Wenn die UNO einen Hamas-Kommandeur ehrt

Bei einer Gedenkveranstaltung der UNO ehrten Baerbock und Guterres einen Hamas-Kommandeur
Bei einer Gedenkveranstaltung der UNO ehrten Baerbock und Guterres einen Hamas-Kommandeur (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Obwohl immer neue Fälle von UNO-Mitarbeitern mit Verbindungen zu Terrorgruppen auftauchen, tut die internationale Organisation jeden neuen Fall als eine Art überraschenden Betriebsunfall ab.

Am 8. Juni dieses Jahres entzündeten UN-Generalsekretär António Guterres und die Präsidentin der UN-Generalversammlung, Annalena Baerbock, in New York eine »ewige Flamme« für 136 Mitarbeiter der Vereinten Nationen, die im Gazastreifen getötet worden waren. Ihre Namen wurden verlesen, einer nach dem anderen. Guterres sprach von Menschen, mit denen zusammenzuarbeiten das »Privileg seines Lebens« gewesen sei.

Unter den Geehrten befand sich offenbar auch ein Mann, dessen Biografie mit der Vorstellung vom selbstlosen UN-Mitarbeiter nur schwer in Einklang zu bringen ist. Imad El Samhouri arbeitete jahrelang für das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA. Er war Lehrer und Schulleiter in Rafah, bis er im Juni 2025 bei einem israelischen Luftangriff ums Leben kam. Doch Recherchen der Monitoringorganisation UN Watch zufolge soll El Samhouri zugleich als Kommandeur der Hamas-Terrororganisation tätig gewesen sein.

Keine Einzelfälle

UN Watch veröffentlichte dazu Videomaterial, das ihn in Kampfmontur der Al-Qassam-Brigaden zeigen soll. Zu sehen sei El Samhouri unter anderem beim Verlassen eines Tunnels, und in einer weiteren Aufnahme bezeichnet er den Dschihad als seinen »gewählten Weg«. Nach Angaben der Organisation war der langjährige UNRWA-Mitarbeiter als Feldkommandeur des Muhammad-al-Shamali-Bataillons tätig. Als Schulleiter soll er zudem Hamas-Funktionäre in seine Schule eingeladen und Schulkinder für Hamas-nahe Gruppen angeworben haben, wie seine Social-Media-Kanäle offenlegen.

Eine umfassende Untersuchung wäre der naheliegende nächste Schritt. Denn sollte sich ein substanzieller Teil der Anschuldigungen bestätigen, geht es längst nicht mehr nur um die Biografie eines einzelnen UNRWA-Mitarbeiters. Und eine unangenehme Frage stellt sich in dem Zusammenhang: Warum braucht es eigentlich immer erst externe Organisationen, israelische Geheimdienstinformationen oder journalistische Recherchen, damit die Vereinten Nationen beginnen, sich für die politischen und militärischen Verbindungen ihrer eigenen Mitarbeiter zu interessieren?

Die Fähigkeit der UN und vieler westlicher Regierungen ist bemerkenswert, sich von solchen Enthüllungen immer wieder vollkommen überrascht zu zeigen. Nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 dauerte es nicht lange, bis schwere Anschuldigungen gegen Angestellte der UNRWA bekannt wurden. Israel legte Informationen vor, wonach Beschäftigte des Hilfswerks unmittelbar an dem Terrorangriff beteiligt gewesen sein sollen. Weitere Vorwürfe betrafen Verbindungen von UNRWA-Beschäftigten zu Hamas und Islamischem Dschihad. In der Folge setzten mehrere Staaten ihre Zahlungen zeitweise aus, Untersuchungen wurden angekündigt, Persilscheine in Form von »unabhängigen« Berichten ausgestellt und Reformen versprochen. Dann kehrte langsam der gewohnte Betrieb zurück.

Und genau darin liegt das eigentliche Problem. Jeder einzelne Fall wird behandelt, als sei er ein überraschender Betriebsunfall in einer ansonsten funktionierenden Institution. Ein Mitarbeiter mit Hamas-Verbindungen? Man werde den Fall prüfen. Terroristen auf Gehaltslisten? Man müsse die Fakten abwarten. Hamas-Infrastruktur in oder unter UN-Einrichtungen? Man verlange Aufklärung. Problematische Unterrichtsmaterialien? Man nehme die Angelegenheit sehr ernst.

