Der 81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz mahnt uns nicht nur zum Trauern, sondern zur Ehrung des jüdischen Überlebenswillens. Doch während viele Israel-Kritiker zähneknirschend die Erinnerungskultur pflegen, diffamieren sie die Wehrhaftigkeit der Juden nach 1945.
Das Muster ist stets dasselbe: Jüdische Menschen dürfen sterben, sich jedoch nicht wehren – und schon gar nicht nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur. Man gedenkt zwar den Opfern von damals, verachtet aber die Wehrhaften, die in den Jahrzehnten danach und bis heute ihr Recht auf Selbstverteidigung behaupten.
Dieser blinde Fleck im öffentlichen Gedenken (und Denken) tritt ausgerechnet an jenem Datum besonders scharf hervor, an dem die Welt vorgibt, sich zu erinnern. Am 27. Januar, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, jährt sich die Befreiung der Insassen des Konzentrationslagers Auschwitz zum 81. Mal. Der Tag ist den Opfern der Shoah gewidmet, und das ist notwendig. Wer Auschwitz – ob mahnend oder mechanisch – ins Gedächtnis ruft, ohne den jüdischen Kampf um Würde, Selbstbehauptung und Überleben mitzudenken, konserviert genau jene Ohnmacht, die der Nationalsozialismus eigentlich erzwingen wollte. Gleichzeitig soll dieser Tag also nicht nur die Ermordeten, sondern auch die Überlebenden, deren Mut und Beharrlichkeit ein lebendiges Zeugnis menschlicher Unbeugsamkeit ablegen.
Dieser Widerstand war nicht allein ein Akt der Verzweiflung, sondern auch der bewusste Entschluss zur Selbstbehauptung. In Ghettos, Wäldern und Vernichtungslagern bewiesen jüdische Widerstandskämpfer eine Tapferkeit, die weit über das Physische hinausging. Weltweit kämpften über 1,5 Millionen Juden in alliierten Uniformen gegen das NS-Regime. Allein die sowjetische Rote Armee zählte eine halbe Million jüdische Soldaten im mörderischen Kampf der Ostfront. Die USA mobilisierten über 550.000, das Commonwealth weitere 100.000 jüdische Kämpfer.
Wer heute über die Soldatenfriedhöfe der Normandie wandelt, erkennt in den Reihen weißer Kreuze immer wieder einen Davidstern. Diese Gräber sind Monumente einer militärischen Beteiligung, die das Zerrbild des passiven Opfers zertrümmern. Ein Symbol dieser neuen Souveränität war die Jüdische Brigade aus Palästina. Unter britischem Kommando trugen sie den Magen David stolz als offizielles Emblem. Sie kämpften für den Sieg der freien Welt und für das Recht, niemals wieder wehrlos zu sein.
Auch und gerade Frauen bildeten einen wesentlichen Teil des Widerstands. Als Kurier und Waffenschmuggler übernahmen sie lebensgefährliche Schlüsselrollen. Ihr strategischer Vorteil war ebenso profan wie pragmatisch: Da sie nicht beschnitten waren, entgingen sie oft der sofortigen Identifizierung. Diese biologische Banalität wurde zur lebensrettenden Tarnung für den Aufbau logistischer Netzwerke. Während des Aufstands im Warschauer Ghetto standen zweihundert Frauen in der ersten Reihe der 750 Kämpfer. Mit Molotowcocktails bewaffnet, stellten sie sich der SS-Übermacht entgegen. Auch wenn der Aufstand brutal niedergeschlagen wurde, blieb sein Echo ungebrochen. Als Fanal inspirierte er die Erhebungen in den Todeslagern von Sobibor bis Auschwitz-Birkenau.
Verschmelzung von Gestern, Heute und Morgen
Die Würdigung solcher Eigenschaften in der Vergangenheit darf nicht dazu führen, dass sie zu Grabe getragen werden. Doch genau dies geschieht. Auch und gerade chronische Israel-Kritiker achten darauf, den eliminatorischen Antisemitismus der Nationalsozialisten zu verurteilen und lassen sich gerne medienwirksam mit den letzten Holocaust-Überlebenden fotografieren. Aber dann greifen sie die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) mit dämonisierenden Vorwürfen an, während die israelische Armee außergewöhnlich sorgfältige Anstrengungen unternimmt, um Nichtkombattanten zu schonen. Diese Schmähung ist systematisch und verfolgt das Ziel, den Zionismus mit dem Stigma eines angeblichen »Zivilisationsbruchs« zu behaften – ein Ausdruck kognitiver Dissonanz, die zugleich eine Entsolidarisierung mit Juden beinhaltet.
Tagtäglich werden Stolpersteine aus den Gehwegen gerissen und jüdische Grabmäler mit Hassparolen beschmiert. Laut den aktuellen Erhebungen der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) befinden sich antisemitische Vorfälle weiterhin auf einem erschreckend hohen Niveau: Im Jahr 2024 wurden in Deutschland insgesamt 8.627 Vorfälle dokumentiert – ein Anstieg von rund 77 Prozent gegenüber 2023, wobei im Durchschnitt fast 24 Vorfälle pro Tag registriert wurden, von verbaler Hetze bis zu körperlichen Angriffen, Bedrohungen und gewalttätigen Übergriffen. Israelbezogener Antisemitismus ist dabei die am häufigsten erfasste Kategorie.
Angesichts des Antisemitismus, der insbesondere nach den Gräueltaten des 7. Oktobers 2023 global grassiert, ist das Gedenken an den jüdischen Widerstand umso notwendiger geworden. Der judenfeindliche Geist, der 1943 in Warschau sein Unheil getrieben hatte, fand 2025 vor dem Jüdischen Museum in Washington einen erschreckenden Widerhall.
Während meiner Kindheit in den USA der 1960er-Jahre waren jüdische Kinder oft die einzigen Weißen, die mit uns Schwarzen zusammenspielten. Ihre Eltern, Männer wie Frauen, hatten komische, nicht verschnörkelte Tätowierungen an den Armen. Ich fragte naiv nach dem Grund, und es war das erste Mal, dass ich etwas über den Ortsnamen Auschwitz-Birkenau erfuhr.
Mein Vater, der im Zweiten Weltkrieg als afroamerikanischer Angehöriger der US Air Force in Kampfhandlungen eingesetzt war, beschrieb die Kainsmale aus dem KZ als Auszeichnung des Heldentums: »A medal of heroism.« Denn schon der Akt des nackten Überlebens war Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Später lernte ich einen Onkel kennen, dessen Einheit, das 761st Tank Battalion, auch als Black Panthers bekannt, im April 1945 das Konzentrationslager Buchenwald erreicht hatte. Beim Eintreffen fanden sie nicht nur Leichen und atmende Skelette, sondern auch jüdische Widerständler, die sich selbst befreit hatten.
Es liegt eine bittere Ironie darin, dass heute israelische Technologien wie Arrow 3 den deutschen Luftraum schützt. Dieses System zur Abwehr ballistischer Raketen außerhalb der Atmosphäre ist mittlerweile ein tragender Pfeiler der europäischen Sicherheit. In dieser Verteidigungsleistung manifestiert sich derselbe Geist der Unbeugsamkeit, der schon 1945 das Überleben erzwang.
