Der »All Eyes on Gaza«-Bericht: Anatomie antisemitischer Normalisierung (Teil 2)

Holocaust-Relativierung auf der von »All Eyes on Gaza«-Studie untersuchten Demonstration

Die Studie über die Ausrichtung der Gaza-Solidarität kann keinerlei Repräsentativität in Anspruch nehmen, da an ihr nicht einmal ein halbes Prozent der Beteiligten an einer einzigen Demonstration teilgenommen hat.

Kamil Majchrzak

Das Papier mit dem Titel All Eyes on Gaza/Zusammen für Gaza. Profil der Solidaritätsproteste am 27. September 2025 ist eine gemeinsame Studie von Wissenschaftlern des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), des Zentrums für Konfliktforschung (Philipps-Universität Marburg) und des INTERACT Zentrums der Freien Universität Berlin unter dem Dach des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) und kommt zu dem Schluss, dass die bislang größte antiisraelische und weitgehend antisemitische Demonstration vom 27. September 2025 in Berlin »deutlich bürgerlich-zivilgesellschaftlich geprägt« war.

In der dreiteiligen Mena-Watch-Reihe werden die Ergebnisse einer kritischen Prüfung unterzogen.

Der Bericht über die Ausrichtung der Gaza-Solidarität erhebt keine Beobachtungsdaten zum tatsächlichen Verlauf der Demonstration, keine Video- oder Fotoanalyse, keine systematische Erfassung von Parolen oder Symbolen. Die Studie selbst weist an keiner Stelle nach, dass die Proteste faktisch gewaltfrei verliefen oder keine antisemitischen Vorfälle stattfanden. Stattdessen konzentriert sich die Erhebung auf die Binnenwahrnehmung einiger Teilnehmer, jedoch gerade nicht über qualitative Fragen wie zum Beispiel zu deren Einschätzung, ob sie selbst Antisemitismus auf der Demonstration erlebt oder beobachtet hätten.

Nicht repräsentativ

Diese methodische Entscheidung mag wissenschaftlich noch vertretbar sein, ist aber zumindest zweifelhaft, insbesondere, wenn die Studie von Anfang an deklariert, ihre Befunde lieferten das »empirische Gegenbild zu stark politisierten aber verbreiteten Generalisierungen – etwa der pauschalen Darstellung von Palästina-Solidarität als extremistisch – durch belastbare Evidenz zur Heterogenität und Binnenvielfalt der Teilnehmenden.« [Schreibweise im Original]

Wenn Forscher nur die Selbstwahrnehmung von Demonstrierenden abfragen, dann spiegeln die Ergebnisse gerade nicht die Realität des Geschehens, sondern lediglich das Selbstbild der Akteure wider. Die bewusste Auswahl eines solchen Forschungsdesigns ist nicht nur unzureichend, sondern erweckt den Eindruck, Antisemitismus wäre nur eine böswillige Zuschreibung von außen, die widerlegt werden müsse. Genau dies wird durch die Ausführungen auch postuliert. Die Studie ersetzt damit objektive Beobachtung durch subjektive Deutung.

Die Befragung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) basierte auf der Selbstauskunft von 301 Personen (jedoch wurden nur 244 Fragebögen vollständig ausgefüllt), die auf den Demonstrationen rekrutiert und anschließend online befragt wurden, sowie 43 Kurz-Interviews. Die Rücklaufquote betrug rund dreißig Prozent bezogen auf die Gesamtzahl der verteilten Einladungen unter den Demonstrationsteilnehmern.

Das bedeutet, dass je nach zugrunde gelegter Teilnehmerzahl – 100.000 laut Veranstaltern bzw. 60.000 laut Polizei – die Validität der Studie auf Selbstauskünften von jeweils 0,24 bzw. 0,41 Prozent der Demonstranten beruht. Die Autoren geben selbst zu, dass die Befragung nicht auf statistische Repräsentativität ausgelegt sei, sondern eine analytische Vergleichbarkeit mit früheren ipb-Erhebungen angestrebt war. Es handelt sich damit um eine klassische Selbstselektionsstichprobe und nicht um eine Repräsentativerhebung im strengen Sinn.

