Seit ihrer Demonstration gegen »Antideutsche« in Leipzig-Connewitz demonstriert die Free-Palestine-Bewegung ihre autoritäre Orientierung deutlicher als je zuvor.
Das politische Klima rund um die Causa Palästina erreicht in Deutschland gegenwärtig einen Kipppunkt. Auf den Straßen des Leipziger Viertels Connewitz, dem bundesweiten Symbol links-alternativer Kultur, gerieten am vorigen Wochenende zwei Lager, die sich jeweils als links definieren, unmittelbar aneinander. Der Aufmarsch wurde vom Aktionsbündnis Lotta Antifascista [dt.: Der antifaschistische Kampf] lanciert. Zahlreiche militante pro-palästinensische Gruppen, zu denen auch der in Leipzig eingetragene Verein Handala zählt, schlossen sich an, um ihren Unmut über israelsolidarische linke Gruppen zu artikulieren.
»Wir werden keine rassistische No-Go-Zone dulden«, so Handala e. V. im Vorfeld der Demonstration. Der Verein nennt sich nach einer Zeichentrickfigur des Palästinensers Nadschi al-Ali, der damit einen kleinen Jungen beim Graffitischreiben darstellt. Im ersten Moment mag das niedlich wirken. Ein kritzelnder Knabe gepaart mit der angeblichen Haltung gegen Rassismus. Was könnte daran böse sein? Die Antworten liegen im Februar 2025 veröffentlichten Bericht des Landesamts für Verfassungsschutz Sachsen (LVS).
Darin erklärt der LVS, warum es Handala als extremistisch einstuft: Der Verein sei »eine Bestrebung aus dem Phänomenbereich des säkularen Ausländerextremismus, der sich insbesondere gegen den Gedanken der Völkerverständigung richte«.
Jene Einstufung gründet insbesondere auf der Leugnung des Existenzrechts Israels und auf einer systematischen Solidarisierung mit der Hamas. Die Behörde attestiert der Gruppe zudem eine gefährliche Legitimierung von Gewalt, da sie die Terrorakte vom 7. Oktober 2023 als »legitimen Widerstand« verkläre und Judenhass unter dem Deckmantel des Antirassismus verbreite. Durch die aggressive Raumnahme und die Einschüchterung politischer Gegner im Kiez versuche Handala, so das LVS weiter, eine ideologische Vormachtstellung zu erzwingen, die den demokratischen Konsens gezielt untergräbt.

Bizarre Szenerie
Am letzten Samstag in Connewitz stellte sich mit rund 1.600 Aktivisten eine breite Allianz aus Israel-Solidarischen, Linken um dem Leipziger Kulturzentrum Conne Island, kurdisch-iranischen Aktivisten der Jin, Jiyan, Azadi-Bewegung sowie Vertretern des Bürokollektivs linXXnet dem antisemitischen Aufmarsch entgegen. Die propalästinensische Teilnehmerzahl erreicht nach Polizeieinschätzungen knapp 1.400, also die kleinere Hälfte der Gesamtteilnehmenden. Doch auch als aggressive Minderheit ließ sie von sich hören und spüren.
Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (DJU) meldete gleich zu Beginn der Demonstration einen körperlichen Angriff auf ein Kamerateam des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR): »Das Team wird beim Filmen durch Teilnehmer einer Pro-Palästinensischen Demonstration am Filmen behindert und geschubst. Es folgen Schläge mit dem Ellenbogen auf einen Security-Mitarbeiter. Die Polizei greift ein.«
Die Leipziger Stadträtin und Abgeordnete der Linken im Sächsischen Landtag Juliane Nagel war eine besonders exponierte Zielscheibe, denn Nagel engagiert sich eifrig gegen den Antisemitismus, was in ihrer Partei, gelinde gesagt, nicht so selbstverständlich ist. Ursprünglich wollte der israelfeindliche Block direkt an Nagels Büro vorbeimarschieren, aber die Versammlungsbehörde hat die Route aus Sicherheitsgründen geändert. »Ich finde es sehr bedrückend, dass heute Menschen, die sich links nennen, gegen einen linken Stadtteil demonstrieren«, erklärte Nagel angesichts der Aggression vor Ort. »Das geht an die Substanz. Wie viel Hass da ist.«
Es war eine Szenerie von bizarrer Tragik: Inmitten eines linken Kiez, in dem die Tilgung jeglichen Faschismus auf die Fahnen geschrieben wird, denunzierten Palästina-Aktivisten reflexhaft ausgerechnet jene als rechtsextrem, die den Judenhass bekämpfen und sich gegen die klerikal-autoritäre Ideologie des Islamismus stemmen.

