Problemlösung à la Islamische Republik: Die Preise liegen in Gottes Hand

Iranisches Regime: Die Preisbildung ist Engelswerk
Iranisches Regime: Die Preisbildung ist Engelswerk (© Imago Images UIG)

Das iranische Regime versucht, die fatale Wirtschaftskrise zu lösen, indem es die Ökonomie zum Werk Gottes erklärt, in dem die Engel den Mechanismus der Preisbildung bestimmen.

Im Iran scheint die Wirtschaft einen Punkt erreicht zu haben, an dem man, um die Preise zu verstehen, weder Ökonomen befragen noch Währungsindikatoren prüfen, Inflationsraten studieren oder gar den Markt besuchen muss. Es reicht, die Hände zum Himmel zu erheben und die Engel zu fragen. Zumindest lässt sich aus einigen Äußerungen von Amtsträgern und religiösen Persönlichkeiten der Islamischen Republik schließen, dass eine der neuesten Methoden, steigende Preise zu rechtfertigen und sich der Rechenschaftspflicht zu entziehen, darin besteht, sie Kräften zuzuschreiben, die jenseits wirtschaftlicher Mechanismen und des menschlichen Willens liegen.

Die Iraner, die jeden Tag mit steigenden Preisen, schwindenden Bankguthaben und leeren Taschen zu kämpfen haben, müssen sich nun mit einer weiteren Erklärung abfinden: Löhne gehören in die irdische Welt, aber Preise bewegen sich offenbar im Übernatürlichen und werden von Engeln bestimmt.

Machen Engel die Preise?

Religiöse Vertreter der Regierung in den Moscheen, die jede Woche als Prediger und Apologeten für die Politik der Islamischen Republik fungieren, greifen auf eine Reihe religiöser Überzeugungen und Parolen zurück, von denen einige in der Tradition verwurzelt sind, andere hingegen offenbar erfunden wurden, um die religiöse Bevölkerung des Landes zu beeinflussen.

Dabei sehen sie sich mit einem auffälligen Widerspruch konfrontiert. Einerseits führen sie die Preisbildung auf den göttlichen Willen zurück; andererseits kritisieren sie die Devisenpolitik der Regierung, den steigenden Dollarkurs und die daraus resultierenden wirtschaftlichen Folgen. Hier stellt sich zugleich ironische wie ernste Frage: Wenn die Preise von Engeln bestimmt werden, sind dann auch für Inflation und Preissteigerung verantwortlich? Wenn aber die Politik der Regierung Wechselkurs und die Preise beeinflusst, warum ruft man dann die Engel herbei, um sie zu denjenigen zu erklären, die eigentlich alles steuern?

Auf den ersten Blick mag dieser Widerspruch wie ein Stoff für religiöse Satire erscheinen. Doch ist er mehr als Material für einen Witz. Das eigentliche Problem ist die Art und Weise, wie mit einer Krise umgegangen wird: Anstatt wirtschaftliche Mechanismen transparent zu erklären, Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen und Rechenschaft über die Folgen der Politik abzulegen, werden übernatürliche Glaubensvorstellungen in die Diskussion eingebracht – so, als könne das Verhüllen der Realität in religiöse Gewänder irgendwie einen Ausweg aus den irdischen Verantwortlichkeiten bieten.

Seit Bestehen der Islamischen Republik ist der Einsatz religiöser Überzeugungen zur Rechtfertigung politischer Maßnahmen und zur Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Einflusses der Regierung ein Dauerthema in der Debatte über das Verhältnis von Religion und Macht. Wenn die Religion zum Instrument wird, um das Versagen in der Regierungsführung zu rechtfertigen, beginnt die Grenze zwischen den persönlichen Überzeugungen der Menschen und der politischen Verantwortung der Machthaber zu verschwimmen. Unter solchen Umständen werden Probleme, die ihre Wurzeln in menschlichen Entscheidungen, der Wirtschaftspolitik und Verwaltungsstrukturen haben, Kräften zugeschrieben, die weder gemessen noch bewertet werden können und von denen niemand Rechenschaft für die Folgen staatlicher Entscheidungen einfordern kann.

Die Vorstellung allein ist lächerlich, ganz zu schweigen von der Aussicht, dass dies tatsächlich auf Podien der Islamischen Republik oder in offiziellen Sitzungen geschehen könnte. Schließlich werden wirtschaftliche Angelegenheiten in der Islamischen Republik weitgehend von religiösen Persönlichkeiten überwacht. Man stelle sich eine Sitzung vor, die einberufen wurde, um den steigenden Dollar-Wechselkurs zu untersuchen. Experten diskutieren über das Haushaltsdefizit, die Geldmengenausweitung, Beschränkungen im Außenhandel, Sanktionen, Inflationserwartungen und politische Instabilität. Plötzlich erklärt jemand im Raum: »Die Preise liegen in Gottes Hand, und Engel sind für ihre Festlegung verantwortlich.«

Probleme einfach wegdefinieren

Selbst wenn die Wirtschaft aus religiöser Perspektive im Rahmen des göttlichen Willens verstanden wird, spielen bei ihrer praktischen Funktionsweise eine Reihe von Faktoren eine Rolle, die untersucht und bewertet werden können. Produktionsniveaus, Importkosten, Angebot und Nachfrage, Zinssätze, Haushaltsdefizite, öffentliche Erwartungen und das Vertrauen in die politischen Entscheidungsträger können sich alle auf die Preise auswirken. All dies hat nichts mit Engeln zu tun. Diese verbringen ihre Nächte nicht damit, die Preise für Äpfel aus Semirom, Pistazien aus Rafsanjan und Dollar in Teheran in einem himmlischen Hauptbuch festzuhalten.

