Sinnvoller Wandel hin zu mehr Freiheit im Nahen Osten beginnt mit einer ehrlichen Einschätzung der Realität, wie sie ist – und nicht, wie wir sie uns erhoffen.
Faisal Saeed Al Mutar
Seit Beginn des Krieges zwischen den USA, Israel und dem Iran habe ich versucht, den Konflikt anders zu betrachten als viele der Stimmen, die in den sozialen Medien, in Fernsehdiskussionen und in politischen Debatten dominieren. Anstatt von dem von mir gewünschten Ergebnis auszugehen, habe ich versucht, mich an die Fakten zu halten, auch wenn diese unpopulär oder unbequem sind.
Diese Herangehensweise mag selbstverständlich klingen, doch Krieg macht sie ungewöhnlich schwer. Konflikte erzeugen einen enormen Druck, Partei zu ergreifen, sich einem Lager anzuschließen und jede Entwicklung durch die Brille der Loyalität zu interpretieren. Sobald das geschieht, rückt jede ernsthafte Analyse in den Hintergrund. Beweise werden nur dann als aussagekräftig angesehen, wenn sie eine Schlussfolgerung stützen, zu der die Betroffenen bereits gelangt sind. Ich habe beobachtet, wie sich dieses Muster im gesamten Nahen Osten wiederholt, und dieser Krieg bildet da keine Ausnahme.
Die Arbeit meines Kollegen und meine eigene im Rahmen von Ideas Beyond Borders basiert auf der Überzeugung, dass Gesellschaften in der Region freier, offener und wohlhabender werden können. Diese Werte liegen mir sehr am Herzen und sind der Grund, warum ich mein gesamtes Berufsleben dieser Arbeit gewidmet habe. Doch der Glaube an die Freiheit und die mühsame Arbeit, die nötig ist, um sie zu verwirklichen, entbindet uns nicht davon, uns der Realität zu stellen. Im Gegenteil: Jeder, der es ernst meint mit dem Wunsch, die Welt zu verändern, hat die Pflicht, sie so zu verstehen, wie sie ist – und nicht so, wie wir sie gerne hätten.
Deshalb habe ich mich bewusst dagegen entschieden, öffentlich für irgendeine Seite Partei zu ergreifen. Ich wollte verstehen, was vor Ort tatsächlich geschah. Durch unsere Arbeit in der gesamten Region haben wir Zugang zu Quellen, die von Experten, die eine bestimmte Agenda verfolgen oder ein spezifisches Ergebnis anvisieren, oft übersehen werden. Über unser Publikum, unsere Partner, Gespräche vor Ort, Medienbeobachtung und immer ausgefeiltere Stimmungsanalysen erfahren wir in Echtzeit von Menschen, die diese Ereignisse hautnah miterleben. Ihre Sichtweisen unterscheiden sich oft stark von den vorherrschenden Narrativen, die online kursieren.
Annahmen hinterfragen
Eine der ersten Annahmen, die ich zu Beginn des Krieges in Frage stellte, war die Vorstellung, dass die Islamische Republik kurz vor dem sofortigen Zusammenbruch stehe. Das erschien mir nie besonders überzeugend. Das liegt nicht daran, dass das Regime in jeder Hinsicht stark wäre. Es steht unter erheblichem wirtschaftlichem, sozialem und politischem Druck und genießt keinesfalls die uneingeschränkte Unterstützung der Iraner. Doch Vorhersagen eines bevorstehenden Zusammenbruchs ignorieren oft, wie solche Systeme tatsächlich funktionieren.
Die Islamische Republik ist nicht einfach nur eine Regierung. Sie ist ein dichtes Netzwerk aus Institutionen, Sicherheitsdiensten, religiösen Autoritäten, wirtschaftlichen Interessengruppen, Patronagesystemen und konkurrierenden Machtzentren, das sich über fast ein halbes Jahrhundert hinweg entwickelt hat. Systeme wie dieses verschwinden in der Regel nicht über Nacht.
Der Iran verfügte zudem über etwas, was vielen seiner Nachbarn fehlte: Zeit zum Beobachten und Lernen. Die Führung in Teheran beobachtete, wie Saddam Hussein im Irak stürzte, Libyen nach Gaddafi zusammenbrach, der Arabische Frühling einst als stabil geltende Regierungen entmachtete und Syrien kurz vor dem Zerfall stand. Sie analysierte militärische Interventionen, Sanktionskampagnen, Aufstände, Revolten und Bürgerkriege. Wie jedes Regime, dessen Fokus auf dem Überleben liegt, zog sie aus jedem dieser Ereignisse Lehren.
Eines der hartnäckigsten Missverständnisse über autoritäre Systeme ist, dass sie statisch seien. Das sind sie nicht. Sie untersuchen die Fehler der anderen, passen ihre Institutionen an und verfeinern die Instrumente der Überwachung, Zwangsausübung und politischen Kontrolle. Die Islamische Republik hat Jahrzehnte damit verbracht, zu untersuchen, warum Regime stürzen und was ihnen hilft, Bestand zu haben. Ob wir diese Realität akzeptabel finden, ist nebensächlich. Die Weigerung, sie anzuerkennen, macht sie nicht weniger wahr.
