Der Scheich ging unter Tränen – und vollen Taschen (Ein Kommentar)

Kazem Seddiqi (li.), gleich neben dem bei einem israelischen Luftschlag im Juni 2025 getöteten Kommandeur der Revolutionsgarden, Hossein Salami. (© imago images/ZUMA Press Wire)

Als Teheraner Freitagsprediger hat sich Kazem Seddiqi ein Vermögen zusammengeraubt. Jetzt will er sich der Wissenschaft widmen.

Nach siebzehn Jahren theatralischer Predigten, inszenierten Tränen und Gebetsstunden, bei denen es mehr um Macht als um Frömmigkeit ging, ist Kazem Seddiqi, Freitagsgebetsführer der Islamischen Republik Iran, zurückgetreten. Er vergoss zu seinem Abschied von der Kanzel Krokodilstränen und kündigte ein neues Kapitel seines Lebens »mit Schwerpunkt auf akademischen und lehrenden Tätigkeiten« an. Übersetzung: Predigten sind nicht mehr nötig – seine Bankkonten sind gut gefüllt und zusammen mit seinem Grundbesitz sind sein und die Leben seiner Nachfahren für Generationen gesichert.

Der Nachname Seddiqi suggeriert ironischerweise Wahrhaftigkeit, doch sein Vermächtnis liest sich eher wie eine Anklageschrift: Veruntreuung öffentlicher Gelder, gefälschte Unterschriften und systematische Landnahme durch seine Familie. Sein letzter Skandal – die Übertragung von mehreren tausend Quadratmetern Seminarland an Verwandte – war so impertinent, dass selbst die staatlichen Medien ihn nicht mehr schönreden konnten.

In einem Regime, in dem Diebe Imame werden und Mörder Richterroben tragen, war Seddiqis Abgang kein Rücktritt, sondern eine stille Ablösung: Ein erfahrener Gauner wird gegen ein frischeres Gesicht ausgetauscht. Selbst Freitagsimame haben in Iran ein Verfallsdatum – nachdem sie ihr Korruptionsportfolio abgearbeitet haben.

Seien wir ehrlich: In welchem anderen Beruf wird man dafür bezahlt, einmal pro Woche eine Stunde lang Menschen zu belehren und erhält kostenlos Immobilien, kann seine Familie von der Religion ernähren, seine korrupten Kinder schützen und wird am Ende noch mit zeremonieller Ehrerbietung verabschiedet?

Nun ist Seddiqi gegangen, aber er hat nichts von Wert hinterlassen: keine Glaubwürdigkeit, keine Gerechtigkeit, keine Tugend. Was er jedoch hinterlassen hat, ist eine Spur öffentlicher Verhöhnung: Ein Mann, der Sparmaßnahmen predigte, während seine eigene Familie die Gewinne aus Luxusimmobilien in Ozgol, einem der reichsten Viertel Teherans, lukrierte.

Ist der Imam unter dem Druck der Öffentlichkeit zurückgetreten? Natürlich nicht, denn in der Islamischen Republik zählt die öffentliche Meinung nur im Krieg oder bei Wahlen.

Folgenloser Abgang

Jetzt heißt es, er kehre »in die Wissenschaft zurück«. Vielleicht, um »angewandte islamische Rechtswissenschaft für unauffälligen Landraub« zu lehren? Oder vielleicht sogar, um Seminare in Kanada zum Thema »Die Rolle der Tränen im Korruptionsmanagement« zu halten? Wenn Sie also demnächst einen gut gekleideten Scheich mit Sonnenbrille in Vancouver spazieren gehen sehen, könnte es sich um den Mann aus Ozgol handeln, der sich nach Jahren des Lügens und Betrügens jetzt auf »Wissenschaft« konzentrieren möchte – aber nicht im Iran, sondern im Westen, wo das Leben viel angenehmer ist.

Kazem Seddiqi ist weg, doch sein Abgang bedeutet nichts. Weder wird er für seinen Landraub zur Verantwortung gezogen noch seine Familie wegen Korruption vor Gericht gebracht werden.

Mein Beileid, Iraner. Ihr wurdet nicht von ausländischen Feinden besiegt, sondern von euren eigenen Predigern. Ein Freitags-Imam mag abgetreten sein, aber er hinterlässt dem Dieb, der im Auftrag des Obersten Geistlichen Führers seine Nachfolge antreten wird, einen gut gewärmten Stuhl.

Der Iran in Schutt und Asche

Der Krieg zwischen der Islamischen Republik und Israel ist zwar vorbei, aber die eigentliche Schlacht für die Iraner hat gerade…

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