Antisemitismus und die Verklärung des Nationalsozialismus haben in Ägypten eine Tradition, die bis in die 1930er Jahre zurückreicht – und in der Gegenwart immer noch anhält.
Geschäfte, die den Namen Adolf Hitlers tragen, Hakenkreuze auf T-Shirts, NS-Symbolik im Straßenbild – was auf den ersten Blick wie eine bizarre Geschmacksverirrung wirkt, verweist auf eine längere Geschichte. Antisemitismus und die Verklärung des Nationalsozialismus haben in Ägypten eine Tradition, die bis in die 1930er Jahre zurückreicht.
Manchmal braucht es keine komplizierten Studien über die Verbreitung antisemitischer Ressentiments. Manchmal genügt die Suche auf Google Maps. Wer dort den Namen »Hitler« auf Arabisch eingibt, stößt auf eine Reihe ägyptischer Geschäfte, die den Namen des nationalsozialistischen Diktators tragen. Dazu gehören Bekleidungsläden, Friseursalons und andere kleine Unternehmen. Auf den dazu veröffentlichten Aufnahmen erscheinen nicht nur Hitlers Name und Porträt, sondern zum Beispiel auch das Hakenkreuz als markantes Logo auf einem T-Shirt.
Ob tatsächlich sämtliche der gegenwärtig genannten Einträge noch existieren, lässt sich derzeit nicht unabhängig bestätigen. Das Phänomen selbst ist allerdings keineswegs neu. Ein ägyptisches Branchenverzeichnis führt mehrere Bekleidungsgeschäfte unter Namen wie »Hitler For Clothes« oder »Hetlar For Clothes«. Bereits 2015 gab es Berichte über einen Kleiderladen in der Innenstadt von Kairo, dessen Besitzer nicht nur »Hitler« über den Eingang geschrieben, sondern auch Fassade und Visitenkarten mit Hakenkreuzen versehen hatte.
Der Besitzer Osama Farouq konnte die Aufregung um den Namen seines Ladens nicht recht nachvollziehen. Das Design hat ihm eben gefallen. Einige ausländische Passanten hätten auf seine Schaufensterscheibe gespuckt, andere versucht, das Schild herunterzureißen. Auch einige Ägypter hätten protestiert. Im März 2016 wurde die Geschichte von der Zeitung Gulf News erneut aufgegriffen. Und noch immer erklärte Farouq sinngemäß, Name und Symbol hätten ihm gefallen, deshalb habe er sie verwendet. Mit Politik habe das in seinen Augen nichts zu tun. Diese Entpolitisierung ist selbst politisch. Gerade die Behauptung, es gehe nur um Ästhetik, zeigt, wie tief antisemitische Bilder im Alltag verankert sind.



(Quelle: Screenshot Instagram @combatantisemitism. Zur Vergrößerung auf Bilder klicken)
Eine alte Geschichte
Hitlers Nachleben in Teilen der arabischen Welt lässt sich nicht von einem Antisemitismus trennen, der sich im Panarabismus des 20. Jahrhunderts mit Antizionismus, Verschwörungserzählungen und dem Kampf gegen Israel verschränkte. Die Vernichtung der europäischen Juden wurde relativiert, ausgeblendet oder gegen die Gründung Israels aufgerechnet, während Hitler gerade wegen seines Judenhasses zur positiven Projektionsfigur werden konnte. Aus dem deutschen Diktator wurde so mitunter weniger der Verantwortliche für einen beispiellosen Massenmord als ein vermeintlich kompromissloser Feind der Juden – und damit eine Figur, die sich in einen ganz anderen politischen Mythos einfügen ließ.
Antisemitismus in Ägypten besitzt eine Geschichte, die älter ist als der Staat Israel, und in der europäische, nationalistische und islamistische Traditionen ineinandergriffen. Bereits Ende der 1930er Jahre versuchte das nationalsozialistische Deutschland gezielt, seine Propaganda in der arabischen Welt zu verbreiten. Die Nationalsozialisten präsentierten sich dabei nicht zuletzt als Gegner des britischen und französischen Imperialismus und verbanden diese Botschaft mit ihrem Kampf gegen die Juden.
Ägypten spielte dabei eine besondere Rolle. Die 1928 gegründete Muslimbruderschaft machte den Konflikt um Palästina seit den 1930er Jahren zu einem zentralen Mobilisierungsthema. Dabei wäre es verkürzt, ihre Ideologie schlicht mit dem deutschen Nationalsozialismus gleichzusetzen. Das Verhältnis der Muslimbrüder zu Faschismus und Nationalsozialismus war komplexer, als solche Gleichsetzungen nahelegen. Unübersehbar waren jedoch die ideologischen Berührungspunkte im Antisemitismus.
