Gewalt in Krankenhaus aufgedeckt: Gefängnis für Whistleblowerin in Ägypten

Das Al-Shatby-Universitätskrankenhaus in der ägyptischen Stadt Alexandria

Weil sie in den sozialen Medien Gewalt gegen Frauen in einem Krankenhaus in Alexandria angeprangert hatte, hat ein ägyptisches Gericht eine ehemalige Ärztin zu einer Haftstrafe verurteilt.

Omnia Swaydan wurde am 4. Juli wegen eines Facebook-Eintrags zu sechs Monaten Haft mit schwerer Arbeit verurteilt. In dem fraglichen Posting beschrieb sie die weit verbreiteten Misshandlungen im Al-Shatby-Universitätskrankenhaus in Alexandria, wo sie zwischen 2020 und 2021 als Assistenzärztin in der Abteilung für Geburtshilfe und Gynäkologie gearbeitet hatte. Dies berichtet die französische Nachrichtenagentur AFP.

Laut ihres Anwaltes Mohamed Ramadan wurde sie für schuldig befunden, »falsche Informationen« verbreitet zu haben, die geeignet seien, »die öffentliche Ordnung zu stören, Angst in der Bevölkerung zu schüren und Schaden anzurichten.« Vom Vorwurf der Rufschädigung des Krankenhauspersonals wurde sie jedoch freigesprochen. Das Gericht verhängte nach Angaben des Anwalts zusätzlich zur Hafte eine Geldstrafe von 20.000 ägyptischen Pfund (rund 350 Euro). Ramadan kündigte Berufung an.

In ihrem mittlerweile gelöschten Beitrag hatte sie vergangenen Monat mutmaßliche Fälle von Gewalt in der Geburtshilfe, Vernachlässigung von Patientinnen und entwürdigender Behandlung von Frauen im Al-Shatby-Krankenhaus beschrieben. Sie prangerte insbesondere einen sexuellen Übergriff auf eine Frau während der Geburt an und beschrieb mutmaßliche Fälle von verweigerter medizinischer Versorgung. Letzteres betraf unter anderem ein Opfer sexueller Gewalt und eine schwerkranke Schwangere – aufgrund fehlenden Heiratsnachweises.

Innerhalb weniger Stunden wurde der Beitrag tausendfach geteilt und kommentiert. Mütter, Ärzte und medizinische Angestellte aus Ägypten schilderten ihre eigenen Erfahrungen mit Misshandlung oder Vernachlässigung auf Geburtsstationen. Am folgenden Tag wurde Omnia Swaydan in ihrer Wohnung verhaftet und an einen unbekannten Ort zu einem stundenlangen Verhör gebracht. Danach wurde sie gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt.

»Wie Tiere im Zoo«

Die Anschuldigungen waren nach Einschätzung von Beobachtern so brisant, weil sie das Tabuthema der geburtshilflichen Gewalt berührten. Das umfasst körperliche, verbale oder emotionale Misshandlung und Missbrauch während der Schwangerschaft, der Geburt oder der Erholung danach. Versuche, die Schilderungen als »Falschinformationen« zu diskreditieren oder – wie es die Staatsanwaltschaft ebenfalls tat – den Geisteszustand von Omnia Swaydan in Zweifel zu ziehen, sind haltlos, da vergleichbare Fälle bereits vorher in verschiedenen Quellen bezeugt worden waren.

Die ägyptische Journalistin Bahira Amin beschrieb im April 2022 in einem Beitrag für das amerikanische New Lines Magazine, welche traumatischen Erfahrungen Mütter in ägyptischen Krankenhäusern bei der Geburt machen, wobei sie betonte, dass die Missstände sich keinesfalls auf Ägypten beschränken, sondern weltweit an der Tagesordnung sind.

Sie beklagte, dass das »Konzept der körperlichen Autonomie« der Frau kaum eine Rolle spiele. Werdende Mütter würden in Ägypten zu Kaiserschnitten als der angeblich »saubersten« Form der Geburt gedrängt, ohne aufgeklärt zu werden. Wie in anderen Ländern der Region gebe es einen Trend zu Geburten in Krankenhäusern statt zu Hause – was aus medizinischer Sicht zu begrüßen ist –, ohne dass aber das Wachstum der Ressourcen Schritt gehalten hätte. Für Geburten seien in ägyptischen Krankenhäusern fast ausschließlich Ärzte zuständig, nicht ausgebildete Hebammen.

