»Gaming-Kultur wird genutzt, um antisemitisch zu mobilisieren«

Constantin Winkler im Mena-Talk: »Gaming-Kultur wird genutzt, um antisemitisch zu mobilisieren«

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Im Mena-Talk mit Jasmin Arémi berichtet der Sozialwissenschaftler Constantin Winkler, Doktorand und Researcher im Forschungsprojekt RadiGaMe am Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung (PRIF), über seine Teilnahme an der Konferenz »Contemporary Antisemitism 2026« in Haifa.

Jasmin Arémi (JA): Sie waren gerade in Haifa bei der »Contemporary Antisemitism 2026«. Was zeichnet diese Konferenz inhaltlich und organisatorisch aus?

Constantin Winkler (CW): Die »Contemporary Antisemitism« ist eine der bedeutendsten internationalen Konferenzen zur zeitgenössischen Antisemitismusforschung. Getragen wird sie von bedeutenden Einrichtungen, allen voran dem London Centre for the Study of Contemporary Antisemitism, mit dem ich als Fellow verbunden bin. Die Konferenz brachte knapp 350 Referierende und noch einmal deutlich mehr Teilnehmende zusammen.

JA: Sie haben dort selbst einen Vortrag gehalten. Worum ging es?

CW: Um antisemitische Mobilisierungsstrategien innerhalb digitaler Spielekultur. Mein Forschungsschwerpunkt liegt bei Antisemitismus und Radikalisierung in Communities digitaler Spiele. Außerdem durfte ich das Panel zu »Antisemitismus und Medien« leiten.

JA: Die Teilnehmenden kamen aus der ganzen Welt. Wie international war die Konferenz tatsächlich?

CW: Sehr international. Es waren viele Menschen aus Israel vor Ort, aber auch aus Deutschland und Österreich, sehr viele aus den USA sowie Forschende aus zahlreichen anderen Ländern. Viele kennen sich bereits aus regionalen oder internationalen Forschungsnetzwerken.

JA: Wie wichtig ist diese Vernetzung gerade für die Antisemitismusforschung?

CW: Sie ist absolut entscheidend. Dort kommt das Who-is-who der zeitgenössischen Antisemitismusforschung in einer Breite zusammen, die andere Konferenzen kaum erreichen. Die Themen reichen von islamistischem und christlichem Antisemitismus über Shoah-Leugnung und -Relativierung, Genozidvorwürfe gegen Israel und akademischem Antisemitismus bis hin zu Gender, Medien, Digitalisierung, Antizionismus und Betroffenenperspektiven. Man kann dort mit zentralen Personen der Antisemitismusforschung in Kontakt kommen und daraus Zusammenarbeit entwickeln. Das halte ich für unverzichtbar – inhaltlich, aber auch angesichts der Feindseligkeit, die einem außerhalb solcher Netzwerke begegnet.

Akademischer Antisemitismus

JA: Sie sprechen von einer zunehmenden Feindseligkeit im akademischen Raum. Was hat sich dort seit dem 7. Oktober verändert?

CW: Eine gewisse Feindseligkeit gegenüber Menschen, die sich mit zeitgenössischem Antisemitismus beschäftigen, gab es bereits vorher. Denn deren Erkenntnisse werden offenbar schnell als persönlicher Angriff empfunden. Das ist weniger der Fall, wenn Antisemitismus als historisches Phänomen behandelt oder ausschließlich bei einigen Rechtsextremen verortet wird.

Spätestens seit dem 7. Oktober ist das Klima im akademischen Raum noch einmal deutlich gekippt. Für Jüdinnen und Juden, aber auch für diejenigen, die sich gegen Antisemitismus positionieren, ist die Universität vielerorts kein sicherer Raum mehr. Das gilt umso mehr für Forschende, die diese Entwicklung selbst zum Gegenstand ihrer Arbeit machen. Ich würde hier von einem antisemitischen Scholar-Aktivismus sprechen, also von einer Verknüpfung wissenschaftlicher Tätigkeit mit antisemitischem Aktivismus. Das zeigt sich zum Beispiel in Besetzungen von Universitätsgebäuden, teilweise mit Unterstützung von Professorinnen und Professoren, in Feindmarkierungen, Bedrohungen und Angriffen. Jüdische und israelische Forschende sowie Einrichtungen sollen boykottiert, Veranstaltungen gestört und Personen, die zu Antisemitismus forschen, mit Rufmordkampagnen überzogen werden.