UN Watch spricht inzwischen von mehr als 400 UNRWA-Mitarbeitern mit Verbindungen zu Terrororganisationen. Über die genaue Zahl und die Belastbarkeit einzelner Fälle kann und wird gestritten werden. Aber die Vielzahl der Hinweise sollte es immer schwieriger machen, jeden neuen Fall als isolierte Ausnahme abzutun. Denn wer immer wieder von Einzelfällen spricht, muss irgendwann erklären, wie viele Einzelfälle eigentlich notwendig sind, bis daraus ein strukturelles Problem wird.

Konsequenzen gefordert

Die Kritik von UN Watch richtet sich nicht nur gegen António Guterres, sondern ausdrücklich auch gegen Annalena Baerbock. Das ist politisch besonders brisant. Denn Baerbock steht bei der Zeremonie nicht einfach nur zufällig neben dem UN-Generalsekretär. Als deutsche Außenministerin von 2021 bis 2025 gehörte sie zu einer Bundesregierung, die die UNRWA mit erheblichen Summen unterstützte. Nach Angaben von UN Watch wurden während ihrer Amtszeit rund 570 Millionen Euro deutscher Steuergelder für das Hilfswerk bereitgestellt. Auch 2025 gehörte Deutschland mit 119 Millionen Euro erneut zu den bedeutendsten staatlichen Geldgebern.

UN-Watch-Direktor Hillel Neuer fragt Baerbock deshalb in einem offenen Brief sinngemäß, wie es möglich sein könne, derart erhebliche Summen an eine Organisation zu überweisen und gleichzeitig nicht zu bemerken, dass einer ihrer langjährigen Schulleiter offen mit der Hamas verbunden gewesen sein soll. Man kann diese Frage für polemisch halten. Beantworten muss man sie trotzdem.

Denn politische Verantwortung besteht nicht darin, bei jedem Skandal zu erklären, man habe von nichts gewusst. Wer einer internationalen Organisation über Jahre Hunderte Millionen Euro zur Verfügung stellt, trägt auch Verantwortung dafür, welche Kontrollmechanismen existieren, welche Standards bei der Auswahl des Personals gelten und wie mit Hinweisen auf Extremismus und Terrorverbindungen umgegangen wird. Stattdessen lässt sich seit Jahren ein eigenartiger Mechanismus beobachten. Denn je schwerer und verdichteter die Vorwürfe gegen die UNRWA werden, desto stärker scheint bei Teilen der deutschen Politik das Bedürfnis zu wachsen, zunächst die Institution selbst vor Kritik zu schützen.

UN Watch fordert deshalb eine unabhängige Untersuchung des Falls El Samhouri. Die Organisation fordert zudem Guterres und Baerbock dazu auf, sich bei den Opfern der Hamas zu entschuldigen, Informationen über UNRWA-Mitarbeiter mit belegten Terrorverbindungen offenzulegen und Verantwortliche innerhalb des Hilfswerks zur Rechenschaft zu ziehen. »Es kann keine Immunität, Straflosigkeit oder ewige Flamme für Terroristen geben, die die Vereinten Nationen infiltrieren«, schreibt Neuer in seinem offenen Brief.

Vertrauen in internationale Organisationen entsteht nicht dadurch, dass man Kritik an ihnen als politisch motiviert zurückweist. Vertrauen entsteht durch Transparenz – und durch die Bereitschaft, Konsequenzen zu ziehen, wenn die eigenen Strukturen versagen. Deshalb reicht es auch nicht, im Fall El Samhouri einen Namen von einer Gedenkliste zu streichen und anschließend weiterzumachen wie bisher. Die Debatte muss grundsätzlicher werden.

Das ist ein Auszug aus dem jüngsten Mena-Watch-Newsletter vom 19. August. Wenn Sie unseren Newsletter künftig immer schon am Mittwochnachmittag erhalten wollen, melden Sie sich hier an.

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