Eine 25-jährige Mutter namens Alaa schilderte gegenüber der Reporterin, was ihr nach dem Kaiserschnitt widerfuhr:

»Ich hatte das Gefühl, keine Kontrolle über meinen Körper zu haben. Meine Erfahrung im OP war die erniedrigendste meines Lebens. Niemand sagte mir, was passieren würde. Plötzlich wurde mir das OP-Hemd vom Leib gerissen, ein Katheter gelegt, ohne dass mir jemand den Vorgang erklärte. Ich fühlte mich zutiefst verletzt. Später, als die Krankenschwester nach mir sah und es so weh tat, dass ich schrie, hielten mich alle fest, damit sie ihre Arbeit machen konnte. Ich verstand nicht, warum ich so gequält wurde, nachdem ich gerade erst operiert worden war.«

Auch das Magazin The New Arab stieß bei einer aktuellen Recherche auf ähnliche Fälle. Afaf Arafa, eine 43-jährige Bankangestellte, die nach einem Blasensprung im siebten Schwangerschaftsmonat zur Entbindung ins El-Shatby-Krankenhaus eingeliefert wurde, erzählte, dass sie aufgrund gesundheitlicher Komplikationen verlegt worden sei und das Krankenhaus ihrer Begleitperson den Zutritt verweigert habe. Sie habe allein nach Mitarbeitern suchen müssen, die die Formulare ausfüllen, ehe sie vor Erschöpfung zusammenbrach, berichtete sie.

Auf einer überfüllten Station mit zerrissenen Vorhängen und blut- und wasserbefleckten Betten habe sie sich »wie ein Ausstellungsstück für Assistenzärzte und Oberärzte« gefühlt. Sie beschrieb die Erfahrung als »wie Tiere im Zoo«. »Ich starb vor Schmerzen im Kreißsaal. Der Arzt schrie mich an: ›Du kommst hierher, um mich anzuschreien? Warum hast du nicht in deinem Schlafzimmer bei deinem Mann geschrien? Du tust es und kommst dann hierher, um uns anzuekeln!‹«, erinnerte sie sich. Während ihre Schmerzen und Schreie anhielten, hätten Krankenschwestern sie auf die Beine geschlagen und ihr Mund und Nase zugehalten, um sie zum Schweigen zu bringen – direkt vor den Augen des Arztes, der nichts unternommen habe.

Sie erinnerte sich auch daran, wie ein Arzt eine andere Patientin auf Gesäß und Oberschenkel schlug, eine Krankenschwester eine Patientin ohrfeigte und ein anderer Arzt eine Frau auf die Beine schlug. Sie berichtete, dass sie auch Zeugin schwerer Misshandlungen von Neugeborenen geworden sei, und beschrieb, wie diese »wie Puppen herumgeworfen« worden seien. Als sie nach ihrer neugeborenen Tochter gefragt habe, habe eine Krankenschwester kühl geantwortet: »Sie werden sie zu Hause sehen.«

Zuhause habe sie unter starken Schmerzen im Unterleib gelitten. Sie haben einen anderen Arzt aufgesucht und sei schockiert gewesen, als sie erfuhr, dass bei ihr ein Dammschnitt durchgeführt worden war, von dem im Krankenhaus niemand gesprochen hatte. Die Naht sei schlecht genäht gewesen, was zu Gewebeschäden geführt habe, die eine zweite Operation erforderlich gemacht hätten. Sie berichtete, dass sie durch diese Erfahrung so traumatisiert worden sei, dass sie beschlossen habe, nie wieder ein Kind zu bekommen.

»Frauen wie Dreck behandelt«

Die Journalistin Rasha Maher wurde 2024 nach einem Blasensprung und einer lebensgefährlichen Gebärmutterruptur ins Universitätsklinikum Mansoura eingeliefert. Anstatt die dringend benötigte Behandlung zu erhalten, wurde sie, wie sie berichtet, vom medizinischen Personal beleidigt und wiederholt nach Trinkgeld gefragt. »Die Ärzte, Krankenschwestern und die Krankenhausangestellten behandelten mich schlecht. Bei gynäkologischen Untersuchungen schrien sie mich an, wenn ich vor Schmerzen reagierte, und ließen mich dann einfach liegen und gingen weg.« Toiletten seien voller Blut, weggeworfener Windeln und Insekten gewesen.