Ich selbst werde etwa in BDS-nahen Datenbanken geführt, in denen begründet wird, warum man mich boykottieren sollte. Dazu kommen Bedrohungen im Internet oder per Mail. Das Entscheidende ist: All das wird moralisch legitimiert. Man glaubt, diejenigen anzugreifen, die es verdient hätten, und damit selbst auf der richtigen Seite zu stehen. Die Auswirkungen reichen bis in die Forschung hinein. Beiträge werden abgelehnt, weil sie Antisemitismus als solchen benennen. Institute scheuen entsprechende Forschung, weil sie Kooperationen mit BDS-nahen Forschenden nicht gefährden oder nicht selbst zum Ziel werden wollen. Forschenden wird nahegelegt, keine Anträge mehr zum Thema Antisemitismus zu stellen oder sich eine andere Stelle zu suchen. Die Räume werden immer enger.

JA: Gleichzeitig wird häufig behauptet, die Wissenschaftsfreiheit werde gerade durch die Beschäftigung mit Antisemitismus eingeschränkt.

CW: Einige Forschende framen jede Beschäftigung mit Antisemitismus als Versuch der Unterdrückung, durch den man angeblich nichts mehr sagen dürfe. Währenddessen sagen sie genau das von hochkarätigen Podien aus, platzieren ihre Meinungsartikel gut und bekleiden teilweise hochrangige Positionen. Für ihre Äußerungen bekommen sie eher Beifall und werden für ihren Gratismut gelobt. Das ist eine völlig konformistische Rebellion. Jede Kritik wird zur Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit erklärt. Ohnehin muss man sich von der Vorstellung verabschieden, Antisemitismus sei vor allem eine Sache mangelnder Bildung. Das war er noch nie. Auch seine theoretischen Grundlagen und Rechtfertigungen kamen immer wieder aus der Wissenschaft. Dafür braucht es zum Teil erhebliche intellektuelle Kraftanstrengungen.

JA: Wie stark unterscheiden sich die Debatten über Antisemitismus international?

CW: Sehr stark. Über die Situation in Deutschland und Österreich muss man zum Teil fast froh sein, weil es trotz aller antisemitischen Entgleisungen zumindest ein Bewusstsein für Antisemitismus gibt. Dafür haben viele Menschen über Jahrzehnte gegen erhebliche Widerstände gearbeitet. Dieses Bewusstsein wird derzeit zwar wieder infrage gestellt, wirkt aber glücklicherweise noch nach.

In Israel und den USA ist die Situation schon deshalb anders, weil jüdisches Leben dort eine viel umfassendere Normalität besitzt und ein anderes Bewusstsein für Antisemitismus vorhanden ist. Das gibt es in Deutschland so nicht. Viele Menschen glauben hier, noch nie einer jüdischen Person begegnet zu sein. Das dürfte häufig nicht stimmen und hat auch mit Ignoranz zu tun.

Großbritannien ist wiederum ein anderer Fall; dort halte ich die Lage für erheblich bedenklicher als in Deutschland. Besonders schwierig ist sie etwa in Spanien, wo Antisemitismus sehr ausgeprägt ist und es kaum eine bewusste Auseinandersetzung damit gibt – auch nicht in Schulen. Die nationalen Unterschiede sind also gravierend.

Selbstreferenzielle Zirkel

JA: Lassen Sie uns von der akademischen Debatte in den Bereich gehen, zu dem Sie selbst forschen: Antisemitismus und Gaming. Wie wird Gaming-Kultur für antisemitische Mobilisierung genutzt?

CW: Das reicht von eigens entwickelten Spielen mit antisemitischen Inhalten, in denen man etwa Jüdinnen und Juden töten muss, bis zu Modifikationen bestehender Spiele, in die antisemitische Akteure oder Tatorte eingefügt werden. In Sandbox- und Aufbauspielen werden Vernichtungslager nachgebaut, Gaming-Referenzen fließen in antisemitische Terrorpropaganda ein und politische oder reale Aktionen werden gamifiziert. Diese Inhalte transportieren antisemitische Gesellschaftsdiagnosen, entwerfen vermeintliche Zukunftsszenarien oder motivieren direkt zu antisemitischen Handlungen.

JA: Wie offen findet diese Mobilisierung statt? Werden antisemitische Inhalte codiert oder versteckt?

CW: Häufig sehr offen. Auf vielen Plattformen ist es gar nicht nötig, Antisemitismus zu tarnen, weil die Moderation kaum vorhanden ist oder antisemitische Inhalte von Moderationsteams nicht erkannt werden.

JA: Welche Plattformen sind für Ihre Forschung besonders relevant?

CW: Grundsätzlich lässt sich fast jede Plattform und jedes Spiel für antisemitische Mobilisierung nutzen. Besonders beliebt sind Shooter und Strategiespiele, weil sich dort Konflikte austragen und Gegner töten lassen.

JA: Gibt es gezielte Versuche radikaler Gruppen, gerade junge Spielende zu rekrutieren – oder entstehen solche Dynamiken eher von selbst?

