New York Times: Die Empathie, die Israel nicht zuteilwird

Demonstration gegen die israelfeindliche Berichterstattung der New York Times
Demonstration gegen die israelfeindliche Berichterstattung der New York Times (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Während Israel weiterhin unter den Folgen des 7. Oktober leidet, wird die einzige Demokratie der Region erneut zum moralischen Angeklagten. Die New York Times steht exemplarisch für eine mediale Empathieverteilung, in der selbst das Trauma der Opfer relativiert wird.

Die Berichterstattung über den Gaza-Krieg folgt längst nicht mehr den Maßstäben journalistischer Gewichtung. Sie offenbart eine moralische Asymmetrie, in der das Leid der Israelis einer besonderen Begründung zu bedürfen scheint. Während der Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 als Ausgangspunkt des Konflikts zunehmend aus dem Blickfeld rückt, wird Israel selbst zum bevorzugten Gegenstand internationaler Anklage.

Wie weit diese Verschiebung reichen kann, zeigte ein am 14. September 2026 veröffentlichter Bericht der New York Times. Es handelt sich um die Kontroverse um den Dokumentarfilm »NAZA«. Eine Passage im Artikel der Korrespondentin Isabel Kershner bemängelte, Israelis würden größtenteils sich selbst als Opfer des 7. Oktober betrachten. Die skandalöse Formulierung blieb nicht unwidersprochen. Wie scharf die Kritik ausfiel, zeigt exemplarisch diese öffentliche Reaktion:

Erst zwei Tage nach dem Erscheinen der Originalfassung korrigierte die Zeitung die Formulierung als unbeabsichtigten Bearbeitungsfehler, der das Empfinden über die militärische Reaktion und nicht die Opfereigenschaft an sich schildern sollte:

»Hinweis des Editors (NYT): 16. September 2026

Aufgrund eines redaktionellen Fehlers enthielt eine frühere Version dieses Artikels eine Formulierung, die die Wahrnehmung der Israelis hinsichtlich der militärischen Reaktion der Regierung auf den Terroranschlag vom 7. Oktober in Bezug auf die Angriffe verdeutlichen sollte. Versehentlich wurde dadurch jedoch der Eindruck erweckt, die Erfahrung der Israelis als Terroropfer sei eine Frage der Wahrnehmung. Diese Passage wurde aus dem Artikel entfernt.«

Das Zerrbild einer unkritischen Bevölkerung

Auffälligerweise wurde eine weitere Behauptung des Artikels von der Redaktion nicht angesprochen: Isabel Kershner schreibt, nur eine kleine Minderheit der Israelis protestiere gegen das Vorgehen der IDF. Die pauschale Behauptung suggeriert, die israelische Bevölkerung sei entweder kriegslüstern oder bestehe aus einer schweigenden Masse.

Diese Darstellung greift so oder so zu kurz. Denn sie verkennt die Realität einer politisch agierenden, diskutierenden und streitenden Gesellschaft, in der die Menschen keineswegs unkritisch agieren. Zwar wird der militärische Kurs gegen die Hamas von einem breiten Konsens der israelischen Bevölkerung mitgetragen, aber eben deshalb, weil sie sich vom Hamas-Terror nach wie vor existenziell bedroht fühlt. Dies bedeutet jedoch keineswegs die Zustimmung oder gar ein Abnicken jeder Regierungsentscheidung. Kershners Darstellung macht aus dieser differenzierten und von grundlegenden Existenzängsten geprägten Gesellschaft eine passive Kulisse.

Immer wieder demonstrieren Hunderttausende Israelis, sei es gegen die Regierung Netanjahus und seine geplante Justizreform oder für ein Geisel-Abkommen. Spätestens im Wahlkampf zerfällt das Bild der apathischen Bevölkerung vollends. Das mag noch keine Aussage über die generelle »Friedensbereitschaft« der Israelis sein, doch die monolithische Mediendarstellung wärmt raffiniert altbekannte Stereotype auf. Wer eine polarisierte Demokratie in das Korsett einer uniformen Gefolgschaft zwängt, betreibt keine Analyse, sondern bedient Ressentiments.

