Welchen Weg wählt Bosnien?

Blick auf Sarajevo, die Haupstadt Bosniens. (© imago images/Depositphotos)

In Bosnien zeigt sich der internationale Erfolg der Hamas-Propaganda. Sarajevos Kurs gegenüber Israel wird zunehmend unfreundlicher.

Ben Cohen

Im März 1992 besuchte ich als junger Journalist, der sich mit einem spannenden Auslandseinsatz einen Namen machen wollte, die bosnische Hauptstadt Sarajevo. Es war der Vorabend des brutalen dreijährigen Kriegs, der diese ehemalige jugoslawische Republik zerriss. Im Gegensatz zu den anderen westlichen Journalisten in der Stadt hatte ich dort Familie, bei der ich wohnte, Verwandte meines verstorbenen Großvaters, einem Nachkommen spanischer Juden, die nach der Vertreibung durch die Inquisition im 15. Jahrhundert in den vom Osmanischen Reich beherrschten Balkan gekommen waren.

Eines Morgens beim Frühstück erzählte mir der Cousin meines Großvaters – ein Veteran der kommunistischen Partisanen während des Zweiten Weltkriegs und Professor an der medizinischen Fakultät der Universität Sarajevo – die ungeschminkte Wahrheit. Die bosnisch-serbische Führung, sagte er, bestehe aus pathologischen Lügnern, denen man nicht trauen könne.

Er erzählte mir, dass er in der Woche zuvor Radovan Karadzic, den bosnisch-serbischen Führer, der kurz darauf die Belagerung von Sarajevo in Sztene setzen und später wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt werden würde, getroffen und ihn unverblümt gefragt habe, welche schändlichen Pläne er für die Stadt habe, in der sie beide lebten. Karadzic habe ihm ein einschmeichelndes Lächeln geschenkt und ihn gebeten: »Bitte glauben Sie nicht all die schrecklichen Dinge, die über mich gesagt werden.«

Der Zynismus meines älteren Verwandten beschränkte sich jedoch nicht nur auf die Serben. Er warnte mich auch, dass man der gewählten Regierung in Bosnien, die größtenteils aus der muslimisch geprägten Partei der Demokratischen Aktion (SDA) stammte, ebenfalls nicht trauen könne, insbesondere nicht als jüdische Gemeinde. »Sie mögen Israel nicht«, brummte er, »sie unterstützen die Araber«.

Die SS-Division »Handschar«

Als ich in den folgenden drei Jahren über den Krieg schrieb und berichtete, unter anderem als Medienbeauftragter der Friedenstruppe der Vereinten Nationen im ehemaligen Jugoslawien, fand ich unter den bosnischen Muslimen kaum Anzeichen für Feindseligkeiten gegenüber Israel. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, internationale Unterstützung zu gewinnen, insbesondere von den Vereinigten Staaten, und vielleicht auch der Meinung, dass es nicht besonders klug war, sich zum Nahostkonflikt zu äußern.

Gleichzeitig war mir sehr wohl bewusst, dass die bosnischen Juden nicht vergessen hatten, wie der Holocaust durch den von den Nationalsozialisten unterstützten kroatischen Marionettenstaat vor ihre Haustüren gekommen war und der berüchtigte Mufti von Jerusalem, Hajj Amin al-Husseini, mehrere tausend bosnische Muslime für die SS-Division »Handschar« (türkisch für Krummsäbel) rekrutiert hatte.

Dennoch redete ich mir in meiner jugendlichen Naivität ein, dass dies reine Geschichte, die heutige Situation ganz anders sei und das Ziel darin bestehen müsse, den serbischen Angriff zu beenden. Ich war auch beeindruckt von der Spaltung zwischen den Juden in der Diaspora und Israel in dieser Frage.

In der Diaspora sprachen sich Organisationen wie das American Jewish Committee und Einzelpersonen wie der französisch-jüdische Intellektuelle Bernard-Henri Lévy leidenschaftlich und eloquent für die bosnische Sache aus und erinnerten die Welt daran, dass nach den Schrecken des Holocausts ethnischer Chauvinismus in Europa keinen Platz habe – eine Botschaft, die ich begeistert unterstützte. Israel nahm eine andere Haltung ein, stellte sich subtil auf die Seite der Serben und vermied es, die zahlreichen Gräueltaten der serbischen und später auch der kroatischen Milizen in Bosnien zu verurteilen.

Dreißig Jahre später frage ich mich, ob sowohl der Cousin meines Großvaters als auch die Israelis einen Kern der Wahrheit erkannt hatten, den ich damals nicht sehen wollte und konnte. Um es klar zu sagen: Ich habe meine Ansicht nicht revidiert, dass die bosnischen Serben, unterstützt vom Regime Slobodan Miloševićs in Belgrad, einen Völkermord begangen haben. Aber die Geschichte der Juden in Bosnien war auch keine einfache Geschichte glücklicher Koexistenz.

Tatsächlich waren Hunderte von Veteranen der SS-Division »Handschar« nach dem Zweiten Weltkrieg in die arabische Welt gezogen, um sich freiwillig an den arabischen Bemühungen zur Zerschlagung des entstehenden Staates Israel während des Unabhängigkeitskriegs 1948/49 zu beteiligen. In der kommunistisch regierten Nachkriegszeit Jugoslawiens schwelte das alte Misstrauen zwischen Juden und ihren Nachbarn und kam erneut zum Vorschein, als Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre gewaltsam zerfiel.

