»Im Exil organisiert«

Der Exil-Gazaner Mohammed Altlooli (2. v. li.) im Europäischen Parlament
Der Exil-Gazaner Mohammed Altlooli (2. v. li.) im Europäischen Parlament (Quelle: Instagram Mohammed Altlooli)

Im Interview mit Jasmin Arémi spricht der aus dem Gazastreifen stammende und vor der Hamas geflohene Autor und Friedensaktivist Mohammed Altlooli über die Probleme im europäischen Exil.

Jasmin Arémi (JA): Herr Altlooli, können Sie uns mehr über Ihre Rolle in dem Prozess erzählen, der dazu geführt hat, dass die niederländische Regierung Aufenthaltsgenehmigungen für Palästinenser aus dem Gazastreifen ausstellt?

Mohammed Altlooli (MA): GegenEnde des letzten Jahres habe ich an einer Diskussion über den palästinensischen Schullehrplan teilgenommen. In diesem Zusammenhang habe ich Vertreter mehrerer Staaten dazu aufgefordert, die humanitäre Verantwortung stärker wahrzunehmen und mehr Familien aufzunehmen, die den Gazastreifen verlassen möchten. Diese Gespräche habe ich unter anderem mit Bert-Jan Ruissen und Nicolas Herbst und weiteren Beamten der niederländischen Regierung geführt.

Ein zentraler Punkt war dabei auch die sogenannte »griechische Fingerabdruck-Problematik«. Viele Asylsuchende sehen sich gezwungen, zunächst nach Griechenland zu reisen, obwohl sie dort kaum Unterstützung erhalten. Die Menschen sind erschöpft von der Flucht, von systemischer Korruption und vom anhaltenden Krieg. Sie wollen schlicht überleben. Ich habe diese Fragen sowohl mündlich als auch schriftlich adressiert. Die Resonanz war von Empathie geprägt und ich bin überzeugt, dass dieser Druck zu der Entscheidung beigetragen hat.

JA: Dutzende Palästinenser, die zuvor unter griechischem Schutz standen, können nun in die Niederlande weiterziehen. Was bedeutet diese Veränderung für die Betroffenen?

MA: Ich habe selbst einen Antrag in Belgien gestellt, der abgelehnt wurde, da ich angeblich nicht die Voraussetzungen für eine Familienzusammenführung erfülle. Nach europäischem Recht dürfen Ehepartner und Kinder nachgeholt werden. Aber wie kann es akzeptabel sein, dass Menschen nach Jahren der Vertreibung keinen Zugang zu ihren Müttern oder Geschwistern haben, insbesondere dann, wenn diese selbst Kriegsopfer geworden sind?

Ich halte diese Praxis für unmenschlich. Deshalb bin ich entschlossen, alle rechtlich zulässigen Mittel auszuschöpfen, einschließlich öffentlicher Proteste vor dem belgischen Außenministerium. Ziel ist eine erneute Prüfung der Fälle, die Gewährung von Asyl für alle Antragsteller auf belgischem Boden und eine Ausweitung der Familienzusammenführung. Wir werden dieses Thema weiterverfolgen, auch durch Solidaritätsaktionen.

JA: Sie haben gesagt, Ihre eigene Familie in die Niederlande holen zu wollen. Welche Hürden bestehen dabei weiterhin?

MA: Die größten Hürden liegen in den rechtlichen und bürokratischen Verfahren. Zwar regelt das europäische Recht die Mitnahme von Ehepartnern und Kindern, doch Eltern und Geschwister bleiben häufig ausgeschlossen. Für Menschen, die seit Jahren aus ihrer Heimat verbannt sind und deren Familien unter extremen Bedingungen leben, ist das kaum auszuhalten. Ich setze meine Bemühungen mit allen legalen Mitteln fort. Eine neue Initiative ist bereits in Vorbereitung. Sie zielt auf verstärkte Evakuierungsprogramme, Asylgewährung und eine erweiterte Familienzusammenführung. Auch für Eltern, Geschwister und andere enge Angehörige, die Schutz und familiäre Unterstützung benötigen.

Jenseits von Hamas und Fatah

JA: In Ihren Gesprächen mit Beamten haben Sie auch über die Integration bewaffneter Gruppen vor Ort in die Polizeistrukturen für den Osten von Rafah gesprochen. Was meinen Sie damit konkret?

MA: Zunächst habe ich den Sicherheitsaspekt betont, insbesondere die Terrorismusbekämpfung in Europa und die Notwendigkeit, Organisationen zur Rechenschaft zu ziehen, die terroristische Rhetorik verbreiten, ohne die Bevölkerung des Gazastreifens zu vertreten. Gleichzeitig haben wir unsere Bereitschaft signalisiert, freiwillig mit Sicherheitsbehörden zusammenzuarbeiten und Informationen auszutauschen. Die angestrebte Integration zielt darauf ab, junge Menschen in eine unabhängige Sicherheits- und Polizeistruktur einzubinden, die keinem politischen Flügel angehört, weder der Hamas noch der Fatah. Diese Struktur soll mit israelischen Sicherheitsakteuren im Süden Israels kooperieren, um die Sicherheit der Zivilbevölkerung im Gazastreifen zu gewährleisten.

JA: Sie wollen die Schirmherrschaft über eine geplante Sicherheitszone im Osten von Rafah übernehmen. Welche Rolle soll diese Zone künftig spielen?

MA: Die Arbeiten an der Sicherheitszone laufen derzeit. In Gesprächen mit Ghassan al-Dahini, dem Kommandeur der Anti-Terror-Operationen und Nachfolger des von der Hamas getöteten Yasser Abu Shabab wurde ein umfassendes Sicherheitskonzept vorgestellt. Al-Dahini koordiniert die Umsetzung gemeinsam mit den israelischen Bodentruppen. Aktuell werden Wasser- und Stromleitungen verlegt sowie Beleuchtungen installiert. Die Zone soll eine Alternative für Menschen bieten, die weder unter der Herrschaft der Hamas noch der Fatah leben möchten. Für jene, die ihre Häuser verloren und Marginalisierung erfahren haben, kann sie einen Ort relativer Stabilität und Sicherheit darstellen.

Mohammed Nafez Altlooli ist Autor und Friedensaktivist. Er war als Koordinator für zivile Angelegenheiten tätig und ist eine führende Persönlichkeit in der von Jugendlichen geführten Bewegung Bedna Naeesh (»Wir wollen leben«) im Gazastreifen. Seine Arbeit konzentriert sich auf die Bekämpfung extremistischer Ideologien sowohl im Nahen Osten als auch im Westen.

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