Im MENA-Talk mit Jasmin Arémi spricht der österreichische Schriftsteller Sama Maani über seinen aktuellen Roman »Zu Besuch bei Onkel Napoleon«, die Geschichte des Iran und warum er literarisch von »Teheran« und vom »Regime der Islamischen« spricht.
Jasmin Arémi (JA): Was war der Ausgangsimpuls für das Buch »Zu Besuch bei Onkel Napoleon«?
Sama Maani (SM): Ausgangsimpuls war die Serie »Mozart in the Jungle«, eine US-amerikanische Show über ein halb fiktives Symphonieorchester in New York. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, war aber wohl nicht massenwirksam genug und wurde nach vier Staffeln abgesetzt. Das hat mich tatsächlich traurig gemacht. Ich wollte natürlich keine Fortsetzung schreiben, aber ich wollte etwas daraus machen.
So kam mir die Idee, dass Thomas Pembridge, gespielt von Malcolm McDowell, aus seiner Serie in das reale Wien der Gegenwart stürzt und versucht, wieder zurückzukehren. Ursprünglich wollte ich nach drei Teheran-Romanen gar nicht mehr über die Stadt schreiben. Aber am Ende landet Thomas Pembridge mit einigen anderen Figuren in der iranischen Kultserie »Mein Onkel Napoleon«. Daher der Titel »Zu Besuch bei Onkel Napoleon«.
Das Teheran in meinen Romanen ist allerdings nicht identisch mit dem real existierenden Teheran oder dem Iran. Es ist ein halb fiktiver Staat, der viel mit dem heutigen Iran gemeinsam hat, aber nicht mit ihm identisch ist. Deshalb ist bei mir von Teheran die Rede und nicht vom Iran. Der Name Iran gehört für mich eher in die Abendnachrichten als in die Literatur.
JA: Wenn Sie den Roman jemandem erklären müssten, der ihn noch nicht gelesen hat: Worum geht es?
SM: Wie schon kurz angeschnitten: Die Figur Thomas Pembridge aus »Mozart in the Jungle« fällt aus seiner Serie in das Wien der 2020er Jahre und möchte zurück in seine fiktive Welt. Bei diesem Versuch landet er allerdings in »Mein Onkel Napoleon«, einer iranischen Kultserie aus den siebziger Jahren. Dadurch kommen verschiedene Stationen der jüngeren Geschichte Teherans beziehungsweise des Iran ins Spiel.
Eine bedeutende Station ist die konstitutionelle Revolution von 1905 bis 1911. Sie richtete sich gegen die schariabasierte Monarchie der Kadscharen-Dynastie und zielte auf eine parlamentarische Monarchie. Eine mächtige Gegenkraft war der Geistliche Fazlollah Nuri, der argumentierte, der Islam sei mit Demokratie und Gleichberechtigung nicht vereinbar. Er wurde 1909 als Konterrevolutionär hingerichtet. Siebzig Jahre später kamen mit Khomeini gewissermaßen die politischen und religiösen Nachfolger dieser Gegenrevolution an die Macht und machten die Scharia wieder zur Grundlage des Rechts.
Eine weitere Ebene bilden die vierziger Jahre, in denen »Mein Onkel Napoleon« spielt, [die im Roman sogenannte »Revolution der Islamischen«, an deren Vorabend die Serie ausgestrahlt wurde] und schließlich die Gegenwart der Jahre 2022 und 2023, also die Zeit der sogenannten feministischen Revolution. In der Logik meines Romans können Menschen zwischen der Serie und der Außenwelt wechseln. Eine Aktivistin der feministischen Revolution gelangt in die Serie, während eine junge Frau aus deren patriarchaler Welt hinaus in die Teheraner Gegenwart möchte, um sich den Protesten anzuschließen.
Kunst und Realität

JA: Warum sprechen Sie im Roman von den »Islamischen« statt von Islamisten?
