Die Feinde der Freude: Wenn Fußball zum politischen Thema wird

Fußball im Iran: Leere Ränge im Azadi-Stadion in Teheran
Fußball im Iran: Leere Ränge im Azadi-Stadion in Teheran (© Imago Images /Anadolu Agency)

Das iranische Regime fürchtet Fußballfans als unberechenbare Menschenmenge, weswegen es seit den Protesten von 2025/26 den Besuch von Stadien weiter restringiert.

Am 19. Juli ist die Fußball-Weltmeisterschaft zu Ende gegangen – ein Turnier, das über einige Wochen hinweg Millionen von Menschen in den meisten Teilen der Welt trotz ihrer politischen und sozialen Unterschiede um eine gemeinsame Leidenschaft vereint. Für viele Iraner hingegen ist Fußball nicht einfach nur Fußball. Für sie sind die Auftritte der Nationalmannschaft in den letzten Jahren mehr als nur ein Sportereignis geworden. Vielmehr wurden sie zu einer Bühne für das Aufeinandertreffen von Fußballbegeisterung, nationaler Identität, politischer Wut und den Erwartungen an die Sportler. Die letzte Weltmeisterschaft bildete da keine Ausnahme.

Das letzte Ventil

Fußball hat im Iran eine riesige Anhängerschaft, und das Anschauen von Spielen – insbesondere der Nationalmannschaft – ist für einen großen Teil der Gesellschaft nicht bloße Unterhaltung. Fußball ist eine Gelegenheit, zusammenzukommen, zu jubeln, sich zu begeistern und für kurze Zeit den Druck des Alltags zu vergessen.

Dies gewinnt angesichts schwieriger wirtschaftlicher Bedingungen noch mehr an Bedeutung. Wenn Reisen, Essen gehen, Partys, Konzerte, Feiern und viele andere Formen der Freizeitgestaltung für einen großen Teil der Gesellschaft kostspielig, eingeschränkt oder unerreichbar werden, wird Fußball zu einer relativ günstigen und zugänglichen Form der Unterhaltung. Dabei haben die Stadien die Funktion, öffentliche Räume der Begeisterung, aber auch des Ausdrucks von Unzufriedenheit zu sein. Genau diese Eigenschaft hat in den letzten Jahren die Sensibilität der iranischen Regierung gegenüber dem Publikum auf den Rängen geschärft.

Beispiele für solchen Protest in Stadien gibt es seit Jahren in Ländern wie Marokko, Ägypten und der Elfenbeinküste. In den letzten Jahren wurden parallel zum Aufkommen sozialer Proteste auch die iranischen Stadien zu einem Ort, an dem Unzufriedenheit zum Ausdruck gebracht wird. Bei Fußballspielen skandierten die Zuschauer politische Parolen gegen das Regime. Zeitweise verwandelten sich die Stadien so in Orte, an denen die Stimme des Protests von der Straße aufgegriffen und weitergetragen wurde.

Angesichts der staatlichen Beschränkungen bei Protestversammlungen sowie des harten Vorgehens gegen Demonstranten wurde der Stadionbesuch für Iraner mittlerweile fast zur einzigen Gelegenheit, sich zu Zehntausenden zu versammeln. Dieser Trend gewann nach den »Frau, Leben, Freiheit«-Protesten von 2022 an Bedeutung.

Für viele Demonstranten waren die Sportler nicht nur Teil der Gesellschaft, sondern wegen ihrer Vorbildwirkung wurde von ihnen erwartet, dass sie den politischen und sozialen Ereignissen um sie herum nicht gleichgültig gegenüberstehen. Einige bekannte Sportler – wie Ali Daei, Voria Ghafouri, Soroush Rafiei und Karim Bagheri – nahmen denn auch Positionen ein, die von der offiziellen Darstellung der Regierung abwichen, oder bekundeten gar ihre Unterstützung für die Demonstranten.

Deswegen bedeutet ein leeres Stadion für die Regierung nicht einfach nur ein Spiel ohne Zuschauer. Die Sperrung der Tribünen für Zuschauer bedeutet vielmehr, einen potenziellen öffentlichen Raum für den Ausdruck von Unzufriedenheit zu beseitigen. Dementsprechend fanden in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche Spiele ohne Zuschauer statt. Dem Azadi-Stadion etwa, einer der symbolträchtigsten Spielstätten des Iran, wird seit langem die Ausrichtung von Spielen mit großer Zuschauerpräsenz verwehrt. Als Gründe für diese Entscheidungen wurden unter anderem infrastrukturelle Probleme, Sicherheitsbedenken oder der Zustand der Tribünen angeführt.