Blanker Antisemitismus

Auslöser für meine aktuellen Überlegungen war die Ankündigung des Nationalmuseums von Bosnien in der vergangenen Woche, die Einnahmen aus den Eintrittsgeldern für die Ausstellung der Sarajevo-Haggada – einer außergewöhnlichen und wunderschön erhaltenen illustrierten Handschrift aus dem 13. Jahrhundert, die von aus Spanien vertriebenen Juden nach Bosnien gebracht wurde –, für palästinensische Zwecke zu spenden.

»Auf diese Weise unterstützt das Nationalmuseum von Bosnien und Herzegowina das palästinensische Volk, das unter systematischem, kalkuliertem und kaltblütigem Terror leidet, direkt durch den Staat Israel und indirekt durch all diejenigen, die dessen schamlose Handlungen unterstützen und/oder rechtfertigen«, erklärte der Direktor des Museums, Mirsad Sijarić. »Als Institution, die sich mit dem Schutz des kulturellen, historischen und natürlichen Erbes befasst, sind wir verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass im Schatten dieser Tragödie die gezielte Auslöschung der kulturellen und religiösen Identität vor allem der Muslime und Christen Palästinas stattfindet.«

Sijarićs Erklärung ist ebenso unverblümt antisemitisch wie die Entscheidung vom Juni, ein Treffen europäischer Rabbiner in Sarajevo abzusagen, das laut einem bosnischen Beamten sonst »eine Botschaft der Legitimierung der Besetzung und systematischen Vernichtung des palästinensischen Volks« gesendet hätte. Die Sanktionierung jüdischer Bürger anderer Länder für die Handlungen des Staates Israel ist ein Akt der Diskriminierung.

Auf dem Weg Südafrikas?

Es scheint, als würde Bosnien den Weg Südafrikas einschlagen. So, wie südafrikanische Politiker die Verwendung des Begriffs »Apartheid« zur Diffamierung Israels erlaubt haben, praktizieren die Bosnier nun mit dem Begriff »Völkermord« fast dasselbe. Und genau wie im Fall Südafrikas handelt es sich dabei um eine völlige Verfälschung der Geschichte.

Auch wenn man aufgrund der endlosen Berichterstattung in den Medien den Eindruck gewinnen könnte, dass der aktuelle Krieg im Gazastreifen das erste Beispiel für einen »Völkermord« seit dem Zweiten Weltkrieg ist, ist dies schlichtweg falsch, wie die Bosnier aus bitterer Erfahrung wissen.

Der Unterschied zu Bosnien besteht darin, dass der Völkermordkrieg der Serben nicht durch ein abscheuliches Massaker an serbischen Zivilisten durch die bosnische Armee provoziert wurde. Die Serben mussten kein Pogrom wie jenes am 7. Oktober 2023 durch die Bosnier erdulden. Auch die anderen Völker, die in den letzten achtzig Jahren Völkermord erlitten haben – unter anderem die Kurden, die Kambodschaner und die ruandischen Tutsi –, begingen keine Gräueltaten, die den Zorn ihrer Verfolger auf sich gezogen hätten. Sie standen einfach nur wegen ihrer Identität in der Schusslinie.

Die Weigerung in Bosnien, zu verstehen, dass Israels Krieg gegen die Hamas gerichtet ist, die für die Gräueltaten vom 7. Oktober 2023 verantwortlich ist, und nicht gegen das palästinensische Volk, ist ein weiterer Beweis für den Erfolg der Propaganda der Hamas außerhalb des Nahen Ostens. Indem sie die Darstellung der Hamas unkritisch übernehmen, gefährden die Bosnier jedoch ihre eigene Sicherheit.

Die Aussicht auf einen weiteren Krieg in der Republik, wo der 1995 unter russischem Einfluss erzielte Waffenstillstand aufgrund russischer Machenschaften mit den Serben ins Wanken geraten ist, kann nicht ausgeschlossen werden. In dieser Hinsicht wird Bosnien die Unterstützung der Vereinigten Staaten benötigen, wenn es als unabhängige Einheit überleben will. Das Nachplappern der Hamas-Argumente ist ein sicherer Weg, diese Unterstützung nicht zu erhalten.

In den 1990er Jahren glaubten ich und viele andere Juden fest daran, dass unsere Unterstützung für ein multinationales Bosnien, bestehend aus Muslimen, Serben, Kroaten, Roma und anderen Minderheiten, die guten Beziehungen auf Dauer festigen würde. Wir haben uns geirrt.

Ich bin skeptisch, dass wir die verschiedenen Hamas-Anhänger in Sarajevo von den tiefgreifenden Fehlern in ihrem Denken überzeugen können. Aber um seiner eigenen Interessen willen muss Bosnien den Weg der Ukraine einschlagen, die sich aktiv mit dem Überlebenskampf Israels identifiziert, und das südafrikanische Modell vermeiden.

(Der Artikel ist auf Englisch vom Jewish News Syndicate veröffentlicht worden. Übersetzung von Florian Markl.)

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