Eine weitere Annahme, die ich wenig plausibel fand, war die Überzeugung, dass sich gewöhnliche Iraner ganz selbstverständlich mit ausländischen Mächten verbünden würden, nur weil sie bestimmte Aspekte ihrer eigenen Regierung ablehnen. Das zeugt von einem oberflächlichen Verständnis dafür, wie sich Menschen in Krisenzeiten verhalten.
Diejenigen, die in einem Land leben, erleben einen Krieg anders als diejenigen, die ihn aus dem Ausland beobachten. Wenn Bomben fallen, sich die Wirtschaftslage verschlechtert und der Alltag von Unsicherheit geprägt ist, verschieben sich die politischen Prioritäten. Nationale Identität, Angst, Überleben, familiäre Verpflichtungen und sozialer Druck können dringlicher werden als Ideologie. Das bedeutet nicht, dass die Menschen plötzlich zu Anhängern des Staates werden, aber ihre Entscheidungen werden komplizierter, als Außenstehende oft annehmen.
Mir ist auch eine sich vergrößernde Kluft zwischen Teilen der iranischen Diaspora und vielen Menschen im Iran selbst aufgefallen. Dies ist kein Phänomen, das nur den Iran betrifft; ähnliche Spannungen gibt es im Irak, in Syrien, im Libanon, in Venezuela, auf Kuba und anderswo. Diejenigen, die im Ausland leben, verfügen oft über die Sicherheit und Freiheit, sich für Entwicklungen einzusetzen, deren Folgen sie nicht direkt zu tragen haben. Diejenigen im Land müssen die Risiken anders abwägen, da sie mit den Folgen leben müssen, was auch immer daraus wird. Keine der beiden Perspektiven ist von vornherein unberechtigt, aber die eine als repräsentativ für die andere zu betrachten, kann zu schwerwiegenden analytischen Fehlern führen.
Was mich während dieses Konflikts am meisten beunruhigte, waren nicht Meinungsverschiedenheiten. Meinungsverschiedenheiten sind notwendig. Es war das Ausmaß, in dem die Menschen mehr daran interessiert zu sein schienen, eine bestimmte Erzählung zu verteidigen, als die komplexeren Wahrheiten zu verstehen. Zu viele Kommentatoren fragten nicht: »Was passiert da eigentlich?« Sie fragten: »Was möchte ich, dass passiert?« Das sind nicht dieselben Fragen.
Wunsch und Realität
Ich glaube fest an Hoffnungen und Ziele. Meine Arbeit beruht auf der Überzeugung, dass sich Gesellschaften zum Besseren verändern können. Ohne diesen Glauben gibt es keinen Grund, sich für Veränderungen einzusetzen. Doch Hoffnungen und Ziele, die losgelöst von der Realität sind, richten mehr Schaden als Nutzen an. Die Herausforderung besteht darin, beides gleichzeitig zu bewahren: den Mut, sich eine bessere Zukunft vorzustellen, und die Disziplin, die Gegenwart ehrlich einzuschätzen.
Während des gesamten Krieges bin ich an jede Entwicklung herangegangen, indem ich drei separate Fragen gestellt habe: Was möchte ich, dass geschieht? Was ist möglich? Und wie sieht die Realität vor Ort aus? Im Nahen Osten widersprechen sich die Antworten auf diese Fragen oft. Die Region hat eine Art, vereinfachendes Denken zu entlarven und diejenigen zu bestrafen, die Hoffnung mit Wahrscheinlichkeit verwechseln. Sie widersetzt sich pauschalen ideologischen Rahmenkonzepten und zwingt uns immer wieder, uns mit Komplexitäten auseinanderzusetzen, denen wir lieber ausweichen würden.
Die Erkenntnis, dass ein Regime Durchhaltevermögen besitzt, bedeutet nicht, es zu bewundern. Das Anerkennen der Grenzen einer Strategie bedeutet nicht, das dahinterstehende Ziel abzulehnen. Allzu oft wird die Beschreibung der Realität als eine Form der Verteidigung oder Befürwortung angesehen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Das Verständnis der Realität ist die erste Voraussetzung, um sie zu verändern.
Da der Konflikt mit dem Iran den Nahen Osten weiterhin neu prägt, hoffe ich, dass mehr Menschen dem Druck widerstehen, zuerst Parteigänger und erst in zweiter Linie Beobachter zu sein. Die Zukunft der Region wird nicht von den Narrativen bestimmt, die wir bevorzugen, sondern von den Realitäten, denen wir uns stellen wollen. Und wenn wir wirklich etwas Besseres aufbauen wollen, muss Ehrlichkeit gegenüber der Welt, wie sie ist, Vorrang haben vor der Zuversicht hinsichtlich der Welt, wie sie sein könnte.
Faisal Saeed Al Mutar ist Gründer und Präsident von Ideas Beyond Borders – Reshaping the future of the Middle East. (Der Beitrag wurde auf Englisch bei Middle East Uncovered veröffentlicht. Übersetzung von Alexander Gruber.)
