Heute Abend wird bereits zum fünften Mal der Arik-Brauer-Publizistikpreis vergeben: an Sarah Maria Sander und Andrea Schurian.
Es gibt Preise, die nicht einfach eine publizistische Leistung auszeichnen, sondern zugleich daran erinnern, dass man sich die Welt nicht unbedingt so gefallen lassen muss, wie sie nun einmal eingerichtet ist. Dass man ihr mit Witz, Widerspruchsgeist, einer gewissen Unverschämtheit und, wenn es sein muss, mit dem berühmten Wiener Schmäh begegnen kann. Der Arik-Brauer-Publizistikpreis gehört zu dieser erfreulichen Kategorie von Auszeichnungen.
Sein Namensgeber, 1929 als Erich Brauer in Wien geboren und 2021 ebendort gestorben, war einer jener Künstler, für die die üblichen Berufsbezeichnungen immer ein wenig zu klein geraten. Maler, Sänger, Dichter, Bühnenbildner, Architekt, Mitbegründer des Austropop und einer der bedeutendsten Vertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Arik Brauer war all das, und vermutlich hätte er sich über die Vorstellung amüsiert, man müsse sich irgendwann einmal für eine dieser Tätigkeiten entscheiden.
Als Sohn jüdischer Eltern überlebte er die nationalsozialistische Verfolgung, sein Vater wurde in Auschwitz ermordet. Diese Erfahrung gehörte zu den biografischen Voraussetzungen eines Werks, dessen Künstler sich dennoch nie auf die Rolle des mahnenden Zeitzeugen reduzieren ließ. Er machte aus der Erinnerung keine erstarrte Gedenkveranstaltung. Er schuf eine Bilderwelt voller fantastischer Geschöpfe, sang Lieder, in denen sich Gesellschaftskritik und Wiener Volkstümlichkeit auf eigentümlich bezaubernde Weise miteinander verbanden, und bewies, dass politischer Ernst und Humor keineswegs Gegensätze sein müssen.
Der Preis
Seit 2022 vergibt Mena-Watch den nach Brauer benannten Publizistikpreis an Menschen, die sich durch journalistische Unabhängigkeit, intellektuelle Redlichkeit und die Bereitschaft auszeichnen, auch dort Widerspruch zu formulieren, wo er gesellschaftlich gerade nicht besonders erwünscht ist. In einer Öffentlichkeit, in der moralische Gewissheiten bisweilen schneller zur Hand sind als die dazugehörigen Argumente, ist das keineswegs selbstverständlich.
Die Liste der bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger ist entsprechend bemerkenswert, sicherlich werden Ihnen die Namen ein Begriff sein. Herta Müller, Michael Wolffsohn, Esther Schapira, Christian Ultsch, Mirna Funk, Rebecca Schönenbach, Arye Sharuz Shalicar und Ahmad Mansour gehören dazu. Der Liedermacher Wolf Biermann wurde für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Menschen, die sich auf unterschiedliche Weise mit den Zumutungen der Geschichte, mit Antisemitismus, autoritären Ideologien und den Widersprüchen demokratischer Gesellschaften auseinandersetzen.
Im vergangenen Jahr standen mit dem ORF-Korrespondenten Nikolaus Wildner und dem Schriftsteller Karl-Markus Gauß zwei Persönlichkeiten im Mittelpunkt, deren journalistische und literarische Arbeit auf unterschiedliche Weise von genauer Beobachtung lebt. Der Sonderpreis ging an die Politikerin und Aktivistin Karoline Preisler, die seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 immer wieder dort anzutreffen ist, wo antisemitische Parolen skandiert werden. Preisler stellt sich diesen Aufmärschen entgegen, häufig allein und mit einer bemerkenswerten Beharrlichkeit.
Die Preisträgerinnen
Heute, am Donnerstag, dem 5. November, wird der Arik-Brauer-Publizistikpreis nun erneut in Wien verliehen. Diesmal in einem kleineren, persönlichen Rahmen und an zwei Frauen, deren journalistische Arbeit auf unterschiedliche Weise zeigt, wie notwendig unabhängige Berichterstattung gerade dann ist, wenn sich erhebliche Teile der Öffentlichkeit bereits auf ein bestimmtes Narrativ verfestigt haben.
Die Filmemacherin und Journalistin Sarah Maria Sander begann nach dem 7. Oktober 2023, sich intensiv mit der Berichterstattung über Israel auseinanderzusetzen. Dabei stellte sie fest, dass zwischen der Wirklichkeit des Landes und seiner Darstellung in zahlreichen deutschsprachigen Medien eine erhebliche Distanz besteht. Statt sich mit dieser Beobachtung zu begnügen, reiste sie nach Israel, um dort zu recherchieren, Menschen zu begegnen und mit ihren Reportagen, Videobeiträgen und Filmen ein differenzierteres Bild zu vermitteln. Das klingt zunächst nach einer Selbstverständlichkeit des journalistischen Berufs. Dass dies im Fall Israels bereits als bemerkenswerte Gegenposition zur vorherrschenden Berichterstattung wahrgenommen werden kann, sagt einiges über die Verfassung der öffentlichen Debatte aus.
Die Journalistin und Publizistin Andrea Schurian hat über viele Jahre die österreichische Medien- und Kulturlandschaft geprägt. Ihre Arbeit steht für einen Journalismus, der sich nicht mit der bloßen Wiedergabe des jeweils herrschenden Meinungsklimas begnügt, sondern kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen kritisch begleitet. Gerade die Kulturberichterstattung, die gelegentlich den Eindruck erweckt, sie müsse vor allem die moralischen Selbstgewissheiten ihres eigenen Milieus bestätigen, braucht solche unabhängigen Stimmen.
Beide Preisträgerinnen stehen damit, bei allen Unterschieden ihrer journalistischen Arbeit, für etwas, das auch Arik Brauer bedeutsam war. Nämlich der, der Weigerung, sich von den Erwartungen der eigenen Umgebung vereinnahmen zu lassen. Eine Haltung, die nicht unbedingt bequem ist, aber ohne die eine lebendige demokratische Öffentlichkeit kaum vorstellbar wäre.
Und noch zwei Gewinnerinnen
Besonders freuen wir uns in diesem Jahr außerdem über zwei Gäste, die durch unser Mena-Watch-Gewinnspiel nach Wien reisen. Die beiden Gewinnerinnen, die den Ausgang der israelischen Parlamentswahl richtig tippten, werden an der Verleihung persönlich teilnehmen können. Wir hoffen, dass sie einen Abend erleben, der nicht nur interessante Begegnungen und kluge Gedanken bereithält, sondern auch etwas von jener Herzlichkeit, Eigenwilligkeit und Lebensfreude vermittelt, die man mit Arik Brauer verbindet.
Denn bei allem Ernst der Themen, um die es an diesem Abend gehen wird, sollte man eines nicht vergessen: Auch Widerspruch darf Freude machen. Vielleicht muss er das sogar, wenn man ihn über längere Zeit durchhalten möchte.
