Iran-Krieg: »Lasst uns nicht mit dieser terroristischen Regierung allein«

Trotz der Schrecken des Kriegs hoffen viele Iraner auf dessen Fortsetzung bis zum Ende des Regimes

Neben dem Vorwurf der Völkerrechtswidrigkeit wird gegen den Iran-Krieg auch gerne das Argument vorgebracht, er könnte eine Fluchtwelle anstoßen. Ein iranischer Dissident widerspricht.

Menschen, die Stimmen aus dem Iran verbreiten, die zu einer humanitären Intervention aufrufen, würden oft als Kriegstreiber abgestempelt, schrieb die iranische Schauspielerin und Menschrechtsaktivistin Nazanin Boniadi kürzlich in einem Social-Media-Thread. Damit diese Stimmen aber nicht untergehen, wolle sie eine typische Nachricht mit der westlichen Welt teilen, die sie und die Journalistin Roxana Saberi von einem Dissidenten und ehemaligen Mitglied der sogenannten Reformer innerhalb des Regimes über Starlink aus dem Iran erhalten habe.

Krieg sei »grausam und bitter«, beginnt die Nachricht des anonym bleibenden Dissidenten. »Wenn man Rauch- und Feuersäulen über den Städten und Straßen des eigenen Landes aufsteigen sieht, erfüllt einen das mit Trauer. Das sollte nicht unser Schicksal sein.« Die Iraner hätten alles in ihrer Macht Stehende getan, um zu verhindern, dass es so weit kommt, »aber die terroristische Regierung der Islamischen Republik hat es nicht zugelassen. Auch jetzt noch liegt die Hauptverantwortung für all diese Zerstörung bei ihr.«

Die größte und wichtigste Sorge der überwiegenden Mehrheit der Menschen sei, dass US-Präsident Donald Trump sich plötzlich einer anderen Strategie besinnen und seine Streitkräfte abziehen könnte, bevor er die Sache zu Ende gebracht hat. In Teheran gerieten die Menschen schon in Panik, wenn auch nur ein halber Tag ohne den Lärm von Kampfflugzeugen oder Bombardements vergeht und fragten sich, was passiert sei und warum die USA nicht zugeschlagen hätten.

»Ein Freund von mir lebt im Norden Teherans. Eines Tages gegen Mittag rief er an und sagte: ›Hier war den ganzen Vormittag über nichts los. Ich dachte, ich bekomme vor Angst einen Herzinfarkt. Aber Gott sei Dank kamen sie vor etwa einer Stunde und haben die Gegend heftig getroffen.‹ Ein anderer Freund, der im Süden Teherans lebt, rief freudig an und sagte: ›Letzte Nacht haben sie diesen Ort so heftig getroffen, dass diese Bastarde bis zum Morgen gezittert haben.‹ Ich persönlich habe Hunderte solcher Nachrichten erhalten.«

Keine Fluchtwelle

Die Situation sei ähnlich wie zu jener Zeit, als Verhandlungen im Gange waren. Damals hätten alle große Angst gehabt, die Amerikaner könnten erneut getäuscht werden und einen Deal mit dem Regime abschließen. Jedes Mal, wenn sich die Nachricht vom Scheitern der Gespräche verbreitete, hätten die Menschen dies mit Erleichterung und Jubel begleitet. Und wann immer die Aussicht auf eine Einigung auch nur geringfügig stieg, hätten sich die Menschen gegenseitig beruhigt: »Keine Sorge. Trump und Netanjahu lassen sich von ihnen nicht täuschen.«

Als Beleg für die Unterstützung des Kriegs durch die Iraner führt der Dissident an, dass es keine große Flucht- und Migrationswelle aus dem Iran gab. »Die Menschen warten darauf, dass die Unterdrückungskräfte des Regimes zerschlagen werden, damit sie ihr Land zurückerobern und wieder aufbauen können.« Ein Massenexodus werde erst dann einsetzen, wenn von einem Waffenstillstand die Rede ist, während die Terroristen noch immer den Iran beherrschen. Zu diesem Zeitpunkt sollte sich Europa auf einen Zustrom iranischer Migranten einstellen.«

