Gaza: Wie Medien Opferzahlen manipulieren

Für den Standard sind ist das eine Gruppe von Zivilisten, solange Israel nicht den Namen jedes Einzelnen angeben kann. (© imago images/APAimages)

Der Standard verbreitet offenkundig falsche Behauptungen über den Anteil ziviler Opfer im Gazastreifen. Fahrlässige Irreführung oder absichtliche Täuschung?

Sehr geehrter Herr Wallisch,

mit großer Verwunderung habe ich in Ihrem jüngsten Artikel über den Krieg im Gazastreifen den Verweis auf einen Guardian-Artikel gelesen, demzufolge »geheime Daten« des israelischen Militärs bewiesen, dass 83 Prozent der im Krieg im Gazastreifen getöteten Palästinenser Zivilisten gewesen wären. Denn Sie selbst schreiben im nächsten Absatz, die laut »Datenbank des israelischen Militärgeheimdienstes namentlich bekannten Hamas-Mitglieder machten demnach nur 17 Prozent der Gesamtzahl der Toten aus« [Kursivsetzung durch F. M.].

Ist Ihnen dabei nicht der Gedanke gekommen, dass die Zahl der »namentlich bekannten« Hamas-Mitglieder kleiner ist als die Gesamtzahl der getöteten Hamas-Kämpfer? Und dass auch zahlreiche andere Palästinenser am Krieg beteiligt waren, die nicht zum bewaffneten Flügel der Hamas oder zur Hamas überhaupt gehörten? Die israelischen Streitkräfte sagen, dass über 20.000 der Getöteten nicht Zivilisten, sondern Kombattanten gewesen sind.

Dass die Zahl der namentlich bekannten Hamas-Mitglieder unter den Toten belegen würde, dass »das Gros [der Getöteten] demnach also Zivilpersonen ohne Verbindung zur oder Tätigkeit für die Hamas« gewesen wären, ist ein völlig unzulässiger Schluss.

Und selbst die angeführten 83 Prozent kommen nur zustande, wenn man die Ausgangszahl der angeblich rund 53.000 durch israelische Angriffe getöteten Palästinenser für bare Münze nimmt, obwohl diese direkt von der Hamas stammt, es keinerlei unabhängige Bestätigung für sie gibt und mittlerweile weithin bekannt sein müsste, dass man Angaben der Hamas nicht einfach unkritisch übernehmen darf, um daraus weitreiche Schlussfolgerungen zu ziehen.

Das Problem ist nicht nur, dass die Hamas in ihren Statistiken nicht zwischen Terroristen und Zivilisten unterscheidet, wie Sie richtig anmerken, sondern alle Toten zu »Zivilisten« erklärt. Denn die Zahl enthält genauso alle natürlichen Todesfälle, die es in den fast zwei Jahren Krieg gegeben hat.

Vor dem Krieg ereigneten sich im Gazastreifen zwischen 450 und 500 natürliche Todesfälle pro Monat, das macht in den neunzehn Monaten von Kriegsbeginn bis zum Mai 2025, auf den sich die Guardian-Zahlen beziehen, zwischen 8.550 und 9.500 natürliche Todesfälle, die von der Hamas allesamt als von Israel getötete Palästinenser verkauft werden. Selbst, wenn man nur die natürlichen Todesfälle abzieht, steigt der Anteil der namentlich bekannten Hamas-Mitglieder unter den Opfern bereits auf über zwanzig Prozent.

Die Gesamtzahl enthält darüber hinaus aber auch alle Palästinenser, die durch Palästinenser getötet wurden, etwa durch palästinensische Raketen, die noch im Gazastreifen einschlugen, durch Hamas-Angriffe auf hilfesuchende Palästinenser, durch die Hinrichtung angeblicher Kollaborateure usw.

Und sie enthält ebenso all jene Fälle, die von der Hamas schlichtweg erfunden wurden. Erinnern Sie sich noch an die angeblich fast fünfhundert Opfer, über die das Hamas-»Gesundheitsministerium« nach einem angeblichen israelischen Raketeneinschlag im Al-Ahli-Krankenhaus im Oktober 2023 berichtet hat? – Tatsächlich war es eine Rakete des Islamischen Dschihads, die nicht in, sondern beim Krankenhaus eingeschlagen hat, und es gab keine fast fünfhundert, sondern wenige Dutzend Opfer. Die Hunderten an erfundenen Toten finden sich aber noch immer in der Hamas-Statistik – und das ist nicht der einzige derartige Fall.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Zahlenangaben des Guardian und die daraus gezogene Schlussfolgerung, auf die Sie verweisen, sind so falsch, dass man von grob fahrlässiger Irreführung, wenn nicht gar absichtlicher Täuschung sprechen muss. Es ist mir unerklärlich, wie Sie sich darauf beziehen konnten, ohne dass Ihnen dabei etwas seltsam vorgekommen wäre. Hätten Sie eine so abstruse Zahlenmanipulation auch veröffentlicht, wäre es um den Krieg gegen den Islamischen Staat (IS) gegangen und jemand hätte den Anteil ziviler Opfer anhand der Zahl der getöteten und namentlich bekannten IS-Terroristen errechnet?

Mit freundlichen Grüßen
Florian Markl
Mena-Watch – Der unabhängige Nahost-Thinktank

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