Die Behandlung habe sich weniger nach medizinischer Versorgung angefühlt als nach der Behandlung eines »Versuchstiers«. Sie erinnert sich, wie ein Oberarzt einen Assistenzarzt nach sieben erfolglosen Versuchen, ihr eine Narkose zu verabreichen, zurechtwies und das Personal anschrie, als dieses Schwierigkeiten hatte, einen Katheter einzuführen. Als es ihnen nicht gelungen sei, ihre Wunde zu verschließen, habe der Oberarzt die Beherrschung verloren. »Die Haut ist wie Holz!«, habe er geschrien und schmerzhaft auf ihre Brust gedrückt. Schließlich sei sie in Vollnarkose versetzt worden, damit der Eingriff abgeschlossen werden konnte.

Als sie aufwachte, habe das Personal ihr Schmerzmittel nicht angeschlossen, wodurch ihr Arm angeschwollen sei. Kein Arzt habe sich anschließend um sie gekümmert, sodass sie mit ihrer Wunddrainage und dem Infusionsschlauch selbst durch die Station laufen und um Behandlung bitten musste. Schließlich habe sie eine Verzichtserklärung unterschrieben, um sich selbst zu entlassen. Zuhause habe sie festgestellt, dass ihre Wunde äußerlich mit Draht genäht und innerlich verödet worden war, wodurch das Gewebe geschädigt wurde und nicht richtig heilen konnte. Das darunterliegende Fettgewebe habe begonnen, aus der Wunde hervorzutreten, und sie habe mehr als drei Monate gebraucht, um sich zu erholen.

Mayada Ibrahim, eine Hausfrau in den Zwanzigern, berichtete, sich zutiefst gedemütigt gefühlt zu haben, als das Personal um sie herum zwinkerte, tuschelte und lachte. »Wir sind Menschen, keine Insekten. Wir fordern, dass die Krankenschwestern, die Angestellten und die Ärzte beaufsichtigt werden. Sie behandeln Frauen wie Dreck.« Nach ihrem Kaiserschnitt habe sie trotz ihrer Bitten keine Schmerzmittel erhalten. Später hätten die Krankenhausangestellten ihren neugeborenen Sohn ihrem Mann übergeben, noch bevor sie ihn selbst sehen konnte.

Der Bericht spricht von der generellen Überbelegung der Krankenhäuser; die Betten der Patientinnen seien so dicht gedrängt, dass sie kaum Luft zum Atmen hätten, manche würden aus Platzmangel auf dem Balkon untergebracht.

Ärztekammer: »Keine Beschwerden trotz Hotline«

Unter dem Eindruck des öffentlichen Aufschreis infolge des Facebook-Postings von Omnia Swaydan hat die ägyptische Ärztekammer ihr »Engagement für die Wahrung der Würde und die Achtung der Patientenrechte« bekräftigt und betont, »dass jeder Verstoß gegen den Berufseid oder die Wahrung der Patientengeheimnisse disziplinarische und rechtliche Konsequenzen« nach sich ziehe. In den »sozialen Medien kursierende Vorwürfe gegen das Al-Shatby-Krankenhaus« würden ernst genommen.

Eine Hotline wurde eingerichtet, bei der »jegliche Verstöße« gemeldet werden könnten. »Obwohl wir eine Telefonnummer für Beschwerden bekannt gegeben haben, hat sich bislang niemand offiziell beschwert«, sagte Dr. Abdel Moneim Fawzy, Leiter der Ärztekammer von Alexandria und Professor am El-Shatby-Krankenhaus, gegenüber The New Arab. Er mutmaßte, dass es sich möglicherweise um Einzelfälle handle, die nicht verallgemeinert werden sollten. Gleichwohl sollte ein »humaneres Arbeitsumfeld für Ärzte« geschaffen werden, »frei von Überbelegung und psychischem Druck«.

Dr. Yasmine Abou El-Azm, eine von The New Arab interviewte Gynäkologin am Dakahlia-Krankenhaus im Nildelta, erklärte, dass einige im Internet kursierende Behauptungen möglicherweise auf Missverständnissen medizinischer Eingriffe beruhen. »Zum Beispiel ist die Annahme falsch, ein Arzt entscheide sich für einen Kaiserschnitt anstelle einer natürlichen Geburt, nur weil es einfacher sei. Ein Kaiserschnitt nach einer natürlichen Geburt ist aufgrund der Muskelhypertrophie schwieriger und birgt ein höheres Risiko für Blutungen und Uterusatonie«, sagte sie.

