Im Gespräch mit Maya Zehden erläutert der Sprachwissenschaftler Markus Groß zentrale Missverständnisse und historische Unklarheiten rund um den Islam und den Koran. Dabei geht er linguistisch an den Koran heran, womit er von der üblichen Arabistik abweicht.
Das Vorstandsmitglied von Inarah, Institut zur Erforschung der frühen Islamgeschichte und des Korans, differenziert zwischen verschiedenen islamischen Glaubensrichtungen wie Sunniten, Schiiten und anderen Gruppen wie Aleviten, Alawiten, Bahai und Jesiden. Wichtig ist die Rolle der Imame im schiitischen Islam, etwa die Lehre von der »Stellvertretung des verborgenen Imams« im Iran, wie sie von Ayatollah Ruhollah Khomeini etabliert wurde. Häufig werden Minderheiten wie zum Beispiel Aleviten oder Jesiden, die sich durch progressivere Werte, etwa beim Frauenbild, auszeichnen, in islamischen Staaten nicht anerkannt und unterdrückt.
Ein zentrales Thema ist der Begriff der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen, der in der islamischen Welt unterschiedlich definiert wird. Dabei spielt der Begriff Takfir eine Rolle, also die Praxis, andere Muslime zu Ungläubigen, also »Kafir«, zu erklären. Dieser Begriff geht oft mit Extremismus und Gewalt einher, da der Takfirismus zur Rechtfertigung von Gewalt gegen als abtrünnig abgestempelte Muslime dient. Diese Taktik wurde unter anderem von Extremistengruppen wie dem Islamischen Staat angewendet.
Berechtigte Zweifel
Ob die Figur Mohammeds historisch ist, ist bisher nicht belegt. Archäologische und schriftliche Quellen aus der Frühzeit des Islams sind spärlich oder widersprüchlich. Die ersten sicher datierten Münzen mit einem möglichen Hinweis auf »m-h-m-t« finden sich erst ab 661, also Jahrzehnte nach dem angeblichen Tod Mohammeds im Jahr 632. Auch die überlieferte Traditionsliteratur entstand erst rund zweihundert Jahre später, was Zweifel an ihrer historischen Verlässlichkeit aufwirft.
Die Städte Mekka und Medina sowie deren Bedeutung im Islam hinterfragt der Koranforscher ebenfalls kritisch. Historisch gibt es keine klaren Belege für die Heiligkeit Mekkas oder gar für dessen Rolle als Ursprungsort des Islams. Groß verweist auf Ähnlichkeiten zwischen den islamischen Pilgerritualen und buddhistischen Praktiken, was auf eine spätere synkretistische Entwicklung hinweist. Jerusalem als drittheiligste Stadt im Islam und die Vorstellung von Mohammeds Himmelfahrt von dort aus könnte eine spätere symbolische Überhöhung sein.
Auch ist sich der Wissenschaftler nicht sicher, ob die Arabische Halbinsel tatsächlich das Zentrum der islamischen Entstehung war. Hinweise aus Münzen, Sprachen und Archäologie deuten auf eine andere geografische Realität hin; möglicherweise mit Jerusalem als ursprünglichem Zentrum.
