»Proteste in Erfurt zeigen: Es braucht klare Grenzen gegenüber antisemitischen Akteuren«

Timo Galki im Mena-Watch-Interview: »Es braucht klare Grenzen gegenüber antisemitischen Akteuren«

Im Gespräch mit Elisa Mercier ordnet Timo Galki die antisemitischen Vorfälle beim Protest gegen den AfD-Parteitag in Erfurt ein und spricht über Antisemitismus in Teilen der Linken.

Mehr als 30.000 Menschen protestierten am 4. Juli 2026 in Erfurt gegen den Bundesparteitag der Alternative für Deutschland (AfD). Die Proteste wurden maßgeblich vom Bündnis »Widersetzen« getragen – und waren von antisemitischen Vorfällen im Umfeld überschattet. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Thüringen (RIAS Thüringen) dokumentierte zahlreiche antisemitische Äußerungen und Übergriffe. Auch der eigene Informationsstand wurde massiv angefeindet. Im Gespräch mit Elisa Mercier ordnet Timo Galki, Leiter von RIAS Thüringen, die Ereignisse ein und spricht über Antisemitismus in Teilen der außerparlamentarischen Linken.

Elisa Mercier (EM): Ihr Informationsstand wurde in Erfurt attackiert. Können Sie beschreiben, was vorgefallen ist?

Timo Galki (TG): Die Situation war schon am Samstagmorgen beim Aufbau unseres Standes angespannt. Zunächst hielten sich Personen mit Kufiyas in unserer Nähe auf. Später kamen weitere eindeutig antiisraelische Aktivistinnen und Aktivisten hinzu, die uns gezielt filmten und bedrängten. Im weiteren Verlauf eskalierte die Situation. Ein Passant wollte uns helfen und griff ein, es kam zu einem Handgemenge. Erst das Eingreifen der Ordnerinnen und Ordner der DGB-Veranstaltung verhinderte eine weitere Eskalation.

Die Anfeindungen zogen sich über den ganzen Tag. Sie richteten sich dabei nicht vorrangig gegen unser Informationsmaterial, sondern gegen die Symbole an unserem Stand. Insbesondere die Regenbogenflaggen mit Davidstern waren der Auslöser. Auf meine Nachfrage, wofür der Davidstern für sie stehe, verwiesen Personen auf die israelische Kriegsführung und verbanden den Davidstern mit der Vorstellung eines »Kindermörders Israel«, was eine klar antisemitische Verknüpfung ist.

Zahlreiche antisemitische Vorfälle

EM: Sie haben weitere Vorfälle dokumentiert, auch Angriffe auf einzelne Personen.

TG: Wir haben an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeitpunkten zahlreiche antisemitische Vorfälle dokumentiert. Den Großteil dieser Vorfälle ordnen wir dem antiisraelischen Aktivismus und dem links-antiimperialistischen Spektrum zu.

Man hörte Parolen wie »Tod dem Zionismus« oder »Kampf dem Zionismus« und sah Symbole und Kleidungsstücke, die die Existenz Israels infrage stellen oder den jüdischen Staat delegitimieren, etwa Darstellungen des israelischen Staatsgebiets in den Farben der palästinensischen Flagge. Ein Frontbanner des Bündnisses »Widersetzen« zeigte neben dem Slogan »Gegen jede faschistische Politik« Symbole aus dem antiisraelischen Aktivismus, darunter ein Kufiya-Muster und eine Wassermelone.

Eine Person, die eine jüdisch-traditionelle Sudra trug, wurde massiv beleidigt und verfolgt. Ein Video zeigt, wie die Person flüchtet und schließlich unseren Stand erreicht. Dort wurde sie von anderen Menschen betreut. Diese Attacke war für uns besonders bedrückend. Auch, weil sie zunächst keine ausreichende Unterstützung aus dem Protestumfeld heraus erhielt. Weitere Personen wurden von antiisraelischen Aktivistinnen und Aktivisten queerfeindlich beleidigt, ihnen wurde Gewalt und sogar der Tod angedroht.

EM: Welche Gruppen konnten Sie im Protestgeschehen identifizieren?

TG: An unserem Stand zogen beim Einlaufen eines Demonstrationszuges auf dem Veranstaltungsgelände mehrere Personen vorbei. Man sah Fahnen des »Kommunistischen Aufbaus« und seiner Untergruppierung »Kommunistische Frauen«, der »Internationalen Jugend« und der »Föderation klassenkämpferischer Organisationen« (FKO). Eine weitere Gruppe trug eine Fahne der Organisation »Revolution«.

Besonders aufgefallen ist uns außerdem ein Lautsprecherwagen in der Innenstadt, der nach bisherigen Informationen zur Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD) gehörte. Dort wurde das Lied »Leve Palestina« gespielt, in dem zum Kampf gegen den Zionismus aufgerufen wird. Dieser Auftritt ist uns mehrfach gemeldet worden. Die MLPD verteilte zudem eine Broschüre, in der wir mehrere israelbezogen antisemitische Aussagen festgestellt haben. In einem Video rühmte sich die jugendpolitische Sprecherin der MLPD damit, dass »Antideutsche« von der Demonstration »vertrieben« worden seien.

EM: Gehörten diese Gruppen und die Personen, die andere attackierten, zum Bündnis »Widersetzen«?

TG: Grundsätzlich arbeiten wir nicht akteursorientiert, sondern vorfallsbasiert, und sammeln keine Informationen über Einzelpersonen. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass einige der antiisraelischen Aktivistinnen und Aktivisten mit »Widersetzen« angereist sind. Das lässt sich allerdings nicht in jedem Fall eindeutig verifizieren.