Ideologie statt Empirie

Am vergangenen 21. Oktober erklärte das an der Studie beteiligte Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) auf seinem LinkedIn-Kanal: »Eine neue Studie […] liefert nun belastbare Daten: Wer hat dort demonstriert? […] Viele nahmen zum ersten Mal an einer Gaza-Demonstration teil – und verbanden ihre Teilnahme mit dem Wunsch, ein Zeichen gegen Gewalt und für Menschenrechte zu setzen.« Das ist keine nüchterne Wissenschaftskommunikation, sondern moralisch gefärbtes Storytelling. Das Wort »belastbar« suggeriert empirische Objektivität, wo es sich in Wahrheit um eine nicht repräsentative Selbstselektionsstichprobe unter einem Prozent der Teilnehmer handelt.

Die Freie Universität Berlin ging in ihrer Pressemitteilung Nr. 163/2025 noch weiter: »Forschende der Freien Universität Berlin […] legen erstmals repräsentative Daten zur Zusammensetzung und Motivation der Teilnehmenden vor.« Das ist faktisch falsch. Die Autoren erklärten im Methodenteil ausdrücklich, dass die Studie nicht repräsentativ ist. Eine Stichprobe von gerade einmal dreihundert Befragten unter schätzungsweise 60.000 bzw. 100.000 Demonstranten kann keine Repräsentativität beanspruchen. Der Begriff ist daher nicht nur ungenau, sondern irreführend.

In allen Mitteilungen fällt zudem, genauso wie in der Studie selbst, neben dem Begriff »Engagierte« auch die konsequente Verwendung des Begriffs »Palästina-Solidarität« auf. Keiner der beteiligten Experten will offenbar von »pro-palästinensischen Demonstrationen« sprechen. »Solidarität« ist dagegen ein moralischer Begriff: Er bezeichnet Empathie, Gemeinschaft, Gerechtigkeit. Durch diese Wortwahl wird der Forschungsgegenstand wertend kodiert, noch bevor die Analyse beginnt, und die Empirie tritt zurück hinter eine ideologische Haltung.

Besonders deutlich wird dieser Bias in einem Mail des Mitautors Jannis Grimm, mit der er am 21. Oktober über den offenen Verteiler der Assoziation kritische Gesellschaftswissenschaften (AkG)als Erster die Studie ankündigte. Dort heißt es:

»Bei der gemeinsamen Studie von Kolleg*innen des Zentrum für Konfliktforschung (Philipps-Universität Marburg), des INTERACT Zentrums der Freie Universität Berlin und des DeZIM-Institut unter dem Dach des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) handelt es sich um die erste systematische Studie zu Zusammensetzung, Zielen und Haltung palästinasolidarischer Protesten in Deutschland. […] Für Deutschland fehlten bislang belastbare Daten zu Zusammensetzung und Einstellungsprofil der Palästina-Solidaritätsproteste. Die innergesellschaftlichen Konflikte, die sich um die Palästina-Solidarität auf deutschen Straßen entsponnen haben, sind aber prägend für die Zukunft der postmigrantischen Gesellschaft.« [Schreibweise im Original]

Schon der Adressatenkreis ist aufschlussreich. Die AkG versteht sich in ihrer Selbstdarstellung als »offener Zusammenschluss« politisch engagierter Sozialwissenschaftler, der Theorie- und Praxisfragen verbindet(AkG-Website). Sie ist Mitunterzeichnerin der Erklärung »Stärken statt Regulieren« (Januar 2025) gegen den Bundestagsbeschluss »Antisemitismus und Israelfeindlichkeit an Schulen und Hochschulen entschlossen entgegentreten sowie den freien Diskursraum sichern«, in der vor einer »Diskriminierung und Kriminalisierung von arabischen und palästinensischen Schüler:innen und Student:innen« gewarnt wird. Zu den Unterzeichnern gehören im Übrigen auch andere Autoren der Studie wie INTERACT und Felix Anderl.