Wäre der aktuelle Krieg nicht ausgebrochen, dann wären zwei Dinge geschehen: Eine massive Migrationswelle in den Westen und ein Ausbruch öffentlicher Wut unter den Menschen bis hin zu gewaltsamen Angriffen auf das Regime. Warum versteht der Westen, »dass für die Iraner diese Kriegsrunde eigentlich am 8. und 9. Januar begann, als das Regime das Feuer auf unbewaffnete Zivilisten eröffnete und innerhalb von zwei Nächten Zehntausende tötete?«, heißt es in der von Boniadi verbreiteten Nachricht.

In Bezug auf die angeblichen Verhandlungen der USA mit Regimekräften, die einen Friedensschluss gewährleisten könnten, kritisierte das ehemalige Mitglied des sogenannten Reformlagers, dass diese blauäugig sei, insofern sich das Regime ein ums andre Mal als nicht reformfähig erwiesen habe:

»Trump scheint zu glauben, wir hätten den von ihm vorgeschlagenen Weg noch nicht in Betracht gezogen oder ausprobiert. Sagen Sie ihm, dass wir von 1997 bis 2019 – zweiundzwanzig Jahre lang – genau diesen Weg versucht haben: Innerhalb des Systems nach jemandem zu suchen, der sowohl den Zusammenbruch des Landes verhindern als auch die Beziehungen zur Welt normalisieren könnte. Wir haben es versucht. Es ist gescheitert. Diese Option existiert nicht. Sie sind viel zu optimistisch, was diese Terroristen angeht.«

Ob der Westen glaube, die Menschen hätten sich in jüngster Zeit vermehrt hinter »den Prinzen« Reza Pahlavi gestellt, nur weil sie ihn, seinen Vater oder seinen Großvater, die beiden Schahs der Pahlavi-Dynastie, mögen, fragt der Dissident in seiner Nachricht. Einige mögen durchaus Zuneigung empfinden, doch generell sei etwas anderes und tiefergehendes am Werk: Die Iraner wollen nicht, dass das Land auseinanderfällt und würden »die Monarchie als Symbol für den Schutz der Nation« ansehen. Es sei dieselbe Sorge, die auch Trump umtreibe, dass nach einem Regimesturz Chaos ausbrechen könnte, die Pahlavi zu einer Symbolfigur habe werden lassen, von der man hofft, sie sei »in der Lage, das Land durch die Turbulenzen zu führen und es sicher in den Hafen zu bringen«.

Ins Visier nehmen

Eine weitere Sorge, welche die Menschen derzeit umtreibe, sei die Frage, warum die politischen Führer wie Präsident Massud Peseschkian oder Außenminister Abbas Araghchi nicht ausgeschaltet werden und es den Anschein hat, dass auch die repressiven Kräfte des Regimes nicht weiter unschädlich gemacht würden. Diese haben ihre Gebäude, Hauptquartiere und Garnisonen »geräumt und bewegen sich nun frei unter der Bevölkerung, bewaffnet mit Kalaschnikows, und verbreiten Angst. Sie sind es, die ins Visier genommen werden sollten.« Ob der Westen ernsthaft auf deren Überlaufen warte, fragt der Dissident, um zu entgegnen, dass sie gezielt angegriffen werden müssten. »Die Geistlichen und die politische Führung müssen ins Visier genommen werden. Was bringt es, leere Gebäude anzugreifen?«

Sein wichtigster Punkt sei letztlich folgender, schließt der zitierte Dissident seine Nachricht:

»Wenn Trump aufgibt und aus irgendeinem Grund abzieht, wird die Islamische Republik als entscheidender Sieger aus dem Krieg hervorgehen. Das ist alles. Bitte verschaffen Sie unseren Stimmen Gehör. Lassen Sie sich nicht von der Linken oder von der Propaganda der Terroristen der Islamischen Republik im Westen überwältigen. Lassen Sie uns nicht allein mit dieser terroristischen Regierung.«

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