Sicher ist: Sie waren Teil des Protestgeschehens gegen den AfD-Bundesparteitag. Bei einem der sogenannten Finger, also einem Demonstrationszug mit bestimmter Blockadetaktik, wurden antisemitische Parolen skandiert. Als dieser Zug auf das Veranstaltungsgelände kam, waren auch palästinensische Flaggen zu sehen, die eigentlich nicht mit dem Demonstrationskonsens vereinbar waren. Ein Teil dieser Gruppe zog anschließend an unserem Stand vorbei. Darunter befanden sich mehrere Dutzend Personen, teilweise vermummt, mit Kufiyas oder anderen Erkennungszeichen, die gezielt Parolen wie »Viva, Viva Palästina« skandierten. Diese Gruppe war eindeutig Teil des Versammlungsgeschehens von »Widersetzen«.

EM: Wie ist zu erklären, dass antisemitische Anfeindungen auf Demonstrationen gegen eine rechte Partei wie die AfD auftreten?

TG: Dass das ausgerechnet in einem solchen Kontext geschieht, ist besonders widersprüchlich. Die AfD ist eine antisemitische Partei und stellt eine große Gefahr für jüdisches Leben und die Sicherheit von Jüdinnen und Juden in Deutschland dar. Zugleich sehen wir, dass Antisemitismus kein Problem ist, das nur in einem bestimmten politischen Spektrum vorkommt. Wir beobachten in verschiedenen sozialen Bewegungen eine Entwicklung hin zu israelbezogenem Antisemitismus. Gerade antifaschistische Bewegungen sollten aber Schutzräume für alle Betroffenen von Rassismus, Antisemitismus und anderen Formen der Diskriminierung sein und Antisemitismus als eigenständige Form von Gewalt und Ausgrenzung ernst nehmen.

 Nicht zurückziehen

EM: Welche Konsequenzen müssen Veranstalter solcher Proteste aus den Vorfällen in Erfurt ziehen?

TG: Es braucht klare Grenzen gegenüber antisemitischen Akteuren und Symbolen. Veranstalter müssen deutlich machen: Wer israelbezogenen Antisemitismus transportiert oder anderweitig antisemitische Botschaften verbreitet, kann nicht Teil eines solchen Bündnisses sein. Der Umgang damit hat bei bestimmten Bündnissen wie »Widersetzen« allerdings wiederholt nicht funktioniert. Ähnliche Situationen gab es auch bei anderen Protesten, etwa in Riesa, wo Menschen aufgrund antisemitischer Symbolik und Verhaltensweisen die Demonstration verlassen haben.

Wichtig zu betonen ist, dass wir nicht über die gesamte Bewegung sprechen. Es gibt weiterhin viele Akteure, die jüdische Perspektiven einbeziehen und sich klar gegen Antisemitismus stellen. Man muss daher zum Beispiel zwischen großen Teilen von »Widersetzen« und Bündnispartnern wie »Zusammenstehen« oder dem DGB unterscheiden. Auch die Solidarität uns gegenüber kam von Menschen, die aufgrund ihrer klar antifaschistischen Haltung in Erfurt unterwegs waren. Wir als RIAS müssen überlegen, wie wir uns künftig besser schützen. Wir werden uns nicht zurückziehen, sondern weiterhin mit Infoständen und Interventionen präsent sein und Antisemitismus sichtbar machen.

EM: »Widersetzen« wurde auch von der Linkspartei und einzelnen grünen Politikerinnen und Politikern unterstützt. Müssten diese Parteien ihre Unterstützung überdenken?

TG: Ja, es braucht eine Auseinandersetzung damit. Ich habe den Eindruck, dass das teilweise auch passiert. Bei den Grünen gab es nach Bekanntwerden der Vorfälle großes Entsetzen, Solidaritätsbekundungen und das Angebot, weiter darüber ins Gespräch zu kommen. Bei der Linken muss man differenzieren: Die Thüringer Linke wurde vor Ort selbst angegriffen und hat sich ebenfalls mit einer Solidaritätsbekundung sowie einem Gesprächsangebot an uns gewandt, während die Bundespartei oder die Berliner Linke anders zu betrachten sind. Grundsätzlich sollten aber alle Parteien, Organisationen und sozialen Bewegungen den Blick auch auf sich selbst richten und fragen: Wo gibt es Antisemitismus bei uns? Wie können wir ihn erkennen und aufarbeiten?

EM: Nach den Ereignissen in Erfurt und etwa den jüngsten Auseinandersetzungen im Hausprojekt La Casa in Berlin hat man den Eindruck, dass israelsolidarische und antisemitismuskritische Linke zunehmend unter Druck geraten. Teilen Sie diesen Eindruck?

TG: Ja, und ich beobachte diese Entwicklung mit großer Sorge, zumal die Radikalisierung und Aufrüstung von Gruppen aus dem antiisraelischen und links-antiimperialistischen Spektrum erschreckend ist. Es braucht Orte, in denen über Antisemitismus gesprochen werden kann und in denen sich Jüdinnen und Juden sowie antisemitismuskritische Linke sicher fühlen. Solche Orte gibt es weiterhin, etwa Jugendverbände oder linke Projekte, die sich mit jüdischem Leben und Antisemitismus auseinandersetzen. Wir müssen alles daransetzen, dass diese Räume erhalten bleiben. Deshalb braucht es eine stärkere Auseinandersetzung mit gegenwärtigem Antisemitismus in der gesamten Gesellschaft. Dazu gehört mehr Wissen über jüdisches Leben, über jüdische Perspektiven und über die unterschiedlichen Formen von Antisemitismus. Nur so lassen sich antisemitische Muster erkennen und ihnen wirksam entgegentreten.

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