Während früher der absolut größte Anteil der HIV-Infektionen im Iran durch Drogenkonsum passierte, stellen seit einiger Zeit ungeschützte Sexualkontakte den Spitzenreiter in der Statistik dar.
Im Wartezimmer eines Beratungszentrums für Verhaltensstörungen in Teheran füllt ein zwanzigjähriger Teenager nervös ein HIV-Testformular aus. Dieses Bild ist heute nicht mehr ungewöhnlich. Offizielle Statistiken des iranischen Gesundheitsministeriums und des iranischen Forschungszentrums für HIV und AIDS zeigen, dass sich das HI-Virus im Iran still, aber stetig von Drogenkonsumenten in die Schlafzimmer der Menschen verlagert hat.
Während sich die Prävalenz dieser Krankheit in der Vergangenheit auf die klassischen Randgebiete und älteren Stadtviertel konzentrierte, ist sie durch ungeschützten Geschlechtsverkehr heute in das Zentrum der Gesellschaft vorgedrungen und hat sich von hauptsächlich männlichen Drogenkonsumenten auf Frauen und junge Menschen verlagert.
Was hier stattfindet, ist nicht nur ein epidemiologischer Wandel, sondern das Zeichen einer tiefergehenden Krise, die in der Herangehensweise der Islamischen Republik an die Gesundheitspolitik, die Sexualerziehung und an ihrer ideologischen Auseinandersetzung mit dem Körper und menschlichen Beziehungen begründet liegt.
Von injiziertem zu sexuell übertragenem AIDS
Mehr als zwei Jahrzehnte lang war die offizielle Darstellung von HIV und seiner Verbreitung im Iran eng mit intravenösem Drogenkonsum und der gemeinsamen Nutzung von Spritzen verbunden. Von Mitte der 1990er-Jahre bis etwa 2011 wurden mehr als zwei Drittel der gemeldeten Infektionen auf die gemeinsame Nutzung von Spritzen zurückgeführt. In diesem Zeitraum spielte die sexuelle Übertragung mit etwa zehn Prozent der Fälle nur eine marginale Rolle. Dieser Trend änderte sich jedoch allmählich – und dann abrupt.
Laut dem iranischen Forschungszentrum für HIV und AIDS wurden von Mitte März bis August 2024 65 Prozent der neuen HIV-Infektionen durch sexuelle Übertragung gemeldet – eine Zahl, die zuvor bei gerade einmal 28 Prozent lag. Gleichzeitig ist der Anteil der Übertragungen durch kontaminierte Spritzen rückläufig und auf etwa zehn Prozent gesunken.
Diese Daten zeigen deutlich, dass der Iran in eine Phase eingetreten ist, vor der Experten schon vor Jahren gewarnt haben, in die »dritte AIDS-Welle« und damit in ein Stadium, in dem die sexuelle Übertragung in der Allgemeinbevölkerung dominiert und ungeschützter Geschlechtsverkehr die zentrale Rolle bei der Verbreitung des HI-Virus spielt.
Diese Verschiebung ist kein Zufall. Programme zur Schadensminderung, darunter Methadontherapien, Maßnahmen in Gefängnissen und die Verteilung von Spritzen, haben trotz zunehmender Einschränkung in den letzten Jahren insgesamt erfolgreich dazu beigetragen, die Übertragung durch Spritzen einzudämmen. Was nicht eingedämmt und in der Praxis weitgehend ignoriert wurde, war die sexuelle Übertragung – ein Bereich, der von Anfang an unter dem Schatten von Tabus, Zensur und ideologischen Überlegungen stand und den das Regierungssystem nicht vollständig anerkennen oder angehen wollte.
Feminisierung und Verjüngung der Epidemie
Einer der wichtigsten Indikatoren für den strukturellen Wandel der Epidemie im Iran ist der wachsende Anteil von Frauen unter den HIV-Infizierten. Während Frauen zuvor etwa 19 Prozent der Fälle ausmachten, stieg dieser Anteil von März bis August 2024 auf 32 Prozent. Dieser Anstieg stellt nicht nur eine zahlenmäßige Veränderung dar, sondern ist ein wichtiger Indikator dafür, dass sich die Übertragung von begrenzten Hochrisikogruppen auf breitere Schichten innerhalb der Gesellschaft verlagert hat.
Bei durch Injektionen verursachten Epidemien dominieren in der Regel Männer, insbesondere Drogenkonsumenten. Wenn jedoch ungeschützter Geschlechtsverkehr zum primären Übertragungsweg wird, erhöht sich der Anteil der Infektionen bei Frauen zwangsläufig. Dies gilt insbesondere in einem patriarchalischen sozialen Kontext, in dem die sexuelle Verhandlungsmacht von Frauen gering ist, der Zugang zu Verhütungsmitteln begrenzt und ungleich ist und offene Diskussionen über sexuelle Gesundheit und damit verbundene Faktoren wie geschützten Sex weiterhin als Tabu behandelt werden.