Sie kritisieren darin unter anderem auch, dass der Antrag die bereits »verabschiedete und breit kritisierte Bundestagsresolution ›Nie wieder ist jetzt!‹, die für Kunst und Wissenschaft noch weitgehend unspezifizierte Einschränkungen vorsah«, erweitert und angeblich »die Freiheit von Lehre und Forschung [gefährdet]«.

Zur Erinnerung: Mit dem Antrag »Nie wieder ist jetzt – Jüdisches Leben in Deutschland schützen, bewahren und stärken« antwortete der Deutsche Bundestag auf die antisemitischen Massaker vom 7. Oktober 2023 und die wachsende antijüdische Mobilisierung durch die Israelboykottbewegung BDS. Das Parlament unterstrich darin, »dass die Bekämpfung des Antisemitismus die gemeinsame Aufgabe aller Demokratinnen und Demokraten darstellt. Deutschland trägt vor dem Hintergrund der Shoah, der Entrechtung und der Ermordung von sechs Millionen europäischer Jüdinnen und Juden, eine besondere Verantwortung im Kampf gegen Antisemitismus. Wir müssen auf Antisemitismus hinweisen, vor ihm warnen und laut und sichtbar gegen ihn eintreten.«

Auch zuvor, etwa im Jahr 2012 im Kontext der Judith-Butler-Kontroverse um die Verleihung des Adorno-Preises an die antiisraelische Theoretikerin, hatte die AkG öffentlich Partei ergriffen. Seit dem 7. Oktober 2023 entwickelte sich der offene Verteiler der AkG zunehmend zu einem der zentralen Orte für Wissenschaftler, in dem antisemitische und antiisraelische Inhalte ohne Konsequenzen geteilt werden können. Damit ist sie ein politisch positioniertes Netzwerk, verstrickt in den BDS-Komplex, und kein neutraler Fachverteiler. Dass Grimm seine Ankündigung erstmals über diesen Kanal verbreitete, adressiert also eine aktivistische antiisraelische Öffentlichkeit mit klarer Positionierung zum arabisch-israelischen Konflikt.

Grimms Feststellung, dass die »innergesellschaftlichen Konflikte, die sich um die Palästina-Solidarität auf deutschen Straßen entsponnen haben, aber prägend für die Zukunft der postmigrantischen Gesellschaft seien«, offenbart den normativen Überschuss der gesamten Kommunikation. Grimm erhebt die »Palästina-Solidarität« zum Prüfstein der deutschen Zukunft. Damit verlässt die Forschung den Boden der Beschreibung und betritt den Raum der gesellschaftlichen Heilsdeutung.

Diese Struktur erinnert an das, was die Antisemitismusforschung als »Erlösungslogik« (Saul Friedländer) bezeichnet: Die Vorstellung, eine Gesellschaft könne ihre moralische Ganzheit wiedererlangen, wenn sie ein bestimmtes Problem, hier das »Unrecht an Palästina«, bearbeitet. Solche Heilssemantik verschiebt Empirie hin zur Moral und moralisiert zugleich das Verhältnis zu Israel. Palästina wird zur Projektionsfläche deutscher Selbstvergewisserung. Das ist ein soteriologisches Denkmuster, das in sittlich-esoterisches Engagement übersetzt wird. Damit reproduziert es in säkularisierter Form ein bekanntes Motiv: die Suche nach moralischer Läuterung auf Kosten der jüdischen Perspektive.

Wenn die Bemerkung des israelischen Psychoanalytikers Zvi Rex zutrifft, dass die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden, dann trifft es auch zu, dass sich das selbst als progressiv verstehende Milieu der deutschen Wissenschaft dem jüdischen Staat den 7. Oktober 2023 nie verzeihen wird, der sie in – für sie selbst – unlösbare Widersprüche ihrer Identität und Verstrickung in den Antisemitismus brachte.