Die Dynamik des Empathieentzugs

Angegriffen am Boden liegende Juden ziehen allzu oft keine schützende Hand an, sondern geballte Fäuste und den nächsten Tritt. Bei traditionellen Antisemiten ohnehin, aber auch dort, wo beträchtliche Teile des linken und progressiven Milieus Verwundbarkeit bei anderen als Grund für Schutz und Schonung begreifen, verweigern sie Juden die erste Hilfe. Hier zeigt sich hier ein paradoxer Mechanismus: Dem historischen Zerrbild allmächtiger, kontrollierender Juden widerspricht ihre reale Verwundbarkeit. Doch diese Diskrepanz korrigiert das Vorurteil nicht, sondern wird in es eingearbeitet. Das jüdische Opfer wird nicht als Widerlegung des Feindbildes wahrgenommen, sondern es bleibt verdächtig. Sein Leid wird relativiert, kontextualisiert oder gegen es selbst gewendet.

Genau diese perfide Täter-Opfer-Umkehr betreiben Medien wie die New York Times: Sie berichten nicht über jüdisches Leid, sie bewirtschaften es. Verwundbarkeit wird mit politischem Misstrauen quittiert, erlittenes Unrecht mit vermeintlicher Mitschuld verrechnet. Dahinter steht ein altes antisemitisches Muster: Dem Juden wird nicht zugestanden, schlicht Opfer zu sein. Selbst sein Leiden erscheint als Beweis gegen ihn. Die »offene Rechnung«, die dabei präsentiert wird, reicht tief in die Bildwelt der archaischen Ritualmordlegenden zurück: Das jüdische Opfer wird zum Täter erklärt, seine bloße Existenz zum Verdachtsmoment.

Dies ist bei der New York Times kein Einzelfall. Der aktuelle Vorfall fügt sich vielmehr in ein wiederkehrendes Muster ihrer Berichterstattung ein. Eine Untersuchung von Edieal Pinker, Professor an der Yale School of Management, analysierte 1.559 NYT-Artikel aus den ersten acht Monaten des Gazakrieges. Israel wurde darin 27.205-mal erwähnt, die Hamas 8.499-mal. Die Berichterstattung über den Gaza-Krieg »vermittelt ein verzerrtes Bild des Konflikts«, indem sie sich auf das Leid der Palästinenser, ihre Opferzahlen und die Zerstörung des Gazastreifens konzentriert, während das Leid der Israelis in den Hintergrund gerückt wird, heißt es in der am 7. September veröffentlichten Studie.

Pinker stellte eine »dominante Erzählung fest, die mit einer Darstellung übereinstimmt, die Israel nahezu die alleinige Handlungsmacht und Verantwortung zuschreibt, während die Rolle der Hamas bei der Aufrechterhaltung des Konflikts heruntergespielt wird«. Zwar stellte die NYT die Hamas am 7. Oktober als Urheberin eines brutalen Angriffs dar, doch bereits ab dem folgenden Tag wurde Israel als »der einzige Aggressor« dargestellt und »die Rolle der Hamas im Krieg konsequent verharmlost«.

»Palästinenser werden als passive Opfer dargestellt, deren Leid täglich zunimmt, da sie unerbittlich vom israelischen Militär angegriffen werden. Persönliche Berichte über das Leiden der Palästinenser erscheinen an zwei von drei Tagen, während vergleichbare Berichte über das Leiden der Israelis selten erscheinen. Seit Beginn der israelischen Gegenoffensive scheint es zudem so zu sein, dass selbst israelische Zivilisten in geringerem Ausmaß als Opfer betrachtet werden. … Dieses Muster der Berichterstattung trägt zu der Wahrnehmung bei, dass der Krieg seit dem 7. Oktober eine einseitige Angelegenheit ist.«

Pinker konstatiert also ein Framing, das die Verantwortung für die Fortdauer des Kriegs vor allem Israel zuschreibt und die Rolle der Hamas in den Hintergrund rückt. Auch wenn die New York Times diese Interpretation zurückweist, bleibt der Befund aufschlussreich: Wo die Hamas als Ausgangspunkt und fortwirkender Akteur des Konflikts verblasst, wird Israels Reaktion zum eigentlichen Erklärungsrahmen.

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