SM: Aus einem ähnlichen Grund, aus dem ich von Teheran und nicht vom Iran spreche. Kunst hat mit der empirischen Realität zu tun, sie kann diese kritisieren und eine Utopie entwerfen. Wenn sie jedoch vollständig in dieser Realität aufgeht, ist sie irgendwann keine Kunst mehr, sondern ein soziologischer Bericht oder ein politisches Pamphlet. Ich glaube, ich habe instinktiv versucht, den Bezug zur Realität zu bewahren, ohne einen Reisebericht oder ein politisches Manifest über die Islamische Republik zu schreiben.
JA: Teheran ist in Ihren Büchern zugleich Schauplatz, Erinnerung und politischer Raum. Was bedeutet die Stadt für Sie?
SM: Eigentlich alles davon. Ich bin in Graz geboren, habe aber ungefähr sieben Jahre meiner Kindheit in Teheran verbracht. Seit der islamischen Revolution war ich nicht mehr dort. Meine Erinnerungen beziehen sich also vor allem auf die 1970er Jahre und damit ungefähr auf jene Zeit, in der »Mein Onkel Napoleon« ausgestrahlt wurde. Ich bin seit vielen Jahren gegen das islamische Regime aktiv und schreibe auch nichtliterarische Texte darüber. Gleichzeitig gibt es aber diese andere, literarische Ebene. In meinen Romanen passieren magische und phantasmatische Dinge, die trotzdem sehr viel mit der Realität zu tun haben.
JA: Welche historischen Schichten wollten Sie im Roman miteinander verschränken?
SM: Die historischen Ebenen haben sich während des Schreibens ergeben. Im Nachhinein finde ich diese Verbindung aber sehr passend, weil man auch die heutigen Entwicklungen im Iran und die Rolle des ehemaligen Kronprinzen kaum verstehen kann, wenn man die Geschichte seit der konstitutionellen Revolution nicht kennt. Das Ziel dieser Revolution war nicht nur Demokratie, sondern zunächst die Errichtung eines weltlichen Rechtssystems anstelle einer schariabasierten Monarchie und der Willkür von König und Feudalherren.
Auch die Pahlavi-Dynastie muss man vor diesem Hintergrund betrachten. Sie regierte größtenteils autoritär, stand aber zugleich für eine Modernisierung des Landes. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten nur sehr wenige Menschen lesen und schreiben, es gab kaum Frauenbildung und kaum Frauenrechte. Das änderte sich während der Pahlavi-Zeit schrittweise. 1963 revoltierte Khomeini unter anderem gegen die Landreform des Schahs und gegen das Frauenwahlrecht. Solche historischen Zusammenhänge muss man kennen, um zu verstehen, warum sich heute Teile der iranischen Opposition auf die Pahlavis beziehen.
Iranischer Protest und westliche Gleichgültigkeit
JA: Eine wichtige Rolle spielt im Roman die »feministische Revolution«. Was bedeutet dieser Begriff für Sie?
SM: Mein vorheriger Roman »Žižek in Teheran«erschien Anfang 2021. Darin wird bereits eine Frauenrevolution beschrieben. Eineinhalb Jahre später begann nach der Ermordung von Jina Amini die Bewegung »Frau, Leben, Freiheit«. Wer sich mit dem Iran beschäftigt, konnte sehen, dass Frauen zu den am stärksten unterdrückten Gruppen gehören und deshalb eine zentrale Rolle im Widerstand spielen würden.
So gibt es im Iran eine lange Tradition von Frauenbewegungen. Schon 1848 nahm die Dichterin und Theologin Tahereh öffentlich ihren Schleier ab. Auch während der konstitutionellen Revolution spielten Frauen eine zentrale Rolle. Trotzdem erhielten sie nach dem Sieg dieser kein Wahlrecht. Man könnte sagen, dass Frauen damals für die Befreiung der Gesellschaft kämpften, in der Hoffnung, dass daraus später auch ihre eigene Befreiung folgen würde. 2022 kehrte sich dieses Verhältnis gewissermaßen um. Deshalb halte ich den Begriff der feministischen Revolution für berechtigt. Sie hat die Islamische Republik zwar nicht abgeschafft, aber gesellschaftlich sehr viel verändert.
