Im Iran droht Goli Kouhkan im Dezember die Hinrichtung. Sie ist eine von vielen Mädchen, die auf Grundlage von Gesetzen, die Kinderehen legalisieren und tödliche Strafen vorsehen, im Gefängnis sitzen.
Seit sieben Jahren sitzt Goli Kouhkan bereits im Todestrakt. Die damals 18-jährige wurde wegen »Mordes« an ihrem Ehemann angeklagt, den sie als Kind heiraten musste. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Hengaw wurde Kouhkan im Alter von zwölf Jahren mit ihrem Cousin verheiratet. Sie sei von ihrem Ehemann emotional und körperlich missbraucht worden, Fluchtversuche blieben erfolglos.
In einem Streit mit ihm und einem weiteren Cousin kam ihr Mann schließlich ums Leben. Laut der NGO Hengaw rief Kouhkan selbst den Rettungsdienst und wurde kurz darauf verhaftet. Ein Gericht verurteilte sie auf Grundlage des islamischen Rechtsprinzips Qisas, das eine Vergeltungsstrafe vorsieht und der Familie des Opfers das Recht einräumt, die Hinrichtung der Täterin zu fordern. Während des Verfahrens hatte Kouhkan keinen Rechtsbeistand. Nach Berichten von Aktivisten wurde sie unter Druck gesetzt, ein Geständnis zu unterschreiben, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt weder lesen noch schreiben konnte.
Nach sieben Jahren im Gefängnis erklärte sich die Familie des Mannes schließlich bereit, auf die Vollstreckung der Todesstrafe zu verzichten, unter der Bedingung, dass Kouhkan ein sogenanntes Blutgeld in Höhe von zehn Milliarden iranischen Toman zahlt, umgerechnet rund 95.000 Euro. Eine Summe, die für die heute Siebzehnjährige unerreichbar ist. Kouhkan stammt aus armen Verhältnissen, gehört der belutschischen Minderheit an und besitzt keine Ausweisdokumente. Ein Umstand, der sie zusätzlich rechtlos macht.
Strafrecht der Scharia
Diese Verfahren sind im Iran die Regel und Teil einer strukturellen Realität: Sie spiegeln ein System, in dem patriarchale und religiöse Normen nicht nur das soziale Leben, sondern auch die Rechtsprechung bestimmen. Das iranische Strafrecht, das sich in weiten Teilen direkt auf die Scharia stützt, reproduziert gesellschaftliche Machtverhältnisse, in denen Frauen und Minderjährige rechtlich wie sozial als Eigentum der männlichen Familie gelten. Diese ungleiche Ordnung wird durch ökonomische Abhängigkeiten, religiös legitimierte Autoritätsstrukturen und einen repressiven Staat stabilisiert, der individuelle Rechte systematisch dem »Schutz der Moral« unterordnet. In diesem Zusammenspiel aus Armut, staatlicher Kontrolle und religiöser Ideologie entsteht eine Justizpraxis, die Gewalt gegen Frauen und Kinder duldet und institutionell absichert.
Im Iran sind Kinderehen legal. Mädchen können ab neun, Jungen ab fünfzehn Jahren verheiratet werden, basierend auf der Scharia. Die nationale Gesetzgebung steht im Widerspruch zur UN-Kinderrechtskonvention, die der Iran zwar ratifiziert, aber nicht durchgesetzt hat.
Mädchen unter dreizehn Jahren können mit richterlicher Zustimmung verheiratet werden. Seit 2000 gilt für Mädchen ab dreizehn Jahren teils »Heiratsreife«, also die Möglichkeit der Eheschließung ohne Gerichtserlaubnis. Die Praxis von Kinderehen ist besonders in ländlichen Regionen verbreitet, oft motiviert durch ökonomische Zwänge wie Armut und Inflation, oft weniger durch religiöse Gründe.
Internationale Kritik
Die Islamische Republik gehört zu den Ländern mit der höchsten Zahl an Hinrichtungen weltweit. Mindestens 972 bis 1.000 Exekutionen wurden im Jahr 2024 dokumentiert. Menschenrechtsorganisationen gehen von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. Die Todesstrafe dient auch der Einschüchterung, insbesondere gegenüber politischen Gegnern. Nach iranischem Recht gilt für Jungen ab fünfzehn und für Mädchen bereits ab neun Jahren die volle Strafmündigkeit. Damit können Minderjährige zum Tode verurteilt werden, was einen klaren Verstoß gegen das Völkerrecht darstellt, das die Exekution von Personen verbietet, die zum Tatzeitpunkt jünger als achtzehn Jahre waren.
Die Vereinten Nationen, Amnesty International und zahlreiche Menschenrechtsorganisationen verurteilen das iranische Vorgehen seit Jahren. Der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte im Iran, Javaid Rehman, der 2024 von Mai Sato abgelöst wurde, wies bis zuletzt darauf hin, dass das Land weiterhin gegen grundlegende Schutzmechanismen für Kinder verstoße. Besonders Mädchen, die als Kinder verheiratet werden und in Zwangsehen leben, seien systematisch entrechtet – ohne Zugang zu rechtlicher Unterstützung oder Schutz vor Gewalt. Jahrelanger Missbrauch, der im letzten Ausweg in tödliche Gewalt mündet, findet sich in einer Verflechtung aus Todesstrafe, Misogynie und einem Rechtssystem, das schutzbedürftige Frauen, die selbst Opfer sind, kriminalisiert.
Innerhalb des Landes wächst der Widerstand. Iranische Frauenrechtsaktivistinnen sprechen von einer »doppelten Bestrafung«: zuerst durch das System der Zwangsehe, dann durch ein Justizsystem, das Gewalt und Unterdrückung legitimiert. Die Repression richtet sich gezielt gegen Frauen. Wer Ehebruch begeht, sexuelle Gewalt überlebt oder sich gegen patriarchale Strukturen wehrt, riskiert Haft, Folter oder die Exekution.
Fälle wie jener von Zeinab Sekaanvand, die 2019 als Jugendliche hingerichtet wurde, zeigen, dass die iranische Justiz systematisch Frauen kriminalisiert. Solange die iranische Regierung an der Scharia-basierten Gesetzgebung festhält und die Todesstrafe als Werkzeug der Macht einsetzt, bleibt das Schicksal von Goli und vielen anderen ein Symbol für die Unmenschlichkeit eines Regimes, das seine Schwächsten opfert.
