Das Taliban-Verbot für Mädchen, länger als sechs Jahre die Schule zu besuchen, führt zu einem starken Anstieg der Kinderehen und der vorzeitigen Mutterschaft in Afghanistan.
Vor kurzem berichtete Nilofar Ayoubi auf Mena-Watch über die Auswirkungen des von den Taliban verhängten Schulverbots für Mädchen über elf Jahren. Eine dieser Auswirkungen sei ein starker Anstieg von Verheiratungen junger Frauen, so Ayoubi in ihrem Text. Zwanzig Jahre lang sei die Schulbildung die effektivste Schutzmauer gegen Kinderheirat gewesen, doch die Taliban hätten diese in nur vier Jahren eingerissen. »Vor 2021 wurden etwa 28 Prozent der afghanischen Frauen vor ihrem achtzehnten Geburtstag verheiratet. Die UNO schätzt, dass allein das Bildungsverbot das Risiko von Kinderheirat um ein Viertel erhöht hat. Eine Umfrage aus dem Jahr 2023 ergab denn auch, dass die Quote auf 39 Prozent gestiegen war.«
Laut dem UNO-Kinderhilfswerk UNICEF sind es mehr als 2,2 Millionen afghanische Mädchen, denen seit der Rückkehr der Taliban an die Macht der Zugang zu Bildung über die sechste Klasse hinaus verwehrt wird und die nun von Zwangsehe und vorzeitiger Mutterschaft bedroht sind. Das Afghanistan Human Rights Center berichtet von Schätzungen, dass siebzig Prozent der aus der Schule gedrängten Mädchen danach zwangsverheiratet worden seien. Eine Umfrage unter fünfzehn davon Betroffenen ergab, dass zwei Drittel von ihnen unter achtzehn Jahre alt waren.
Während die afghanischen Gesetze vor 2021 Ehen unter fünfzehn Jahren unter Strafe stellten, strich ein Taliban-Dekret aus diesem Jahr jegliche Festlegung eines Mindestalters. Ein zeitgleich erlassenes Scheidungsgesetz verweigert Mädchen, die später angeben, gegen ihren Willen verheiratet worden zu sein, die Scheidung, wenn ihr Ehemann dem nicht zustimmt.
Minderjährige Mütter
Was Regelungen wie diese bedeuten, stellt der Guardian in einer aktuellen Reportage dar. Dort berichtet die britische Tageszeitung von Gesprächen mit drei Familien, deren Töchter keine neun Jahre alt waren, als sie als Braut versprochen wurden. Die Jüngste war gerade einmal zwei Monate alt, als ihre Ehe arrangiert wurde. In allen Fällen verpflichteten sich die Familien, die Mädchen ihren zukünftigen Ehemännern zu übergeben, sobald diese zwischen sieben und neun Jahre alt sind.
In seiner Reportage lässt der Guardian auch eine gerade achtzehnjährige Frau zu Wort kommen, die mit dreizehn verheiratet wurde und bereits vier Kinder zur Welt gebracht hat: »Nachdem die Taliban ins Land gekommen waren, hatte ich gerade die sechste Klasse abgeschlossen und sollte eigentlich in die siebte kommen. Doch zwei Monate später übte mein Vater enormen Druck auf mich aus, meinen Cousin zu heiraten. Nachdem ich mehrmals von meinem Vater geschlagen worden war, musste ich zustimmen.«
Dass solche Fälle längst keine Ausnahme mehr sind, wird nicht nur durch die zitierten Statistiken deutlich, sondern auch durch Aussagen von Mitarbeitern aus dem Gesundheitssystem belegt. So berichtet der Guardian von einem öffentlichen Krankenhaus im Norden Afghanistans, in dem in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 42 minderjährige Mädchen ein Kind zur Welt brachten. Sechs davon befanden sich in ihrer zweiten Schwangerschaft. Fünf hatten eine Eileiterschwangerschaft – eine der Hauptursachen für Müttersterblichkeit. Zwei starben, ihre Babys überlebten jedoch.
Während in Afghanistan die Ansicht weit verbreitet ist, je jünger die Mutter, desto gesünder das Kind, warnt die Weltgesundheitsorganisation vor Schwangerschaften unter zwanzig Jahren, da für Mütter und Babys erhebliche gesundheitliche Folgen drohen. So haben Minderjährige oft ihre körperliche und psychische Entwicklung noch nicht abgeschlossen und sind einem höheren Risiko für starke Blutungen, Anämie, Fehlgeburten, Geburtskomplikationen und Frühgeburten ausgesetzt. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass das Kind ein zu geringes Geburtsgewicht aufweist oder gesundheitlich beeinträchtigt ist.
Ein Bericht des Büros der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) vom Juni bezifferte die Müttersterblichkeitsrate in Afghanistan dann auch auf 600 pro 100.000 Lebendgeburten, verglichen mit 16 bzw. 155 in den Nachbarländern Iran und Pakistan. (Zum Vergleich: In Österreich sind es 5 pro 100.000.) Neben dem rasanten Anstieg der Kinderehen nannte der Bericht auch einen Mangel an medizinischem Personal in ländlichen Gebieten sowie die Einschränkungen für Frauen im Gesundheitswesen als Gründe.
Bereits im Dezember 2024 untersagten die Taliban Frauen die Ausbildung zur Hebamme und Krankenschwester. In einem System, in dem die Geschlechtersegregation auch im Gesundheitswesen gilt, kommt das einem Todesurteil gleich, worauf auch Ayoubi in ihrem Mena-Watch-Text hinwies: »Afghanistan verliert bereits etwa alle zwei Stunden eine Frau durch Schwangerschaft oder Geburt. Damit weist das Land eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten weltweit auf.«
Rechtlose Frauen
Doch nicht nur Kinderehen erlauben die Taliban mittlerweile explizit. Vielmehr treiben sie systematisch die völlige Entrechtung von Frauen und Mädchen voran. Laut einer im Januar verabschiedeten Strafprozessordnung unterstehen diese wahlweise der Aufsicht ihrer Väter oder Ehemänner, können beliebig bestraft und geschlagen werden. Einzig Knochen sollten dabei nicht gebrochen werden, so die Verordnung, die eine Strafe von maximal fünfzehn Tagen Gefängnis für solch ein Vergehen vorsieht. In der Öffentlichkeit dürfen sich Frauen ohnehin seit 2022 nur noch sehr begrenzt aufhalten, und dann auch nur unter einer Burka.
All dies vollzieht sich weitgehend unbemerkt von der Welt – und die ohrenbetäubende Stille, die in westlichen Menschenrechtskreisen diesbezüglich herrscht, lässt befürchten, dass sich daran so schnell nichts ändern wird.
