Macklemore und die Verklärung eines verurteilten Terroristen

Macklemore-Wandgemälde in Gaza
Macklemore-Wandgemälde in Gaza (© Imago Images Anadolu Agency)

Bei einem Konzert in London forderte US-Rapper Macklemore die Freilassung des palästinensischen Fatah-Politikers Marwan Barghouti, der in Israel wegen fünffachen Mordes verurteilt wurde. Der Auftritt ist Teil einer internationalen Kampagne, die Barghouti zunehmend als Freiheitshelden darstellt. Für Israel hat diese Entwicklung auch politische Konsequenzen.

Als der US-amerikanische Rapper Macklemore am 30. Oktober in der Londoner OVO Arena Wembley auftrat, schwenkte er eine palästinensische Flagge. Auf seinem T-Shirt stand die Aufschrift »Free Marwan«. Gemeint war Marwan Barghouti, ein hochrangiger Fatah-Politiker, der seit 2002 in israelischer Haft sitzt und wegen seiner Beteiligung an tödlichen Terroranschlägen zu fünf lebenslangen Haftstrafen verurteilt wurde.

Der Auftritt bildete den Abschluss von Macklemores europäischer »Free Palestine Tour«, die ihn zuvor nach Dublin und Paris geführt hatte. Rund 10.000 Menschen besuchten das ausverkaufte Konzert, bei dem neben verschiedenen Musikern auch politische Aktivisten auftraten. Unter ihnen waren die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg und der Holocaust-Überlebende Stephen Kapos. Barghoutis Sohn Arab sprach auf der Bühne über die Inhaftierung seines Vaters und zog Parallelen zum südafrikanischen Kampf gegen die Apartheid. Der Erlös der Veranstaltung sollte an Hilfsorganisationen für Palästinenser gehen.

Dass sich Musiker für die palästinensische Bevölkerung einsetzen, ist längst nichts Ungewöhnliches mehr. Auch Kritik an der israelischen Regierung oder am Krieg im Gazastreifen gehört zur politischen Meinungsfreiheit. Doch Macklemores Auftritt wirft eine andere Frage auf: Warum wird ausgerechnet ein Mann, der wegen seiner Beteiligung an tödlichen Terroranschlägen verurteilt wurde, zum Gesicht einer internationalen Solidaritätskampagne?

Wer ist Marwan Barghouti?

Marwan Barghouti gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten der palästinensischen Fatah-Bewegung. Während der Zweiten Intifada spielte er eine führende Rolle innerhalb der Tanzim, einer militanten Organisation im Umfeld der Fatah. Die Jahre zwischen 2000 und 2005 waren von zahlreichen palästinensischen Terroranschlägen geprägt, bei denen Hunderte israelische Zivilisten ums Leben kamen.

Im Mai 2004 sprach ein israelisches Gericht Barghouti wegen fünffachen Mordes schuldig. Zu den Taten gehörte der Anschlag auf das Restaurant »Seafood Market« in Tel Aviv im Jahr 2002, bei dem drei Menschen ermordet worden waren. Hinzu kamen zwei weitere tödliche Angriffe. Das Gericht verurteilte den Fatah-Politiker zu fünf lebenslangen Haftstrafen sowie einer zusätzlichen Freiheitsstrafe.

Barghouti selbst bestritt die Vorwürfe und erkannte die Zuständigkeit des israelischen Gerichts nicht an. Auch die Fairness des Verfahrens wurde von Menschenrechtsorganisationen kritisiert. Seine Unterstützer betrachten Barghouti deshalb als politischen Gefangenen. Die Kritik am Verfahren ist Teil der Debatte um seine Person, ändert jedoch nichts daran, dass ein israelisches Gericht ihn wegen seiner Verantwortung für fünf Morde verurteilt hat.