Diese Veränderung des Musters und die steigende HIV-Infektionsrate bei Frauen stehen in direktem Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko der Mutter-Kind-Übertragung, ungewollten Schwangerschaften und einer zusätzlichen Belastung des Gesundheitssystems, obwohl der Iran in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen hat, um die vertikale Übertragung (von der Mutter auf das Kind) einzudämmen. Diese Anstrengungen sind jedoch fragil und ohne wirksame und langfristige Strategien zur sexuellen Prävention nicht nachhaltig.
Offizielle Daten zeigen, dass mittlerweile über 75 Prozent der Infizierten zwischen 20 und 45 Jahre alt sind – ein Lebensabschnitt, der mit sexueller Aktivität, der Gründung von Partnerschaften, der Geburt von Kindern, der Teilnahme am Wirtschaftsleben und dem Höhepunkt der Produktivität zusammenfällt. Das bedeutet, dass HIV im Iran heute den Kern der aktiven Bevölkerung des Landes erreicht hat.
Bevölkerungspolitik
Sozialwissenschaftliche Studien und Forschungen belegen, dass das öffentliche Bewusstsein für die Übertragungswege von HIV nach wie vor gering ist. In einer telefonischen Umfrage im Süden Teherans hatten nur etwa 41 Prozent der Befragten gute Kenntnisse bezüglich der Übertragung; weniger als zehn Prozent hatten sich im vergangenen Jahr auf HIV testen lassen. Diese Wissenslücke ist bei Jugendlichen noch größer. Zwar wird über offizielle Netzwerke, vor allem durch die Regierung, eine gewisse formale Aufklärung angeboten, doch ist die Qualität dieser Programme fragwürdig. Und da es in den Schulen keinen Sexualkundeunterricht gibt, offene Diskussionen in den Medien durch Einschränkungen oder Verbote nicht stattfinden und das Thema einem allgemeinen Tabu unterliegt, ist eine gefährliche Kombination entstanden.
So gehen Jugendliche und junge Erwachsene sexuelle Beziehungen ein, ohne über ausreichende Kenntnisse über sexuell übertragbare Krankheiten zu verfügen.
Ab 2014 wurden auf Anweisung des Obersten Führers Ali Khamenei, die Bevölkerung des Landes bis zum Jahr 2050 auf 150 Millionen zu erhöhen, neue bevölkerungspolitische Maßnahmen umgesetzt. Wie viele andere Maßnahmen des Regimes wurden auch diese ohne Planung und nur nach ideologischen Gesichtspunkten durchgeführt, wodurch der Zugang zu Verhütungsmitteln in Gesundheitszentren effektiv eingeschränkt wurde. Die kostenlose Verteilung von Kondomen ging zurück, Kampagnen zur sexuellen Prävention wurden marginalisiert, und in der offiziellen Rhetorik wurde betont, dass die Steigerung der Geburtenrate eine »nationale Pflicht« sei. Dieser Ansatz hatte vorhersehbare Folgen: einen Anstieg ungewollter Schwangerschaften, die Ausbreitung sexuell übertragbarer Infektionen und letztlich eine Zunahme der sexuellen Übertragung von HIV. Daten aus den Jahren 2022 bis 2025 bestätigen diesen Trend.
Auf die Erhöhung der Geburtenrate hatte die Politik hingegen keinen Einfluss, im Gegenteil: Angesichts steigender Inflation, Sanktionen und zunehmendem wirtschaftlichem Druck scheuen sich viele, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Über diesen gescheiterten Weg hinaus wurden der Gesellschaft durch die völlige Vernachlässigung der HIV-Prävention neue Kosten auferlegt.
Stigmatisierung und Angst
Trotz der Ausweitung von Beratungszentren für Verhaltensstörungen, die kostenlose und vertrauliche Tests und Behandlungen anbieten, bleibt die soziale Stigmatisierung das größte Hindernis für Risikopersonen, die sich in Behandlung begeben möchten. Die Angst vor Verurteilung, Bloßstellung oder familiären und beruflichen Konsequenzen hält viele davon ab, sich testen zu lassen. Die Folge ist eine späte Diagnose, was nicht nur die Behandlung erschwert, sondern auch die Wahrscheinlichkeit einer unbeabsichtigten Virusübertragung erhöht.
Diese Stigmatisierung hat ihre Wurzeln im strukturellen Schweigen über sexuelle Gesundheit. In Ermangelung sexueller Aufklärung treten Gerüchte und Ängste an ihre Stelle, insbesondere in einer Gesellschaft, die von einer religiösen Institution mit mittelalterlichen Ideologien dominiert wird und die öffentliche Wahrnehmung durch ihre eigene Propaganda steuert. Wenn politische Entscheidungsträger den Körper als ideologisches Feld betrachten, wird die öffentliche Gesundheit zum ultimativen Opfer.
Der Anstieg der sexuellen Übertragung von HIV auf über sechzig Prozent, die steigenden Infektionsraten bei Frauen und jungen Menschen sowie der rückläufige Einsatz von Präventionsmitteln sind allesamt Anzeichen für eine strukturelle Krise der sexuellen Gesundheit im Iran. Doch sie ist nicht das Ergebnis »individueller Unmoral«, wie es das Regime weismachen möchte, sondern das Ergebnis fehlgeleiteter Politik, unzureichender Aufklärung und der Vernachlässigung sozialer Realitäten.
