Ein mittelalterliches islamisches Werk, das bis vor kurzem in den Regalen der französischen Handelskette Fnac stand und auch bei Amazon verkauft wurde, hat in Frankreich Empörung ausgelöst.
In dem Buch heißt es etwa: »Der Messias wird Juden und Christen töten«, »Die Hinrichtung eines passiven Homosexuellen ist besser für ihn als Sodomie«, »Wir müssen das höchste Gebäude der Stadt finden, den Homosexuellen von dort herunterstürzen und ihn dann steinigen«, »Homosexualität gehört zu den größten Übeln«. Ebenfalls verstörend: »Es gibt keine gesetzliche Strafe für die Sodomie an einem Tier oder für den Geschlechtsverkehr mit einer toten Frau.«
Fnac ist eine große französische Einzelhandelskette, die vor allem für den Verkauf von Büchern, Medien, Elektronik und kulturellen Produkten bekannt ist. Sie sieht sich selbst nicht nur als Händler, sondern auch als Kultur- und Begegnungsort: In vielen Läden finden regelmäßig Veranstaltungen, Lesungen und kulturelle Events statt, und das Unternehmen unterstützt Literaturpreise wie z. B. den Prix du Roman Fnac.
Die Zitate stammen aus dem Werk Ad-Daʾ wa ad-Dawaʾ (deutsch: Die Krankheit und ihre Heilung) von Ibn al-Qayyim (1292–1350), einem bedeutenden islamischen Gelehrten, Theologen und Rechtsgelehrten (Faqih) des 14. Jahrhunderts. Er gehörte der hanbalitischen Rechtsschule an und war einer der bekanntesten Schüler von Ibn Taymiyya (1263–1328).
Yohan Pawer, Präsident der aktivistischen Homosexuellenvereinigung Collectif Éros, machte die französische Öffentlichkeit im Januar in einem über die sozialen Medien verbreiteten Video darauf aufmerksam und fügte hinzu, dass man das Buch auch mit dem »Pass Culture« (Kulturpass) bezahlen könne. Das ist ein digitales Guthaben, das Jugendliche in Frankreich bekommen, um damit kulturelle Aktivitäten und Bücher zu bezahlen.
In dem Video geht er in eine Buchhandlung von Fnac und spricht eine Verkäuferin auf den Inhalt an: Wie könne Fnac ein Buch verkaufen, das zur Tötung von Homosexuellen aufrufe? Die Verkäuferin entgegnet: »Wir verkaufen auch Zemmour.« Eric Zemmour ist ein Journalist, der 2022 bei den Präsidentschaftswahlen als rechtsgerichteter Kandidat auftrat und sieben Prozent der Stimmen erhielt. Er fiel in der Vergangenheit durch polemisch zugespitzte Äußerungen zum Islam auf. In einer Radiosendung auf RTL sagte Zemmour am 17. November 2015, wenige Tage nach den Terroranschlägen in Paris: »Anstatt Raqqa zu bombardieren, sollte Frankreich (den Brüsseler Stadtbezirk) Molenbeek bombardieren, von wo die Kommandos des Freitag des 13. kamen.«
Ibn al-Qayyims Buch wird in Frankreich unter dem Titel Péchés et Guérison (deutsch: Sünden und Heilung) von der Éditions Tawbah herausgegeben, die auf islamische Literatur spezialisiert ist – in einer Buchreihe mit anderen (Moral-)Schriften des Islam.
Normalisierung des Salafismus?
Es gibt keinen Grund, klassische Werke der Literatur nicht mehr zu drucken, um sie Geschichtsinteressierten zur Verfügung zu stellen. Doch die Herausgeber bewerben den Inhalt auf der Rückseite als Ratgeber für heutige Menschen und als Ausweg aus einem Leben in »Sünde«. Im Untertitel wird auf die Autorität von Scheich Muhammad Nasir al-Din al-Albani (1914–1999) verwiesen, der ein Spezialist für die Überprüfung (Authentifizierung) von Hadithen war und die in dem Buch enthaltenen Hadithe angeblich für authentisch erachtet habe.
Hadithe sind Überlieferungen über die Aussagen, Handlungen oder stillschweigenden Billigungen des Propheten Mohammed. Neben dem Koran bilden sie eine zentrale Quelle des islamischen Glaubens und Rechts. »Der Verkauf salafistischer Literatur durch große Einzelhändler spiegelt eine gewisse Normalisierung radikaler salafistischer Normen innerhalb des Islams in Frankreich wider«, schreibt die Wochenzeitung Le Journal du Dimanche.
