Kurz nachdem rund 50.000 Menschen die Grenze zwischen Marokko und der spanischen Enklave Ceuta überrannt hatten, begannen die üblichen Verdächtigen, Israel dafür verantwortlich zu machen.
Canaan Lidor
Nur wenige Stunden, nachdem am vergangenen Donnerstag Zehntausende Menschen aus Marokko in die spanische Enklave Ceuta gestürmt waren, verbreitete der spanische Schauspieler Javier Bardem eine Theorie darüber, wer hinter diesem massiven Grenzübertritt in sein Heimatland stecke. Die von Bardem – einem lautstarken Verfechter der palästinensischen Sache, der Israel öffentlich des Völkermords bezichtigt hat – weiterverbreitete Theorie machte Israel verantwortlich und unterstellte, das Land habe den 5.000 Kilometer von seinem Hoheitsgebiet entfernten Grenzsturm inszeniert, um die spanische Regierung für ihre antiisraelische Politik zu bestrafen.
Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, bezeichnete Bardems Beitrag als »lächerliche neue Verschwörungstheorie durch einen weiteren einfältigen Schauspieler«. In Anspielung auf eine Komödie aus dem Jahr 1994 mit Jim Carrey und Jeff Daniels in den Hauptrollen beschrieb Huckabee den spanischen Schauspieler als »›Dumm & Dümmer‹ in einer Person«.
Ungeachtet der Kritik verbreiteten sich die Beiträge von Bardem und andere mit ähnlichen Verschwörungstheorien über die Vorfälle in Ceuta in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer – oft begleitet von explizit antisemitischer Rhetorik.
Antiisraelische Verschwörungstheorien
Am Donnerstag durchbrachen mindestens 50.000 Menschen, überwiegend junge Männer, den Ceuta umgebenden Grenzzaun, während andere schwimmend an der Küste landeten. Die Sicherheitskräfte waren durch den Ansturm überfordert, wodurch viele die Grenze zu Spaniens Enklave an der afrikanischen Mittelmeerküste überschreiten konnten. Dabei starben mindestens 72 Menschen durch Massenpanik, Zusammenstöße und Ertrinken. Die Behörden vor Ort teilten mit, das die meisten derjenigen, denen der Durchbruch gelungen war, nach Marokko zurückgeschickt worden seien, dessen Hoheitsgebiet Ceuta umgibt. Spanien und Marokko liefern sich seit Jahrzehnten gegenseitige Vorwürfe wegen der von Spanien kontrollierten Gebiete in Nordafrika.
Ein von Javier Bardem im Nachgang auf Instagram – wo er 1,5 Millionen Follower hat – geteilter Beitrag war ein Monolog des indischen Komikers Sundeep Bhardwaj, in dem es hieß: »Falls ihr euch fragt, was die Vereinigten Staaten oder Israel damit zu tun haben: Wie immer: Alles. Spanien ist das einzige Land, das sich öffentlich geweigert hat, den Vereinigten Staaten und Israel dabei zu helfen, ihren Völkermord in Palästina zu begehen. Deshalb hat Israel Spanien im letzten Jahr offen bedroht.«
Ein weiterer von Bardem geteilter Beitrag lautete: »Wir wissen nicht, wer diese Krise inszeniert hat, aber wir wissen, wer von einem geschwächten, destabilisierten Spanien profitiert: Israel und die westliche extreme Rechte, die darauf aus ist, Migration als Waffe gegen Muslime einzusetzen.«
Doch Bardem wer bei weitem nicht der einzige, der solche Verschwörungstheorien verbreitet. Der spanische Verkehrsminister Oscar Puente etwa retweetete einen Kommentar des israelischen UN-Botschafters Danny Danon zum Grenzraum von Ceuta und schrieb zu Danons Äußerungen: »Nun, die Dinge werden langsam ziemlich klar.« Danon hatte in seinem Tweet erklärt: »Bevor [Spanien] uns weiterhin Belehrungen erteilt, ist es vielleicht an der Zeit, dass es der Welt erklärt, warum es immer noch koloniale Enklaven in Afrika unterhält.«
Die in den USA ansässige Combat Antisemitism Movement (CAM) stellte fest, dass 119 Influencer-Konten für 173 Beiträge verantwortlich waren, die im Kontext der Vorfälle in Ceuta eine »globale antisemitische Verschwörung« verbreiteten. Die Beiträge erzielten innerhalb von zwei Tagen 57,5 Millionen Aufrufe mit einer geschätzten Reichweite von 103,1 Millionen Zuschauern, 1,9 Millionen Likes und 368.400 Shares.
