüdischen Organisationen für diese »Friedensarbeit« hin.
Man muss Prioritäten setzen, und das taten die deutschen Falken, indem sie sich an der Devise des früheren britischen Premierministers und Vaters der Appeasement-Politik gegenüber Nazi-Deutschland und den Arabern in Palästina, Neville Chamberlain, orientierten, der auf einer Kabinettssitzung im April 1939 einmal in dankenswerter Klarheit seine Position mit den Worten zusammengefasst hatte: »Wenn wir eine Seite verärgern müssen, dann lieber die Juden als die Araber.« Immerhin will man mit den israelischen Organisationen bilateral weiter zusammenarbeiten. Freundschaft!
Mehrere ehemalige Funktionäre des deutschen Ablegers Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken protestierten gegen den Ausschluss der beiden israelischen Organisationen, deren Angehörige vom Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 in ihren Kibbuzim besonders betroffen waren.
Keinerlei Skrupel
Die immer wieder von der trotzkistischen Gruppe Der Funke unterwanderte Sozialistische Jugend Österreichs wiederum ruft derweil zur Teilnahme an einer geplanten Großdemonstration der »Palästinensischen Gemeinde in Österreich« unter dem Titel »Stoppt den Genozid in Gaza« auf, eine SJ-Funktionärin ist gar als Rednerin angekündigt. Zu den Unterstützern der Veranstaltung zählt neben palästinensischen Organisationen alles, was im Spektrum des linken, israelbezogenen Antisemitismus Rang und Namen hat. In der SPÖ-Jugendorganisation hat man offenbar keinerlei Skrupel mehr, mit der Crème de la Crème des linken Israelhasses gemeinsame Sache zu machen.
