Der aktuelle Aufruf zum Ausschluss Israels ist kein Ausdruck einer akademischen Mehrheit, sondern reiht sich ein in eine Serie politisch motivierter Boykottkampagnen.
Die Jüdische Allgemeine meldete am Donnerstag, dass mehr als dreihundert Wissenschaftler einen Boykott israelischer Universitäten fordern. Der Aufruf folgt dabei einem altbekannten Muster und soll den Eindruck erwecken, die »internationale akademische Elite« stelle sich gegen Israel. Tatsächlich erinnert das Vorgehen an die akademische BDS-Strategie, die seit Jahren auf die Isolation des jüdischen Staates hinarbeitet. Zur Begründung bemühen die Unterzeichner die üblichen Schlagworte, von »Apartheid« bis »Völkermord« wird alles aufgezählt. Das hat mit seriöser Wissenschaft nichts zu tun, sehr wohl aber mit der Dämonisierung Israels.
Die Anzahl mag auf den ersten Blick beeindrucken, doch die wissenschaftliche Relevanz der Unterzeichnenden hält nicht, was die Schlagzeile suggeriert. Schon frühere Boykottaufrufe zählten Hunderte von Unterstützern, darunter auch prominente Namen wie Judith Butler, Angela Davis oder Nancy Fraser. Sie alle genießen zwar Ansehen in bestimmten akademischen Debatten, sind aber zugleich bekannt für ideologische Grenzüberschreitungen und problematische Positionierungen. Auffällig ist zudem, dass sich an solchen Aktionen immer wieder Lehrkräfte und Institutionen beteiligen, die nicht zur Spitze der Forschung gehören. Der vermeintliche akademische Konsens erweist sich bei genauerem Hinsehen als ein loses Bündnis von Einzelpersonen aus der wissenschaftlichen Peripherie.
Ein detaillierter Artikel zum Aufruf wurde von Tarek Baé verfasst, einem deutschen Influencer und Medienwissenschaftler, der sich vor allem durch seine antiisraelische Haltung und seine Positionen im Nahost-Konflikt einen Namen gemacht hat. Mit knapp 400.000 Followern auf Instagram gehört er zu den einflussreichsten deutsch-muslimischen Stimmen in den sozialen Medien. Seine Beiträge thematisieren regelmäßig Rassismus, muslimisches Alltagsleben und die Situation im Nahen Osten. Dabei bezeichnet Baé Israel wiederholt als »Apartheidstaat« und spricht von einem »Genozid« an Palästinensern.
Gleichzeitig steht Baé in der Kritik aufgrund seiner Verbindungen zu islamistischen und türkisch-nationalistischen Netzwerken. So soll er zeitweise für die AKP-nahe Seta-Stiftung gearbeitet haben und pflegt Kontakte zu Organisationen wie Ditib, Milli Görüs und Atib, die vom Verfassungsschutz teilweise als extremistisch eingestuft werden. Mehrfach trat er zudem als Redner bei Veranstaltungen des türkischen Islamverbands Atib auf, der Verbindungen zu den Grauen Wölfen unterhält.
Bemerkenswert ist auch die Herkunft vieler Unterzeichner: Über die Hälfte der Namen stammt aus arabischen oder türkischen Kontexten, einige sogar aus Afghanistan. Gerade in diesen Öffentlichkeiten gehören antiisraelische Narrative seit jeher zum festen Bestandteil politischer und medialer Diskurse, von der Gleichsetzung Israels mit einem »Apartheidstaat« bis hin zur Behauptung, das Land betreibe »Völkermord«. Solche Deutungsmuster sind in diesen Gesellschaften weit verbreitet und prägen auch die akademische Debatte.
Vor diesem Hintergrund wirkt der Aufruf nicht wie eine breit aufgestellte wissenschaftliche Initiative, sondern wie die Fortsetzung eben jener ideologisch gefärbten Rhetorik – verpackt in akademischem Gewand.
BDS in der Wissenschaft
Die Forderung nach einem Boykott israelischer Hochschulen ist kein spontaner Vorstoß, sondern Teil einer seit Jahren betriebenen Kampagne. Bereits 2004 wurde mit der Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel (PACBI) ein eigenes Netzwerk gegründet, das akademische Kooperationen mit Israel gezielt unterbinden will. Ziel ist es, den jüdischen Staat international zu isolieren. Das wird durch das Kappen von Forschungsprojekten, den Ausschluss aus Publikationszusammenhängen und die Verhinderung von Austauschprogrammen versucht. Mit dieser Methode sollen nicht offene Debatten über Israel geführt, sondern das Land durch Ausschlüsse geschwächt werden.
Damit trifft der Boykott nicht nur den jüdischen Staat, sondern auch die Wissenschaft selbst. Forschung lebt vom Austausch, gerade über politische und kulturelle Grenzen hinweg. Wer israelische Hochschulen boykottiert, stellt das Fundament akademischer Freiheit infrage und sendet ein fatales Signal: Politische Kampagnen sollen bestimmen, mit wem wissenschaftliche Zusammenarbeit erlaubt ist und mit wem nicht.
Dass solche Vorstöße nicht unwidersprochen bleiben, zeigte sich im Frühjahr 2024, als mehr als 6.000 Wissenschaftler weltweit einen offenen Brief unterzeichneten. Der deutsche Wissenschaftsrat und die Kultusministerkonferenz wollten ein Zeichen setzen und deutlich machen, dass akademische Freiheit unteilbar ist und Boykotte dieses Prinzip untergraben.
Der aktuelle Aufruf ist demnach kein Ausdruck einer internationalen akademischen Mehrheit, sondern reiht sich ein in eine Serie politisch motivierter Boykottkampagnen. Hinter der Zahl »300« verbirgt sich keine versammelte Elite, sondern eine Gruppe mit begrenzter wissenschaftlicher Reputation und eindeutiger ideologischer Prägung. Der Boykott israelischer Universitäten trägt nichts zur wissenschaftlichen Debatte bei. Gefährdet wird die akademische Freiheit nicht von Israel, sondern von jenen, die es aus der Forschungsgemeinschaft ausschließen wollen. Leider wird diese Einordnung im größten Teil der Leitmedien unerwähnt bleiben.