Angesichts dessen könnte sich die Frage stellen, warum in einem Land mit einer so fußballbegeisterten Bevölkerung die Zuschauer zu einem problematischen Element geworden sind. Weiß man aber, dass das Regime die Zuschauer als unorganisierte und unberechenbare Menschenmenge betrachtet, wird klar, dass die Entleerung der Stadien Teil einer umfassenderen Politik ist, die darauf abzielt, Räume für öffentliche Versammlungen einzuschränken.

Der Widerspruch zwischen öffentlichen Erwartungen und vom Regime durchgesetzten Vorgaben zeigte sich bei den letzten Weltmeisterschaften noch deutlicher als zuvor. Nach der Tötung von Jina Mahsa Amini im Jahr 2022 und den darauffolgenden landesweiten Protesten erwarteten viele Iraner von den Spielern der Nationalmannschaft, dass sie sich für die Demonstranten einsetzen würden – so wie es zu verschiedenen Zeitpunkten bereits eine Reihe iranischer Sportler getan hatte, die ihre politischen und gesellschaftlichen Standpunkte deutlich gemacht hatten.

Auch bei jüngeren Sportveranstaltungen hat diese Erwartungshaltung nicht nachgelassen. Insbesondere nach den Protesten und der Tötung Zehntausender Iraner in den Jahren 2025 und 2026 hat die Sensibilität der Gesellschaft gegenüber den von Sportlern eingenommenen Positionen zugenommen. Infolgedessen geht es für viele Iraner beim Fußball nicht mehr nur um den Ausgang eines Spiels. Mehr als nur Sportler sind die Spieler vielmehr zu Symbolen für Hoffnung und Widerstand geworden oder zu Inkarnationen von Schweigen und Mitschuld. Dies erklärt, warum kritische Fußballer wie Voria Ghafouri und Ali Karimi – auch wenn sie längst nicht mehr aktiv sind – in den Stadien stärker bejubelt werden als Spieler, die tatsächlich auf dem Platz stehen, sich aber in Schweigen hüllen oder gar offen regimeaffin sind.

Feinde der Freude

Eine der vielleicht bedeutendsten Folgen der aktuellen Lage im Iran ist, dass viele Erfahrungen des täglichen Lebens zu politischen Angelegenheiten geworden sind. Sportveranstaltungen, Feste und Feiern, Musik und Konzerte, Freizeitaktivitäten und Reisen sind im Laufe der Jahre mit unterschiedlichen Einschränkungen und Hindernissen konfrontiert worden. Dies gilt auch für die Anwesenheit von Frauen in bestimmten öffentlichen Räumen und sogar für die Art und Weise, wie sich die Menschen kleiden.

Eine Gesellschaft, die die Möglichkeit verliert, sich zu versammeln und in Austausch zu treten, zu feiern und ihre Gefühle frei auszudrücken, mag für die Machthaber ruhig erscheinen, muss dies aber keineswegs sein. Stimmen durch Repression zu kontrollieren und mundtot zu machen, bedeutet nicht, Unzufriedenheit zu beseitigen. Manchmal führt stärkerer Druck auf öffentliche Räume nur dazu, dass Wut und Verzweiflung aus der Öffentlichkeit in verborgene Schichten der Gesellschaft abwandern.

Die Regierung in Teheran als »Feind der Freude« der Iraner zu bezeichnen, mag auf den ersten Blick wie ein politischer Slogan klingen. Doch hinter dieser Charakterisierung verbirgt sich die tiefe Kluft zwischen der herrschenden Macht und dem gesellschaftlichen Alltag. Die Stadien sind zu einer Arena für politische Inszenierungen geworden, die diese Kluft übertünchen sollen. Waren einst Regierungsslogans und staatliche Symbole in den Stadien Ausdruck der Kontrolle der Regierung über den Sport, so sind es heute die menschenleeren Ränge, die als Symbol und Zeichen dieser Kontrolle zu gelten haben.

Die Stadien wurden geräumt, damit die Stimmen der Tribünen nicht zu hören sind. Auch nach der Weltmeisterschaft deuten Nachrichten zu Beginn der neuen Saison darauf hin, dass diese Situation anhalten wird und die Spiele ohne Zuschauer stattfinden müssen. Sieben Monate, nachdem die Zuschauer zuletzt ein Stadion betreten konnten, ist eine Rückkehr noch immer nicht sicher. Auf diese Weise wird das, was einst als Ausnahme und vorübergehende Entscheidung erschien, allmählich zum Normalzustand des iranischen Fußballs: ein Sport ohne Menschen, die vom Regime als Gefahr angesehen werden – und denen deswegen jeder öffentliche Raum genommen werden muss.

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