Jede Gesellschaft »hat ihr kontingent an Verschwörungstheoretikern«,sagte der Autor und Direktor des David S. Wyman Institute for Holocaust Studies in Washington, Rafael Medoff, gegenüber JNS. »Die Gefahr besteht darin, wenn diese wahnwitzigen Theorien aus den Randbereichen in den Mainstream vordringen – und wenn diese Theorien darauf abzielen, Hass gegen eine Minderheit zu schüren.«
Bardems »aufwieglerische Rhetorik trägt dazu bei, die Flammen des antijüdischen Hasses weltweit weiter anzufachen, und das zu einer Zeit, in der dieser Hass bereits in einem Land nach dem anderen in Gewalt ausartet«, fügte Medoff hinzu. Er bezeichnete es als »den Gipfel der Verantwortungslosigkeit, dass Javier Bardem seine Stellung als einer der prominentesten und am meisten bewunderten Schauspieler Spaniens nutzt, um Hass gegen Israel zu schüren«.
Die »Beweise« der Verschwörungstheoretiker
Während der Grenzsturm in Ceuta der Regierung des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez viele Kritik einbrachte, wiesen einige der Sánchez-Befürworter mit dem Finger auf externe Akteure, die die Schuld trügen: auf Marokko, Israel und die Regierung von US-Präsident Donald Trump. Zuvor war Trump mit Sánchez aneinandergeraten, weil der spanische Ministerpräsident sich gegen die gemeinsame militärische Operation der USA und Israels im Iran aussprach und versuchte, die Nutzung von US-Luftwaffenstützpunkten in Spanien zu erschweren.
Verkehrsminister Puente schrieb auf X: »Einige in Washington, Tel Aviv und Rabat sowie einige wenige, die in Madrid in deren Schatten aufwachsen, wollten Bilder von unseren Sicherheitskräften und Streitkräften, die Kinder an den Stränden mit Maschinengewehren beschießen.«
Es gibt keinerlei Beweise, die Israel oder die USA mit den Ereignissen in Ceuta in Verbindung bringen. Insofern mussten, die einen solchen Zusammenhang herstellen wollen, zum Beispiel auf einen sieben Jahre alten Tweet von Yair Netanjahu, dem Sohn des israelischen Premierministers, verweisen, in dem dieser geschrieben hatte: »Liebe Araber und Muslime. Wollt Ihr besetzte arabisch-islamische Gebiete befreien? Hier wäre ein guter Anfang!«. Dabei verwies er auf eine Karte, die mehrere spanische Enklaven in Afrika zeigte. In einem von Bardem und anderen geteilten Beitrag hieß es: »Yair Netanjahu hat ›Araber und Muslime‹ öffentlich dazu aufgerufen, Ceuta und Melilla zu ›befreien‹.«
Yair Netanjahu äußerte sich am Freitag dazu und erklärte, er habe den Tweet 2019 gepostet, um Spaniens »Heuchelei« bei der Kritik an Israels Präsenz im Westjordanland aufzudecken. »Ich stelle fest, dass antisemitische Verschwörungstheoretiker diesen Tweet aus dem Jahr 2019 als ›Beweis‹ für ihre absurden Verleumdungen gegen Juden und Israel nutzen«, schrieb der Sohn des israelischen Premierministers am Freitag.
Spanien ist eines von mehreren EU-Mitgliedstaaten, die sich der Klage Südafrikas aus dem Jahr 2023 angeschlossen haben, in der Israel Völkermord im Gazastreifen vorgeworfen wird. Premierminister Sánchez bezeichnete Israel im vergangenen Jahr als »Völkermordstaat«. Jerusalem hat Madrid im Gegenzug vorgeworfen, den Anstieg antisemitischen Hasses zu schüren.
In den sozialen Medien haben einige die antiisraelischen Verschwörungstheorien zu Ceuta mit der schmerzvollen jüdischen Geschichte in Spanien in Verbindung gebracht. Dort wurden die Juden nach der 1492 beginnenden Inquisition jahrhundertelang verfolgt worden.
Ángel Mas, der Gründer der in Madrid ansässigen proisraelischen Organisation Action and Communication in the Middle East (ACOM), wiederum widersprach der Darstellung, nach der die Vorfälle in Ceuta den Antisemitismus in Spanien geschürt hätten. »Das moderne Spanien ist keine antisemitische Gesellschaft. Die Geschichte des Mittelalters ist kein verlässlicher Maßstab für das heutige Spanien, genauso wenig wie sie es für England, Frankreich, Deutschland oder die Schweiz wäre«, erklärte der scharfe Kritiker der Sánchez-Regierung.
