Eine UN-nahe internationale Organisation hat eine Hungersnot im Gazastreifen ausgerufen – nachdem sie die relevanten Grenzwerte drastisch verändert hat.
Die mit den Vereinten Nationen verbundene Integrated Food Security Phase Classification (IPC) hat kürzlich für Gaza das »Worst-Case-Szenario einer Hungersnot« ausgerufen – dabei jedoch stillschweigend einen ihrer zentralen Messstandards angepasst, wodurch es nun einfacher ist, eine solche Einstufung vorzunehmen. Der hat die Webseite The Washington Free Beacon am Dienstag berichtet.
In ihrer Bewertung vom 29. Juli berichtete die IPC, ein Zusammenschluss westlicher Regierungen, UN-Organisationen und humanitärer Gruppen, dass »immer mehr Beweise darauf hindeuten, dass weit verbreitete Hungersnöte, Unterernährung und Krankheiten zu einem Anstieg der hungerbedingten Todesfälle« in dem von der Hamas kontrollierten Gebiet führen. Die New York Times, NPR, CNN und ABC News zitierten den Bericht, um die israelischen Hilfsbeschränkungen mit einer Massenhungersnot in Verbindung zu bringen.
Im Gegensatz zu früheren Bewertungen führte der jüngste Bericht des IPC eine neue Messgröße für Unterernährung ein – den mittleren Oberarmumfang (MUAC) –, die bisher nicht für die Feststellung von Hungersnöten verwendet wurde, wie der Free Beacon herausfand.
Die IPC halbierte außerdem den Prozentsatz der unterernährten Kinder, der für die Feststellung einer Hungersnot erforderlich ist, auf 15 Prozent. In der Vergangenheit wurde eine Hungersnot ausgerufen, wenn 30 Prozent der Kinder an akuter Unterernährung litten, gemessen anhand von Gewicht und Größe – eine arbeitsintensivere und präzisere Methode als bloß die Messung des mittleren Oberarmumfangs.
In Anmerkung versteckt
Die überarbeiteten Kriterien erschienen nur in einer kleinen Anmerkung mit einem Sternchen unter einer Tabelle mit dem Titel »Wann wird etwas als Hungersnot klassifiziert?« und wurden im offiziellen »Famine Fact Sheet« des IPC nicht erwähnt.
Im technischen Handbuch der Organisation wird MUAC als ergänzender Datenpunkt aufgeführt – nicht als primäre Grundlage für die Einstufung einer Hungersnot. Das Handbuch betont, dass die IPC eine »Hungersnotklassifizierung« nur dann vornehmen kann, wenn sie über »zuverlässige Daten« verfügt, die anhand von Gewicht und Größe oder einer anderen Messgröße als dem mittleren Oberarmumfang ermittelt wurden.
Die Änderung hat bei erfahrenen Helfern Besorgnis ausgelöst. »Das ist eine ziemlich große Änderung der Standards«, sagte einer von ihnen gegenüber dem Free Beacon. »Durch die Senkung der Schwelle wird etwas viel früher zur Hungersnot erklärt.« Ein anderer wies darauf hin, dass frühere Hungersnot-Erklärungen in Somalia, Südsudan und Sudan auf dem höheren Richtwert von 30 Prozent für das Verhältnis von Gewicht zu Größe beruhten.
In Gaza zeigen die MUAC-basierten Ergebnisse der IPC, dass die akute Unterernährung bei Kindern in Deir al-Balah und Khan Younis unter acht Prozent und in Gaza-Stadt bei 16,5 Prozent liegt – knapp über der neuen Schwelle von 15 Prozent, aber weit unter dem bisherigen Standard von 30 Prozent.
Daten der Hamas
Der Juli-Bericht verwies auch auf »über 20.000 Kinder«, die zwischen April und Mitte Juli wegen akuter Unterernährung behandelt worden seien, darunter mehr als 3.000 schwer unterernährte und mindestens 16 kürzlich an Hunger verstorbene Kinder. Diese Zahlen stammen jedoch aus »internen Dokumenten«, die nicht öffentlich zugänglich sind.
Ein Großteil der Daten der IPC kommt vom Hamas-geführten Gesundheitsministerium in Gaza und verbundenen Organisationen, darunter Ard el Insan, einer Hilfsorganisation, der Verbindungen zur militanten Gruppe vorgeworfen werden, wie der Free Beacon berichtete.
Die IPC reagierte nicht auf die Fragen von Free Beacon zu ihrer geänderten Methodik und der Zuverlässigkeit ihrer Quellen.
(Der Bericht erschien auf Englisch beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Florian Markl.)