Vergiftung und Versäumnisse
Der Zusammenprall verlagerte sich schließlich von der Straße in die Redaktionsstuben. Die mediale Aufarbeitung in der den propalästinensischen Demonstranten nahestehenden Jungen Welt allerdings verdeutlicht eine systematische Realitätsverweigerung. Anstatt die dokumentierte Gewalt aus dem Handala-Block gegen das MDR-Kamerateam zu thematisieren, erklärt das Blatt scheinheilig projizierend: »Die Polizei zeigte sich wie bei Demos mit Palästina-Bezug üblich: Demonstranten wurden gezielt bedroht, geschlagen und etwa 20 Personen zwischenzeitlich festgenommen.« Die Gegendemonstranten um das Conne Island werden zudem pauschal als sich »zusammenrottende Netanjahu-Fraktion« abgewertet und als »verlängerter Arm der […] rechten Staatsräson« diffamiert.
In anderen linken Zeitungen wie nd, Freitag und taz herrschte auf den ersten Blick ein steriler »Both-Sideism«, der beide Seiten der Ereignisse in Connewitz äquidistant nebeneinanderstellen wollte. Doch trotz der Maske der besorgten Ausgewogenheit, die an sich schon problematisch genug ist, insofern sie Antisemiten und Gegner des Antisemitismus auf eine Stufe stellt, ließen diese Zeitungen in ihren Kommentarspalten auch noch ungehindert die einschlägigen Dämonisierungen Israels wuchern.
Nicht minder gravierend: Die Redaktionen haben es verabsäumt, den Etikettenschwindel der propalästinensischen Bewegung zu hinterfragen, die sich als links bezeichnet, während sie die faschistischen Verflechtungen des Antizionismus reaktiviert. Dabei wurde konsequent ignoriert, dass der Hass gegen Zionismus und jüdischen Staat auf einer historischen Achse liegt, die bis zur Kollaboration zwischen dem Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, und Adolf Hitler zurückreicht. Diese Allianz schuf das ideologische Fundament für einen islamisch grundierten Antizionismus, der bis heute als Mobilisierungskraft gegen Israel dient.
Man gab sich mit der Ästhetik des Widerstands zufrieden und übersah die bittere Ironie im Namen der federführend beteiligten Gruppe: »Handala« ist nicht nur eine Zeichentrickfigur, sondern auch das arabische Wort für die Koloquinte, eine Giftpflanze, deren Verzehr im Übermaß tödlich ist. In den Straßen von Leipzig wurde diese Frucht zur Metapher für ein politisches Gift, das unter dem Deckmantel der Befreiung nur das unaufhaltsame Wuchern des Ressentiments befeuert. Wer diese toxische Saat als emanzipatorisch romantisiert, affirniert letztlich nur den Boden des Hasses, auf dem kein demokratischer Diskurs mehr gedeihen kann. Connewitz symbolisiert die Kontinuität der Gefahr.

Postskriptum:
Wie tief diese Ideologie inzwischen bereits eingesickert ist, belegt eine Recherche des MDR. Der Sender identifizierte eine langjährige sächsische Beamtin als eine der tonangebenden Köpfe hinter dem Verein Handala. Anne Lewerenz. Die laut MDR seit sechzehn Jahren als Referentin bei der Landesdirektion Sachsen tätig ist, sei am besagten Wochenende in Leipzig als Versammlungsleiterin der Gruppierung aufgetreten und habe zudem das Crowdfunding für die Demonstration maßgeblich vorangetrieben.