CW: Beides. Es gibt politische Organisationen und Gruppen, die gezielt auf Gaming-Plattformen rekrutieren. Sie beteiligen sich an Diskussionen, gründen Gruppen und schicken Personen, die ihnen positiv auffallen, Links zu abgeschotteten Bereichen. Der überwiegende Teil der Inhalte, die wir finden, entsteht allerdings eher organisch. Menschen bringen ihre antisemitischen Ansichten in die Communities ein, können sie dort weitgehend ungestraft äußern, beeinflussen sich gegenseitig, finden zusammen und radikalisieren sich. Das ist häufig weniger ein koordinierter als ein sich selbst verstärkender Prozess.

JA: Welche Rolle spielen digitale Plattformen im Vergleich zu klassischen Medien bei der Verbreitung antisemitischer Narrative?

CW: Digitale Plattformen beschleunigen die Verbreitung enorm. Einzelpersonen und Gruppen können Inhalte einfach produzieren und verbreiten. Durch algorithmische Vermittlung geraten Nutzende zudem schnell in einen Sog, in dem ihnen immer ähnliche Inhalte vorgeschlagen werden – darunter antisemitische Mythen, Fälschungen und Falschbehauptungen. Hinzu kommt der raue Ton im Internet. Beleidigungen und Bedrohungen sind alltäglich. Gleichzeitig ist eine enorme Pseudoexpertise entstanden, indem Menschen glauben, über Dinge Bescheid zu wissen, die weit außerhalb ihrer Expertise liegen. So entstehen selbstreferenzielle Zirkel, in denen Sympathie und Meinungsübereinstimmung mit Fachkenntnis verwechselt werden und man sich gegenseitig als Autorität bestätigt.

JA: Was sagt uns das insgesamt über die gegenwärtigen Dynamiken des Antisemitismus im digitalen Raum?

CW: Dass Antisemitismus dort allgegenwärtig ist und sich rasend schnell normalisieren kann. Es entstehen Ausschlüsse, Menschen werden psychisch angegriffen und die Grenzen dessen, was als sagbar gilt, verschieben sich. Das bleibt nicht im Internet, sondern wirkt auf Offline-Räume zurück – bis hin zu körperlicher Gewalt.

In die Gesellschaft

JA: Was nehmen Sie persönlich von der Konferenz in Haifa mit?

CW: Vor allem die Notwendigkeit solcher Zusammenkünfte. Ich hoffe, auch im nächsten Jahr in Philadelphia wieder dabei zu sein. Ich nehme viele produktive Kontakte, neue Begegnungen, Anregungen für meine Forschung und Erkenntnisse zu Themen mit, mit denen ich mich bisher weniger beschäftigt habe. Und ich habe mich gefreut, einfach wieder einmal in Israel zu sein. Das gehört auch dazu.

JA: Wie können die Erkenntnisse einer solchen Konferenz stärker über den akademischen Raum hinauswirken?

CW: Wissenschaftliche Erkenntnisse über Antisemitismus gehören in eine breite Öffentlichkeit, weil sie die gesamte Gesellschaft betreffen. So wie Antisemitismus teilweise aus akademischen Theorien heraus legitimiert wurde, kann umgekehrt die kritische Auseinandersetzung mit ihm aus der Wissenschaft in die Gesellschaft getragen werden. Dafür müssen Forschende, die zu Antisemitismus arbeiten, ihre Erkenntnisse verständlich kommunizieren wollen. Gleichzeitig müssen ihnen dafür Räume geboten werden. Und da kommen auch die Medien ins Spiel.

JA: Gab es eine Begegnung auf der Konferenz, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

CW: Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Abendessen mit geschätzten Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Ländern. Wir haben darüber diskutiert, wie auf den 7. Oktober hätte reagiert werden sollen, wie die aktuelle Konfliktentwicklung zu beurteilen ist und welche Verfehlungen es bei der israelischen Regierung gibt. Es gab vielfältige Positionen und angeregte Diskussionen auf Augenhöhe.

Eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Bemerkenswert ist es für mich deshalb, weil gerade diese Diversität und das Aushalten von Ambiguitäten denjenigen oft nicht klar zu sein scheinen, von denen man angefeindet wird, sobald man Antisemitismus kritisiert. Politische Entwicklungen kann man auch in Israel – und gerade innerhalb Israels – scharf kritisieren, ohne die Notwendigkeit dieses Staates infrage zu stellen oder in antisemitische Muster zu verfallen. Kritik kann gerade daher rühren, dass einem nicht egal ist, welche Folgen politische Entscheidungen für Menschen in Israel haben. Das sind eigentlich Selbstverständlichkeiten, die momentan alles andere als selbstverständlich erscheinen.

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