Die Vorstellung aber, dass Preise im Himmel festgelegt werden, entsteht nicht aus dem Nichts. Solche Äußerungen sind Teil eines breiteren Klimas, das unter den Funktionären der Islamischen Republik herrscht. In einem viel zitierten Beispiel soll der Minister für Genossenschaften, Arbeit und soziale Wohlfahrt im Kabinett von Ebrahim Raisi, Hojjatullah Abdolmaleki, einmal gesagt haben: »Wenn wir die Inflation einmal außer Acht lassen, haben wir im Land keine besonderen wirtschaftlichen Probleme.« Diese Aussage könnte als Meisterwerk des Problemmanagements angesehen werden – vorausgesetzt natürlich, man definiert dieses Management nicht als das Lösen von Problemen, sondern als deren vollständige Ausblendung.

Wenn wir etwa das Internet außer Acht lassen, haben wir kein Problem mehr namens Internetfilterung oder Internetsperre. Wenn wir nie krank werden, werden wir nie mit einem Medikamentenmangel konfrontiert sein. Wenn wir kein Auto besitzen, sind steigende Benzinpreise kaum ein Grund zur Sorge. Wenn wir keine Wohnung mieten, können wir auch steigende Mieten von unserer Liste der Sorgen streichen. Und wenn wir gar kein Geld zum Ausgeben haben, ist die Inflation kein kompliziertes Thema mehr, da es nichts mehr gibt, was teurer werden könnte oder was wir kaufen könnten.

Unterdessen deuten Schätzungen darauf hin, dass die Armutsgrenze in einigen Teilen des Landes aufgrund der Inflation die Summe von 85 Millionen Toman pro Monat überschritten hat. Rund achtzig Prozent der Arbeiter und Angestellten stehen aufgrund der sich vergrößernden Kluft zwischen Einkommen und den Lebenshaltungskosten am Rande der Armut. Wenn die Iraner sagen: »Unsere Löhne sind irdisch, aber die Preise sind himmlisch«, bringen sie eine gemeinsame Erfahrung zum Ausdruck: das Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber der Politik, die ihr Leben bestimmt. Während die Politik des Regimes als das Werk Gottes dargestellt wird, soll jeder Protest dagegen von den Mächten des Bösen getragen werden – weshalb seine Unterdrückung wiederum als Gotteswerk gilt.

Kritischer Punkt

Die iranische Wirtschaft hat unzählige Absurditäten hervorgebracht – von Beamten, die sich einbilden, wirtschaftliche Probleme seien allein dadurch gelöst, dass man die Inflation außer Acht lässt, bis hin zu jenen, die die Preisentwicklung himmlischen Kräften zuschreiben, während sie eine Regierungspolitik kritisieren, die sie für irdische Dingen wie die Inflation und Wertverfall verantwortlich macht. Diese Auswüchse mögen amüsant erscheinen – wenn man nicht unter ihnen zu leben hat. Was die Iraner hingegen benötigen und fordern, ist eine Verbesserung ihrer Lebensumstände, nicht das Abwälzen der Probleme auf Engel und andere religiöse Fantasiegebilde.

Mittlerweile haben die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im Iran sowie die Art und Weise, wie die Herrscher der Islamischen Republik damit umgehen, einen kritischen Punkt erreicht. Denn wenn das Leben so unerträglich schwer wird, die Zukunftsaussichten so trostlos erscheinen und das Vertrauen der Bevölkerung so tiefgreifend erodiert, dass die Menschen das Gefühl bekommen, nichts mehr zu verlieren zu haben, stellt sich ihnen fast zwangsläufig die Frage: Wer hat die Gesellschaft an einen so gefährlichen Punkt gebracht?

Die Iraner werden zunehmend derart unzufrieden und verzweifelt, dass sie praktisch jede Alternative der Fortführung des Status quo vorziehen. Wenn eine Gesellschaft diesen Punkt erreicht, lassen sich ihre Probleme nicht mehr »lösen«, indem man Gott die Schuld zuschiebt. Was sich heute abspielt, ist eine tiefgreifende Krise, die sich aus Verzweiflung, schwindendem Vertrauen und dem Zusammenbruch jeder überzeugenden Zukunftsvision speist – es sei denn der, das Regime endlich loszuwerden, das für all das verantwortlich ist.

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