Mena-Watch-Talk: Proteste im Iran und der demografische Wandel

Mena-Watch-Talk anlässlich der Proteste im Iran mit Thomas von der Osten-Sacken-

Im Mena-Watch-Talk spricht Thomas von der Osten-Sacken über die aktuellen Proteste und den demografischen Wandel, der auch den Iran erfasst hat.

Im ausführlichen Gespräch mit Mena-Watch-Talk analysiert Thomas von der Osten-Sacken die aktuelle Protestwelle im Iran und ordnet sie in einen größeren politischen, gesellschaftlichen und demografischen Kontext ein.

Die seit Wochen andauernden Demonstrationen sind ihm zufolge zwar keine grundsätzlich neue Erscheinung, unterschieden sich jedoch im Ausmaß und in der Brutalität des iranischen Repressionsapparats deutlich von früheren Protestwellen. Sie fänden landesweit statt, von den persischen Kerngebieten bis in kurdische, arabische, belutschische und aserbaidschanische Regionen, und würden mit massiver Gewalt beantwortet.

Laut Berichten gibt es Tausende Tote; die Oppositionswebseite Iran International sprach am Dienstag bereits von zwölftausend oder noch mehr. Der nahezu vollständige Internet- und Kommunikations-Blackout erschwert jedoch jede verlässliche Einschätzung zusätzlich.

Neue Qualität

Im Gespräch betont von der Osten-Sacken, dass die Proteste von einer Bewegung ohne klare Führung getragen werden, vor allem von jungen Menschen, die dem System jede Zukunftsfähigkeit absprechen. Frauen spielten dabei eine zentrale Rolle.

Gleichzeitig zeige sich eine neue Qualität darin, dass erstmals nahezu alle gesellschaftlichen und ethnischen Gruppen gleichzeitig protestieren. Genau darin liege eine mögliche Chance, aber auch ein Risiko: Sollten sich nationale Minderheiten durch persischen Chauvinismus marginalisiert fühlen, könnten sie sich wieder zurückziehen – mit fatalen Folgen für die Protestbewegung.

Große Skepsis äußert von der Osten-Sacken gegenüber der Wirksamkeit reiner Massenproteste. Historisch hätten solche Bewegungen nur dann Erfolg, wenn es zu Brüchen innerhalb des Machtapparats komme oder externe Faktoren eine Rolle spielten. Die Hoffnungen vieler Iraner richteten sich daher auf die USA oder Israel, doch konkrete Unterstützung blieb bislang aus.

Scharfe Kritik übt von der Osten-Sacken an symbolischen Maßnahmen und an Ankündigungen, denen letztlich keine Konsequenzen folgen wie etwa die berüchtigten »roten Linien« US-Präsident Barrack Obamas in Sachen Einsatz von Giftgas in Syrien, die zuerst verkündet und anschließend fallengelassen wurden. Mit solch verantwortungsloser Rhetorik würden falsche Erwartungen geweckt werden und die Menschen vor Ort letztlich schutzlos zurückgelassen.

Demografische Entwicklung

Der Iran sei von der Osten-Sacken zufolge demografisch gesprochen noch immer ein junges Land, doch auch in ihm gibt es die sehr hohen Geburtenraten vergangener Jahrzehnte nicht mehr. Er folge darin einem weltweiten Phänomen: Mit Ausnahme der Sahel-Zone gingen praktisch überall die Geburtenraten zum Teil dramatisch zurück und der Anteil älterer Menschen steige stark an. Daraus resultierende Probleme stellten schon europäische Gesellschaften vor wachsende Probleme; in den zahlreichen weniger wohlhabenden Gesellschaften im Nahen Osten und weltweit würden diese nur umso größer.

Von der sogenannten Gen Z getragene Protestwellen haben sich in den letzten Jahren weltweit in zahlreichen Ländern ereignet. Diese Generation sei global vernetzt, wenig ideologisch und suche und finde neue Protestformen. Islamistische Bewegungen verlören im Gegensatz dazu massiv an Attraktivität und wirkten zunehmend »vergreist« – auch im Nahen Osten. »Wir sehen das ja auch, wenn man heute Hamas-Funktionäre sieht: Das ist der ›älteste Nahe Osten‹. Das sind in großen Möbeln sitzende, dickbäuchige Männer, die Tee trinken, das ist unattraktiv, das kennt man schon lange. So sahen vorher die Saddams und Assads und davor noch die Royalisten aus.«

Überall würden sinkende Geburtenraten, spätere Familiengründungen und stärkere gesellschaftliche Teilhabe von Frauen langfristig soziale Strukturen verändern und alte autoritäre und ideologische Modelle untergraben.

Ein Regime in den letzten Zügen

Für von der Osten-Sacken zeige das System der Islamischen Republik alle Anzeichen eines »sterbenden Regimes«. Es fehle an Legitimität, Zukunftsversprechen und personeller Erneuerung. Die Führung sei überaltert, während die Bevölkerung zunehmend den Bezug zu den ideologischen Gründungsmythen der Islamischen Republik verloren habe. »Für sterbende Regime gilt das Newtonsche Gesetz: Irgendwann fällt der faule Apfel vom Baum.«

Wie und wann der Iran diese Endphase des Regimes hinter sich lassen kann, bleibt offen. Solange die Mullahs noch an der Macht festhalten können, wird das nur um den Preis zunehmend brutaler Gewalt und zahlreicher Opfer möglich sein. Aber eines sei klar: So gut wie niemand glaube mehr, dass die Islamische Republik noch eine Zukunft habe.

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