Manchmal habe das, »was als Gewalt erscheint, auch eine medizinische Rechtfertigung«, erklärte sie. »Beispielsweise kann es während der Wehen notwendig sein, den Ellbogen auf den Bauch einer Frau zu drücken, wenn sie vor Schmerzen aufhört zu pressen oder ihre Atmung nicht mehr kontrollieren kann. Dies kann die Geburt erschweren und das Baby gefährden.« Dennoch seien verbale Übergriffe, Demütigungen und körperliche Misshandlungen niemals akzeptabel. »Ich habe nicht das Recht, die Schmerzen und Beschwerden von Frauen herunterzuspielen, aber ich bin Teil dieses Systems. Staatliche Ärzte arbeiten in einem schwierigen, unterfinanzierten Umfeld und verdienen oft nur etwa 150 Dollar im Monat, was jedoch in keiner Weise Misshandlungen rechtfertigt.«

Eine 2025 in der Fachzeitschrift Reproductive Health veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass weltweit 54,5 Prozent der Frauen während der Geburt Misshandlungen oder Respektlosigkeit erfahren. Ähnliche Muster wurden auch in Ägypten dokumentiert. Laut einer Studie der ägyptischen Universität Al-Minya aus dem Jahr 2025 berichteten 48 Prozent der Frauen von respektloser Geburtshilfe. Von den Befragten gaben 56 Prozent an, dass ihre Privatsphäre nicht respektiert wurde, 77 Prozent berichteten von körperlicher Misshandlung und 52 Prozent, dass von ihnen Trinkgeld gefordert wurde. Darüber hinaus gaben 38 Prozent an, dass ihnen medizinische Eingriffe nicht erklärt wurden, und 15 Prozent berichteten, dass sie nach der Geburt ihr Bett reinigen oder den Boden wischen mussten.

Regime duldet keine Kritik – an irgendetwas

Die Repression gegen Whistleblower Omnia Swaydan fügt sich ein in ein konsistentes Bild des ägyptischen Staates, der immer wieder gegen jene vorgeht, die sich entweder für Menschenrechte einsetzen oder Informationen verbreiten, die die ägyptische Öffentlichkeit beunruhigen oder – aus Sicht des Regimes – das Ansehen Ägyptens im Ausland schädigen könnten.

Dazu gehören etwa auch Frauen, die in den sozialen Medien über sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit berichteten – auch sie werden verfolgt und bestraft. Ebenso tabu ist Kritik am Gesundheitssystem:

Im März 2020 kündigte die Regierung an, strafrechtlich gegen Personen vorzugehen, die angeblich Gerüchte oder falsche Informationen über die Covid-Pandemie verbreiteten. Die Staatsanwaltschaft drohte mit Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren. Anschließend wurden zahlreiche Personen festgenommen, darunter auch Menschen wegen Beiträgen in sozialen Medien. Mehrere Journalisten wurden festgenommen oder angeklagt, nachdem sie über Proteste im Zusammenhang mit Covid berichtet hatten.

Die britische Guardian-Korrespondentin Ruth Michaelson musste Ägypten im März 2020 verlassen, nachdem sie über eine wissenschaftliche Studie berichtet hatte, die eine deutlich höhere Zahl von Covid-19-Fällen vermutete als in den offiziellen Angaben aufgeführt. Außerdem wurden Mitarbeiter der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu festgenommen. Menschenrechtsorganisationen dokumentierten Festnahmen von Ärzten, die öffentlich auf Mängel bei der Schutzausrüstung oder Probleme im Gesundheitssystem hingewiesen hatten.

»Worum es dem Sisi-Regime geht, ist, keinerlei Art von Mobilisierung zuzulassen, egal, was der Anlass ist, ob es die Inflation ist, sexuelle Belästigung, die schlechte Qualität der Schulbildung, das Thema Wohnungen«, sagte Sahar Aziz, Direktorin des Center for Security, Race & Rights an der Rutgers University in New Jersey, schon 2019 im Interview mit Mena-Watch. »Bei jedem Thema, das so allgegenwärtig ist, dass es genug Leute mobilisiert, geht das Regime gegen jeden vor, der es wagt, darüber zu sprechen.« Der Fall Omnia Swaydan scheint diese Einschätzung zu bestätigen.

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