Interessenkonflikte im Forschungsteam

Wissenschaftliche Redlichkeit beginnt nicht mit der Statistik, sondern mit Integrität. Noch bevor eine Zahl erhoben, ein Fragebogen verteilt ist, entscheidet sich, ob ein Forscher Beobachter oder Partei ist. Im Fall der Studie All Eyes on Gaza war diese Grenze früh verwischt. Der bereits genannte Mitautor Jannis Grimm trat bereits vor Beginn der Erhebung als Deuter der antiisraelischen Proteste auf.

So erklärte er am 11. Juli 2025 im Tagesspiegel, »das Auftreten der Polizei ist alles andere als deeskalativ«, eine Einschätzung, die für die spätere Studie an Relevanz gewann. Am 26. September, einen Tag vor Beginn der Befragungen, legte er im Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) nach: »Natürlich gibt es Gruppen, die Sympathien mit Hamas und Hisbollah zeigen – die sind aber bei Weitem nicht der tragende Kern.«

Die Nähe zum Untersuchungsgegenstand besteht nicht nur intellektuell, sondern auch personell. In der Danksagung der Studie werden Feldforscher genannt, die zuvor selbst Teil des politischen Milieus waren, das sie untersuchen sollen. Damon Taleghani und Vedika Singhania unterzeichneten offene Briefe auf The Left Berlin, in denen die deutsche Nahostpolitik als »Komplizenschaft mit Israels Kolonialverbrechen« bezeichnet und der deutschen Presse eine »Diffamierung pro-palästinensischer Stimmen« vorgeworfen wurde.

Solche Erklärungen sind politische Akte und keine wissenschaftlichen Positionen. Dass Unterzeichner dieser Texte später im Namen der Wissenschaft als Feldforscher dieselben Demonstrationen untersuchten, begründet einen Interessenkonflikt, den der DFG-Kodex ausdrücklich benennt: Forschende müssen alle Tatsachen offenlegen, die geeignet sind, die Besorgnis einer Befangenheit zu begründen. Doch die Studie schweigt dazu. Sie verschweigt auch, wie diese Nähe methodisch ausgeglichen werden sollte.

Die Plattform The Left Berlin wiederum hat sich selbst als solidarisch mit Gruppierungen erklärt, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als »gesichert extremistische Bestrebungen« bewertet werden, darunter BDS Berlin, BDS Bonn und die Organisation »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.«.

Dass Feldforscher mit einer derart klaren politischen Parteinahme bei der Datenerhebung tätig waren, begründet einen erheblichen Interessenkonflikt. Wer den Gegenstand seiner Sympathie befragt, findet Bestätigung, keine Erkenntnis. Diese Form der Wissenschaft ist vielleicht keine Lüge, aber auch nicht mehr als ein Selbstgespräch. Sie will nicht entdecken, sondern bestätigen, dass sie auf der richtigen Seite steht.

Lesen Sie morgen Teil 3 der Analyse.

Der polnisch-deutsche Jurist Kamil Majchrzak gründete wenige Tage nach dem 7. Oktober 2023 und dem Brandanschlag auf die Kahal-Adass-Jisroel-Gemeinde in Berlin die Initiative »Mahnwachen gegen Antisemitismus«. Er setzte sich dabei gemeinsam mit anderen Engagierten für den Schutz jüdischen Lebens und die Freilassung der aus Israel von der Hamas und anderen islamistischen Terrorgruppen entführten Menschen ein. Majchrzak fordert die Übernahme von Verantwortung durch Migranten im Kampf gegen Antisemitismus ein. Für sein Engagement im Deutschen Bundestag für die Auszahlung von Ghetto-Renten an osteuropäische Juden und Roma wurde er 2015 mit der Mordechaj-Anielewicz-Medaille »Aufstand im Warschauer Ghetto« und 2019 mit dem Hans-Frankenthal-Preis der Stiftung Auschwitz-Komitee ausgezeichnet.

Vom Marxismus zum Postkolonialismus

Das manichäische Weltbild des antiimperialistischen Marxismus reproduziert sich im postkolonialen Dualismus zwischen »kolonialem Westen« und »globalem Süden«.

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