Israel erklärt, die Behauptung einer Hungersnot in Gaza basiere auf veralteten Zahlen, während Informationen, die dem Befund widersprechen, ignoriert würden.
Mike Wagenheim
Die Integrated Food Security Phase Classification (IPC), ein Instrument, an dem rund 25 globale Partner, darunter UNO-Organisationen, beteiligt sind, erklärte am vergangenen Freitag, mit »begründeten Beweisen« bestätigt zu haben, dass seit dem 15. August im Gazastreifen eine »Hungersnot« herrsche.
»Nach 22 Monaten unerbittlichen Konflikts ist über eine halbe Million Menschen im Gazastreifen mit katastrophalen Bedingungen konfrontiert, die durch Hunger, Elend und Tod gekennzeichnet sind«, heißt es in einem neuen IPC-Bericht. »Zwischen Mitte August und Ende September 2025 wird sich die Lage voraussichtlich weiter verschlechtern, wobei sich die Hungersnot voraussichtlich auf Deir al-Balah und Khan Yunis ausweiten wird.«
Reaktionen
Die israelische Regierung erklärte, dass, »obwohl die IPC bereits in anderen Krisen Hungersnöte bestätigt hatte, eine solche erstmals bezüglich des Gazastreifens abgegeben wurde; aber es auch das erste Mal ist, dass sie sich dabei auf Beweise stütze, die weit hinter den normalerweise erforderlichen Standards zurückblieben. Die Einstufung als Hungersnot ist dazu gedacht, eine Ausnahme zu bleiben und hat nur dann zu erfolgen, wenn die Sterblichkeits- und Unterernährungsraten eindeutig und unbestreitbar die extremsten Grenzwerte überschreiten.«
Die Feststellung einer angeblichen Hungersnot stehe laut Israel im Widerspruch zu aktuellen, öffentlich zugänglichen Daten und verwende »veraltete Zahlen, während neuere Informationen, welche die Einstufung als Hungersnot direkt widerlegen, heruntergespielt oder ignoriert werden«.
Das israelische Außenministerium hielt fest, dass die IPC »ihre eigenen Regeln gebeugt hat, um sie der Kampagne der Hamas anzupassen. Sie haben die Schwellenwerte für eine Hungersnot gesenkt, Kriterien ignoriert und die Lügen der Hamas schöngefärbt. Die Realität sieht jedoch anders aus: Seit Kriegsbeginn sind über 100.000 Lastwagen mit Hilfsgütern in den Gazastreifen gefahren. Die Märkte sind gut gefüllt, die Lebensmittelpreise sinken. Die IPC konnte keine Hungersnot feststellen, also hat sie eine erfunden.«
»Wissen Sie, wer hungert?«, fragte der US-Botschafter in Israel Mike Huckabee und gab gleich die Antwort: »Die Geiseln, die von den unzivilisierten Hamas-Barbaren entführt und gefoltert werden. Vielleicht könnten die überfütterten Terroristen etwas von ihren gestohlenen Vorräten mit den hungernden Menschen teilen, insbesondere mit den Geiseln.«
Für den Generalsekretär der Vereinten Nationen António Guterres gibt es nun »keine Ausreden« mehr; eine »sofortige Waffenruhe, die sofortige Freilassung aller Geiseln und der uneingeschränkte Zugang für humanitäre Hilfe« seien notwendig. »Gerade, als es schien, dass es keine Worte mehr gibt, um die Hölle im Gazastreifen zu beschreiben, ist ein neues hinzugekommen: ›Hungersnot‹. Das ist kein Mysterium. Es ist eine von Menschen verursachte Katastrophe, eine moralische Anklage und ein Versagen der Menschheit selbst.«
Hamas nicht erwähnt
Der IPC-Bericht basiert auf Daten vom heurigen 1. Juli bis zum 15. August und behauptet, die Schwelle für die Feststellung einer Hungersnot sei trotz fehlender Sterblichkeitszahlen erreicht: »Die Einschätzung der Sterblichkeit im Gazastreifen wird durch den Zusammenbruch des Gesundheits- und Personenstandsregistrierungssystems, die starken Einschränkungen des humanitären Zugangs und die anhaltenden Kriegsbedingungen erschwert. … In Ermangelung von persönlichen Befragungen in den Haushalten und eines funktionierenden Melderegisters hat der Ausschuss zur Überprüfung der Hungersnot die verfügbaren Quellen überprüft und trianguliert.«
Zu den im Bericht angeführten Quellen gehören die Daten des Gesundheitsministeriums, das von der Hamas kontrolliert wird. Das Wort »Hamas« kommt im IPC-Bericht allerdings nirgends vor.
Die israelische Koordinierungsstelle für Regierungsaktivitäten in den Gebieten (COGAT) wies die Untersuchung mit großer Kritik zurück: »Anstatt eine professionelle, neutrale und verantwortungsvolle Bewertung abzugeben, verfolgt der Bericht einen voreingenommenen Ansatz, der mit schwerwiegenden methodischen Mängeln behaftet ist und damit seine Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der internationalen Gemeinschaft untergräbt. Wir erwarten von der internationalen Gemeinschaft, dass sie verantwortungsbewusst handelt und sich nicht von falschen Darstellungen und unbegründeter Propaganda beeinflussen lässt, sondern die vollständigen Daten und Fakten vor Ort prüft«, erklärte COGAT-Leiter Ghassan Alian.
Mehrere unabhängige Messungen in den letzten Wochen haben eine Senkung der Lebensmittelpreise festgehalten, da verstärkt Hilfsgüter in den Gazastreifen gelangt sind. Einige UN-Organisationen haben in der Vergangenheit behauptet, dass in der Küstenenklave eine Hungersnot herrsche, während andere keine Anzeichen für ein solches Phänomen sahen. Ein Sprecher des UN-Generalsekretärs deutete an, diese Diskrepanz sei auf einen Mangel an »Markenmanagement« zurückzuführen.
Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)