Der Vizepräsident des Rassemblement National (RN), Sébastien Chenu, wandte sich an die Staatsanwältin Laure Beccuau, um die »schwerwiegenden Aussagen« in dem Buch anzuzeigen. »Hass und Gewalt haben in unserer Republik keinen Platz«, betonte er. Fnac verkaufe »ganz ungerührt Bücher islamistischer Fanatiker, die zum Mord an Homosexuellen, Juden und Christen aufrufen«, sagte Julien Odoul, Abgeordneter des Rassemblement National, und befragte Kulturministerin Rachida Dati zum Kulturpass: »Wird sie ihr Schweigen brechen?«
»Wie so oft ist die Empörung der extremen Rechten selektiv und dient in erster Linie der islamophoben Ideologie ihrer Anhänger«, erwidert ein Autor des Literaturmagazins ActuaLitté: »Tatsächlich ist die Verurteilung von Homosexualität in gewisser Weise ein gemeinsamer Grundsatz monotheistischer Religionen. In der Bibel und der Tora findet sie sich im Buch Levitikus unter der Überschrift ›Sexuelle Verbote‹: ›Du sollst nicht mit einem Mann schlafen wie mit einer Frau; es ist ein Gräuel.‹«
Der Autor führt weitere Bibelstellen an, die seine These belegen sollen. Abgesehen davon, dass es im biblischen Originaltext keine solche „Überschrift“ gibt, sind seine Angaben korrekt. Ein elementarer Unterschied ist jedoch, dass weder Juden noch Christen Moralschriften veröffentlichen, in denen zur Ermordung von Homosexuellen aufgerufen wird; täten sie das, wäre das ein Fall für die Staatsanwaltschaft.
Es gibt im Buchhandel auch historische Werke aus der Zeit der Hexenverfolgung wie etwa De la démonomanie des sorciers (deutsch: Über den Wahnsinn der Hexen) von Jean Bodin (1530–1596) oder den Hexenhammer (Malleus Maleficarum) von Heinrich Kramer und Jacob Sprenger (1486). Man kann diese Werke ohne Schaden für den gesellschaftlichen Frieden verkaufen, weil nicht die Gefahr besteht, dass sie jemand als Handlungsanweisung für Hexenverbrennungen in der heutigen Zeit benutzen wird. Das unterscheidet diese Bücher – wie auch Bibelstellen über die Todesstrafe durch Steinigung für Ehebruch, Homosexualität oder Nichtbeachtung des Sabbats – von einem Werk wie Péchés et Guérison in der vorliegenden Form, dessen Inhalt ausweislich von Kundenrezensionen im Internet sehr wohl als aktuell gelesen wird.
Fehlende Historisierung
»Der jetzt diskutierte Fall aus Frankreich verweist auf ein grundlegendes Problem, das keineswegs neu ist«, sagt der Historiker, Soziologe und Antisemitismusforscher Günther Jikeli von der Universität Indiana. »In Schriften islamischer Gelehrter finden sich Passagen, die aus heutiger Perspektive eindeutig homophob oder antisemitisch sind.« Das betreffe nicht nur Texte aus dem Mittelalter, sondern auch Werke jüngerer Zeit – etwa Schriften des 2010 verstorbenen Großimams der Al-Azhar-Universität, Muhammad Sayyed Tantawi, eines der einflussreichsten sunnitischen Gelehrten des 20. Jahrhunderts.
Das Hauptproblem liegt Jikelis Ansicht nach jedoch weniger in der Existenz und der Veröffentlichung solcher Texte als in der Tatsache, dass es im Mainstream des Islams bis heute »keine autoritative theologische Modernisierung« gebe, die problematische Auslegungen »systematisch historisiert und normativ relativiert« – obwohl eine solche Historisierung grundsätzlich möglich sei. Eine Schwierigkeit liegt dabei in zentralen theologischen Prämissen: der Vorstellung vom Koran als wörtlich offenbartem Wort Gottes sowie vom Propheten Mohammed als moralisch vollkommenem Vorbild für alle Zeiten. Diese Annahmen erschweren eine historisch-kritische Distanzierung von überlieferten Normen.«
Offene Gesellschaften müssten solche Texte kritisch einordnen und klare rechtliche Grenzen ziehen, wo Hass oder Gewalt propagiert würden, so Jikeli. »Wer Homophobie und Antisemitismus wirksam bekämpfen will, sollte die Problemlagen benennen – ohne pauschal über ›die Muslime‹ zu sprechen.«