Trotz seiner langen Haft spielt Barghouti weiterhin eine bedeutende Rolle in der palästinensischen Politik. Er gilt als möglicher Nachfolger des inzwischen hochbetagten Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas und genießt Unterstützung in unterschiedlichen politischen Lagern. Für seine Anhänger verkörpert er die Hoffnung auf eine neue palästinensische Führung, die nach Jahren politischer Spaltung wieder größere Teile der Bevölkerung hinter sich vereinen könnte. Gerade diese politische Bedeutung macht die internationale Kampagne für seine Freilassung so brisant.

Vom verurteilten Terroristen zum Freiheitshelden

Wie weit die internationale Verklärung Barghoutis mittlerweile reicht, zeigt eine Aktion in London: Anfang Juni 2026 versuchten propalästinensische Aktivisten, auf dem Parliament Square eine Statue des verurteilten Mörders aufzustellen. Der Platz vor dem britischen Parlament war nicht zufällig gewählt. Hier stehen Denkmäler von Persönlichkeiten wie Nelson Mandela, Mahatma Gandhi und Winston Churchill. Barghouti sollte damit symbolisch in eine Reihe mit international anerkannten Freiheitskämpfern gestellt werden. Die Polizei verhinderte die Aufstellung der Statue.

Doch damit war die Aktion nicht beendet. Im Oktober wurde die lebensgroße Bronzestatue auf dem Dach des Palestine House im Londoner Stadtteil Holborn aufgestellt. Sie zeigt den verurteilten Fatah-Politiker mit erhobenen, gefesselten Händen, die Finger zum Siegeszeichen geformt. Das Motiv orientiert sich an einer bekannten Aufnahme aus seiner Haftzeit. Die Inszenierung ist eindeutig: Barghouti wird als Gefangener dargestellt, dessen Widerstandswille trotz seiner Inhaftierung ungebrochen bleibt.

Die britische Organisation UK Lawyers for Israel reichte daraufhin eine Beschwerde ein. Die zuständige Bezirksverwaltung Camden Council bestätigte Ende Oktober, dass sie die Installation untersucht. Dabei geht es zunächst um baurechtliche Fragen, insbesondere darum, ob für die Statue auf dem Dach eine entsprechende Genehmigung erforderlich gewesen wäre. Die politische Bedeutung der Statue reicht allerdings weit über mögliche Verstöße gegen britische Bauvorschriften hinaus. Barghouti wird innerhalb der internationalen Kampagne für seine Freilassung immer wieder mit Nelson Mandela verglichen. Dahinter steht die Vorstellung, dass auch Barghouti eines Tages als Staatsmann anerkannt werden könnte, obwohl er heute inhaftiert ist.

Der Vergleich soll vor allem eines bewirken: Barghoutis Verurteilung wird nicht als Folge konkreter Gewalttaten dargestellt, sondern als Teil einer Geschichte politischer Unterdrückung. Seine Gefangenschaft rückt in den Mittelpunkt, während die Menschen, für deren Ermordung er verurteilt wurde, aus dem öffentlichen Bild verschwinden. Mandela hatte sich im Kampf gegen das Apartheidregime ebenfalls für bewaffneten Widerstand ausgesprochen. Seine politische Biografie lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres auf Barghouti übertragen. Dessen Verurteilung bezieht sich auf konkrete Morde an Zivilisten. Wer ihn dennoch zum palästinensischen Mandela erklärt, muss sich deshalb auch mit diesen Taten auseinandersetzen.

Die Londoner Statue ist nicht das einzige Beispiel für die wachsende internationale Unterstützung. Im Juni 2026 sorgte auch der Vorsitzende der britischen Grünen, Zack Polanski, für Kritik, als er öffentlich ein »Free Marwan«-T-Shirt trug. Polanski verteidigte seine Haltung und stellte die Rechtmäßigkeit des israelischen Gerichtsverfahrens infrage. Die Statue, politische Solidaritätsbekundungen und Macklemores Auftritt stehen damit für dieselbe Entwicklung. Barghouti wird nicht mehr nur als möglicher zukünftiger palästinensischer Präsident oder als umstrittener politischer Gefangener diskutiert. Er wird zunehmend zu einer internationalen Symbolfigur, deren Vergangenheit hinter Begriffen wie Freiheit, Widerstand und Gerechtigkeit verschwindet.