Nach 1945 verschwand dieses Gemisch nicht. Mit der Gründung Israels erhielt es vielmehr ein neues politisches Zentrum. Einer der einflussreichsten ägyptischen Ideologen dieser Entwicklung war Sayyid Qutb, der spätere Vordenker der Muslimbruderschaft. In seinem Essay »Unser Kampf mit den Juden« von 1950 verschmolz er religiösen Antijudaismus mit modernen europäischen Verschwörungsmythen, darunter Vorstellungen aus den »Protokollen der Weisen von Zion«, einer Fälschung des zaristischen Geheimdiensts. Auch Hitlers eigenes Buch über seinen »Kampf mit den Juden« verschwand keineswegs aus der Region. Eine vollständige arabische Version von »Mein Kampf« erschien 1963, eine weitere Ausgabe 1995. Der Nationalsozialismus war damit nicht nur Gegenstand historischer Erinnerung, sondern blieb Teil eines politischen und publizistischen Resonanzraums, in dem sich europäischer Antisemitismus mit lokalen ideologischen Traditionen verbinden konnte.
Muslimbruderschaft agiert aus dem Exil

Der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der anschließende Krieg im Gazastreifen wirkten wie ein Katalysator auf bereits bestehende antisemitische Ressentiments. Auch in Ägypten fanden alte Feindbilder im Kontext des Krieges neue Anlässe und Verbreitungswege. Die in Ägypten verbotene Muslimbruderschaft agiert heute maßgeblich aus dem Exil, insbesondere aus der Türkei und Katar. Ihre Medienkanäle werden seit dem 7. Oktober 2023 auch zur Verbreitung antisemitischer und antizionistischer Narrative genutzt.
Salah Abd al-Haq, Führer des sogenannten Türkei-Flügels der ägyptischen Muslimbruderschaft, erklärte im Juni 2025: »Die Muslimbruderschaft hat keinen Zweifel daran, dass unser Feind das zionistische Gebilde ist. Und die primäre Waffe, an der wir festhalten müssen, ist die Einheit der Umma [i.e. der islamischen Nation].«
Der mit der Muslimbruderschaft verbundene Kleriker Ali al-Qaradaghi, Generalsekretär der International Union for Muslim Scholars (IUMS), bezeichnete auf einer Konferenz in der Türkei im August 2026 den politischen Aufstieg von Persönlichkeiten wie Zohran Mamdani und Abdul El-Sayed als »Segnungen der Al-Aqsa-Flut« – und verwendete dabei jene Bezeichnung, die die Hamas selbst für ihr Massaker vom 7. Oktober 2023 verwendet. »Wenn die Al-Aqsa-Flut nicht gewesen wäre und die Zionisten nicht beschämt worden wären, wäre das, was in Europa und Amerika geschieht, nicht möglich.« Der Massenmord der Hamas erscheint in einer solchen Deutung nicht als Verbrechen, sondern als historischer Wendepunkt, dessen vermeintliche politische Erfolge gefeiert werden können.
Damit führt der Weg zurück zum Friseursalon. Der »Hitler«-Friseur ist weder eine bloße Kuriosität noch ein Beweis dafür, dass Ägypten ein Land überzeugter Nationalsozialisten wäre. Die aktuellen Bilder mögen auf den ersten Blick grotesk, vielleicht sogar lächerlich erscheinen. Tatsächlich zeigen sie, wie der Antisemitismus gerade durch seine Banalisierung fortleben kann. Wer das Hakenkreuz nur als historisches Relikt betrachtet, verkennt deshalb seine gegenwärtige Funktion. Seine antisemitische Bedeutung verschwindet nicht dadurch, dass es zur Pop-Ikone, zum T-Shirt-Motiv oder zum Namen eines Friseursalons wird. Sie lebt gerade in dieser beiläufigen Verwendung fort.
Denn die verstörende Obsession mit Hitler in Teilen der arabischen Welt ist nicht vom Himmel gefallen, sondern hat eine Geschichte. Sie speist sich aus politischen und ideologischen Allianzen, die bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreichen und nach dessen Niederlage keineswegs verschwanden. Verändert hat sich vor allem ihre Form. Der Nationalsozialismus wurde seines historischen Zusammenhangs entkleidet, während eines seiner zentralen Motive anschlussfähig blieb – die Vorstellung vom Juden als einem ebenso mächtigen wie existenziellen Feind.