JA: Würden Sie auch bei den Protesten von Ende 2025 und Anfang 2026 von einer Revolution sprechen?
SM: Das Traurige ist, dass wir im Iran seit Jahren immer neue Protest- und Revolutionsbewegungen erleben, ohne dass dieses Regime bisher gestürzt werden konnte. Im Januar 2026 war die Situation allerdings noch einmal anders. Millionen Menschen gingen auf die Straße, und diesmal ging es nicht um Reformen innerhalb des Systems, sondern um dessen Abschaffung. Viele von uns waren überzeugt, dass das Regime nicht auf Millionen Menschen schießen würde. Das war eine falsche Erwartung. Die Repression war ungeheuer brutal.
Besonders bitter war für mich, wie wenig Resonanz das in westlichen Öffentlichkeiten hatte. Nach der Gewalt gingen außerhalb der iranischen Diaspora kaum Menschen auf die Straße. Als später Israel und die USA das Regime angriffen, gab es dagegen sofort Proteste. Für viele Menschen im Iran und auch für uns in der Diaspora ist diese fehlende Anerkennung eine traumatische Erfahrung. Mein Eindruck ist, dass die realen Menschen in dieser Region in bestimmten politischen Debatten kaum noch als Subjekte vorkommen. Sie werden zur Projektionsfläche westlicher politischer Vorstellungen. Es geht nicht um real existierende Iraner oder Palästinenser, sondern darum, die eigene politische Ideologie und das eigene Gewissen zu bestätigen. Das tut sehr weh.
JA: Ihr Roman arbeitet trotz der politischen Schwere mit Komik, Groteske und Satire. Hat sich nach den Ereignissen dieses Jahres etwas daran verändert?
SM: Ich habe den Roman im November 2025 fertiggestellt. Nach dem, was im Januar vorgefallen ist, habe ich mich gefragt, ob ich diesen spielerischen und humorvollen Ton heute noch genauso anschlagen könnte. Wahrscheinlich nicht. Gleichzeitig kann ich, glaube ich, kaum anders als satirisch über Teheran zu schreiben. Was mir nicht liegt, ist eine Betroffenheitsliteratur, die die Schrecklichkeiten noch einmal reproduziert, um betroffen zu sein. Vielleicht würde ich deshalb im Moment überhaupt keinen Roman über das aktuelle Teheran schreiben.
JA: Hat sich Ihr Blick auf den Iran über die Jahre verändert?
SM: In den Neunzigerjahren, während der Präsidentschaft Mohammad Khatamis, dachte ich wie viele andere, dass Reformen innerhalb des Systems vielleicht möglich seien. Heute ist »Reformist« für viele Menschen im Iran beinahe ein Schimpfwort. Die Erfahrung war, dass diese Reformen das System nicht grundsätzlich verändern, sondern letztlich stabilisieren.
Außerdem war ich davon überzeugt, dass das Regime nicht mehr bestehen könnte, wenn wirklich einmal Millionen Menschen gegen das System auf die Straße gehen. Darin habe ich mich geirrt. Und ich hätte nicht erwartet, wie israelsolidarisch viele Iranerinnen und Iraner heute sind. Das sieht man auch bei Demonstrationen der iranischen Diaspora, auf denen sehr viele israelische Fahnen zu sehen sind. Natürlich ist Krieg etwas Schreckliches. Niemand möchte, dass Bomben in seiner Nachbarschaft einschlagen oder die eigene Familie gefährdet wird.
Trotzdem gibt es Menschen im Iran, die selbst unter diesen Umständen einen Angriff auf das Regime begrüßen. Ich glaube, es ist falsch, ihnen einfach vorzuwerfen, sie seien dafür, dass ihr eigenes Land bombardiert wird. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie verzweifelt müssen Menschen sein, wenn sie sich trotz aller Gefahren eine militärische Intervention wünschen, weil sie keine Möglichkeit mehr sehen, ein Regime aus eigener Kraft zu beseitigen, das seit Jahrzehnten Krieg gegen sie führt?