Statue vom Omar Berghoti im Londoner Stadtteil Holborn
Statue vom Omar Berghoti im Londoner Stadtteil Holborn (© Imago Images ZUMA Press Wire)

Wenn Popkultur politische Verantwortung verdrängt

Macklemore gehört zu den prominentesten Musikern, die sich seit Beginn des Gaza-Krieges öffentlich für die »palästinensische Sache« einsetzen. Mit seinem Song »Hind’s Hall« und zahlreichen politischen Stellungnahmen hat er sich innerhalb der internationalen Protestbewegung eine große Anhängerschaft aufgebaut. Bei seinem Londoner Konzert erklärte der Rapper, dass es für ihn irgendwann unangenehmer geworden sei, zu schweigen, als seine Meinung öffentlich zu äußern. Er sprach über das Leid der Kinder in Gaza und betonte die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft. Die Veranstaltung wollte musikalische Auftritte mit politischen Botschaften und humanitärem Engagement verbinden. Doch humanitäres Engagement und die öffentliche Unterstützung eines wegen Mordes verurteilten Mannes sind zwei unterschiedliche Dinge.

Ein Musiker mit internationaler Reichweite entscheidet sich nicht zufällig dafür, einen bestimmten Namen auf seiner Kleidung zu tragen. Gerade bei einem Konzert, das ausdrücklich als politische Veranstaltung organisiert wurde, ist ein solches T-Shirt eine bewusste Botschaft. Für das Publikum wird Barghouti dadurch nicht als politisch umstrittene Figur mit einer gewalttätigen Vergangenheit präsentiert, sondern als jemand, dessen Freilassung offenbar wie selbstverständlich zum Einsatz für die palästinensische Bevölkerung gehört.

Die israelischen Opfer der Anschläge, für die Barghouti verurteilt wurde, kommen in dieser Inszenierung nicht vor. Ihre Geschichten verschwinden hinter einem Slogan, der sich auf einem T-Shirt ebenso gut vermarkten lässt wie auf einem Protestplakat. Gerade darin liegt das Problem politischer Botschaften, die über Popkultur verbreitet werden. Ein Konzertpublikum beschäftigt sich kaum mit den Einzelheiten eines mehr als zwanzig Jahre zurückliegenden Gerichtsverfahrens. Es sieht einen gefeierten Künstler, eine palästinensische Flagge und einen Namen, der für Freiheit stehen soll.

Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf Israel?

Für Israel ist die zunehmende internationale Unterstützung Barghoutis keineswegs nur eine Frage der öffentlichen Wahrnehmung. Sie berührt auch die politische Debatte darüber, welche Rolle der Fatah-Politiker in einer zukünftigen palästinensischen Führung spielen könnte. Weil er – wie erwähnt – immer wieder als möglicher Nachfolger von Präsident Mahmud Abbas ins Spiel gebracht wird, könnte seine Freilassung zu einer politischen Forderung werden, die nicht nur von palästinensischen Organisationen wie der Hamas, sondern zunehmend auch von internationalen Akteuren unterstützt wird.

Darin liegt für Israel ein politisches Dilemma. Einerseits wird Barghouti von seinen Unterstützern als Politiker dargestellt, der verschiedene palästinensische Lager vereinen könnte. Andererseits verbüßt er fünf lebenslange Haftstrafen wegen seiner Beteiligung an tödlichen Terroranschlägen. Sollte der internationale Druck auf Israel wachsen, ihn aus politischen Gründen freizulassen, würde damit auch die Frage aufgeworfen, welchen Stellenwert rechtskräftige Verurteilungen bei zukünftigen politischen Verhandlungen haben.

Die Freilassung palästinensischer Gefangener war bereits in der Vergangenheit Bestandteil von Verhandlungen zwischen Israel und palästinensischen Organisationen. Im Fall Barghoutis wäre eine solche Entscheidung jedoch besonders symbolträchtig. Sie könnte von seinen Unterstützern als politischer Erfolg gefeiert werden, während sie in Israel angesichts der Schwere seiner Verurteilung auf erheblichen Widerstand stoßen dürfte.

Hinzu kommt eine weitere Dimension: Die internationale Darstellung Barghoutis als Freiheitsheld verändert die Wahrnehmung der israelisch-palästinensischen Geschichte. Während die Gewalt der Zweiten Intifada in Israel bis heute mit Selbstmordanschlägen, ermordeten Zivilisten und traumatischen Erfahrungen verbunden ist, erscheint einer ihrer führenden Akteure auf westlichen Konzertbühnen und in internationalen Kampagnen als Symbol der Befreiung. Für die Angehörigen der Opfer kann eine solche Darstellung besonders verletzend sein. Menschen, die durch Terroranschläge Familienmitglieder verloren haben, müssen erleben, wie ein wegen dieser Verbrechen verurteilter Mann im Ausland gefeiert wird. Ihre Perspektive bleibt in der öffentlichen Inszenierung weitgehend unsichtbar.

Auch für die internationale Debatte über den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern hat dies Folgen. Wenn prominente Künstler und Aktivisten Barghouti unterstützen, ohne seine Verurteilung und die dahinterstehenden Taten ausreichend einzuordnen, entsteht ein einseitiges Bild. Die palästinensische Forderung nach Selbstbestimmung wird mit der Unterstützung einer Person verbunden, deren politische Vergangenheit eng mit terroristischer Gewalt verknüpft ist – während Israel als Unterdrücker eines Freiheitskämpfers dargestellt wird.

Demonstration für die Freilassung Omar Barghoutis in London
Demonstration für die Freilassung Omar Barghoutis in London (© Imago Images ZUMA Press Wire)

Die problematische Romantisierung des Widerstands

Besonders auffällig ist, wie innerhalb bestimmter westlicher Solidaritätsbewegungen die Grenzen zwischen politischem Widerstand und terroristischer Gewalt verschwimmen. Dabei wäre es durchaus möglich, die palästinensische Forderung nach nationaler Selbstbestimmung zu unterstützen und gleichzeitig Anschläge auf Zivilisten entschieden abzulehnen. Beides widerspricht einander nicht. Problematisch wird es dort, wo die politische Sache offenbar wichtiger wird als die Methoden, mit denen sie verfolgt wurde. Wenn ein wegen Mordes verurteilter Mann zum Freiheitskämpfer erklärt wird, ohne seine Opfer überhaupt zu erwähnen, entsteht ein verzerrtes Geschichtsbild.

Dass Barghouti innerhalb der palästinensischen Gesellschaft politisch einflussreich ist, macht seine Rolle während der Zweiten Intifada nicht ungeschehen. Ebenso wenig rechtfertigt das Leid der palästinensischen Bevölkerung eine nachträgliche Verklärung von Anschlägen auf israelische Zivilisten. Macklemores Auftritt in London zeigt, wie stark sich diese Debatte inzwischen in die westliche Popkultur verlagert hat. Was auf den ersten Blick wie eine Solidaritätsbekundung für die Palästinenser erscheint, transportiert in Wahrheit eine politische Verurteilung von Israels Umgang mit Terrorismus und der Legitimität seiner Justiz. Wer Frieden fordert, sollte sich hingegen mit den Menschen beschäftigen, die durch jene Gewalt ums Leben kamen, deren Verantwortliche heute auf internationalen Konzertbühnen gefeiert werden.

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